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Foto Kiefer - credit AGES
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Univ.-Doz. Mag.
Dr. Ingrid Kiefer


Unbenannt-1
Mag. Bettina Meidlinger
 
Sportmedizin 31. Dezember 2011

Ernährungsmärchen Teil 5: Fructose ist der bessere Zucker

Ein zuckersüßes Märchen?

Vielfach wird angenommen, dass Fructose der "bessere" Zucker ist, da er in natürlicher Form in Früchten vorkommt. Auch die Meinung, dass Fructose weniger Kalorien als andere Zuckerarten wie beispielsweise normaler Haushaltszucker hat, ist weit verbreitet. Hat Fruchtzucker tatsächlich weniger Kalorien als normaler Haushaltszucker und welche Effekte hat der Konsum von Fruchtzucker möglicherweise auf den Stoffwechsel?

Fructose (Fruchtzucker) ist ein Einfachzucker, der natürlicherweise vor allem in Früchten und Honig vorkommt, aber auch Bestandteil verschiedener Zuckerarten unter anderem der Saccharose (Haushaltszucker) ist. Fructose ist aber auch als Süßungsmittel in reiner Form erhältlich und wird vielfach zum Süßen von Getränken und anderen Nahrungsmittel verwendet. Fructose besitzt die höchste Süßkraft aller Zucker [1], ist aber im Vergleich zu anderen Zuckerarten wie etwa Haushaltszucker, Traubenzucker, Milchzucker oder Malzzucker mit einem Kaloriengehalt von 406 kcal/100 g genauso energiereich [2].

Da Fructose im Vergleich zu Glucose zu einer geringeren Insulinausschüttung führt, wird Fructose häufig als Zuckeraustauschstoff verwendet [3]. Erste Studien deuten darauf hin, dass eine hohe Fructoseaufnahme ungünstige Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben könnte. So gibt es beispielsweise Hinweise, dass Fructose die Ausschüttung bestimmter Hormone, die für die Hunger- und Sättigungsregulation verantwortlich sind, beeinflussen und zu einer geringeren Ausschüttung von Leptin und möglicherweise einer höheren Ausschüttung von Ghrelin führen könnte. Dieser Effekt könnte eine geringere Sättigung bewirken. Ein langzeitig hoher Konsum von Fructose könnte dadurch zu einer erhöhten Kalorienaufnahme und einem erhöhten Risiko für Gewichtszunahme bzw. Übergewicht führen
[4, 5, 6, 7].

Langzeitstudien sind jedoch erforderlich, um diese möglichen Effekte zu untersuchen und eine wissenschaftlich fundierte Aussage treffen zu können [8, 9]. Einige Studien deuten auch darauf hin, dass der Konsum von fructose-gesüßten Getränken zu einem Anstieg der postprandialen Triglyceridkonzentration führen kann [10, 11]. In einer Metaanalyse waren hingegen nach dem Konsum von Fructose keine signifikanten Effekte auf die postprandiale Triglyceridkonzentration beobachtbar, außer wenn mehr als 50 g Fructose pro Tag aufgenommen wurden [12].

Fructose scheint bei gesunden Personen auch die Lipogenese (Neubildung von Fetten) sowie die Einlagerung von Fetten aus der Nahrung stärker zu stimulieren als Glucose [13].

Eine hohe Zufuhr von Fructose könnte in diesem Zusammenhang auch mit der Entwicklung einer nicht-alkoholisch bedingten Fettleber stehen [3]. In einer aktuellen Studie konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Personen mit nicht-alkoholisch bedingter Fettleber im Vergleich zur Kontrollgruppe einen 2- bis 3-fach höheren Konsum von Fructose aufwiesen [14].

In der Nurses Health Study I und II sowie der Health Professional Followup Study wurde weiters beschrieben, dass eine hohe Aufnahme von Fructose das Risiko für die Entwicklung von Nierensteinen signifikant erhöhen kann [15].

Eine hohe Aufnahme von mit Zucker gesüßten Getränken, einer wesentlichen Quelle für Fructose, wird auch mit erhöhten Harnsäurewerten bei Jugendlichen [16] und Erwachsenen [17] assoziiert. Aus den Ergebnissen der Health Professionals Follow-up Study, durchgeführt an 46.393 Männern, geht weiters hervor, dass mit steigendem Konsum von Fructose (gesamt und in freier Form), Fruchtsäften sowie mit Zucker gesüßten Getränken auch das Risiko für Gicht signifikant ansteigen kann.

Hinweise deuten aber auch darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit dem Konsum fructosehältiger Obstsorten geben könnte. In Bezug auf die Gesamt-Fructosezufuhr war das Risiko in der höchsten Quintile im Vergleich zur niedrigsten (11,8 En% vs. 6,9 En%) um 81 Prozent erhöht.

Beim Konsum von mindestens zwei Fruchtsaftgetränken pro Tag im Vergleich zu weniger als einem Fruchtsaftgetränk pro Monat erhöhte sich das Risiko für Gicht ebenfalls um 81 Prozent. Der einmal tägliche Konsum von mit Zucker gesüßten Getränken führte zu einer Steigerung des Gichtrisikos um 45 Prozent und der mindestens zweimal tägliche Konsum um 85 Prozent. Kein Zusammenhang konnte beim Konsum süßstoffgesüßter Getränke beobachtet werden [18].

Problematisch ist die Aufnahme von Fructose auch bei Fructoseintoleranz (einer selten auftretenden angeborenen Störung des Fructosestoffwechsels) sowie der sehr viel häufigeren Fructosemalabsorption. Bei einer Fructosemalabsorption liegt ein angeborener oder erworbener Defekt des Glucosetransporters GLUT-5 im Dünndarm vor, der zu einer inkompletten intestinalen Fructoseabsorption führt. Die Resorption der Fructose kann dadurch erheblich reduziert sein.

Die Transportkapazität von GLUT-5 wird auch durch die gleichzeitige Zufuhr anderer Kohlenhydrate beeinflusst. Die alimentäre Aufnahme von Sorbit kann den Fructosetransport vorübergehend hemmen, während die gleichzeitige Anwesenheit von Glucose die Restaktivität des Transporters anregt.

Aus diesem Grund wird auch bei der Fructosemalabsorption die Saccharose relativ gut resorbiert [19]. Die Fructoseverträglichkeit ist von Person zu Person unterschiedlich und muss individuell getestet werden. Während manche schon auf kleine Mengen Fructose reagieren, sind andere bei Mengen bis zu 30 oder 50 g beschwerdefrei [20].

Die Symptome der Fructosemalabsorption sind von verschiedenen Einflussfaktoren wie beispielsweise der Art und Menge der Darmbakterien, der Lokalisation des Abbaus der Fructose, der Menge der verzehrten Fructose, aber auch der Höhe der Absorptionskapazität sowie dem Anteil weiterer Nahrungsbestandteile wie Sorbit oder Glucose abhängig [19].

Fructose ist nicht zwangsläufig der „bessere“ Zucker. In der wissenschaftlichen Literatur werden zum Teil ungünstige Wirkungen einer hohen Fructosezufuhr auf den Stoffwechsel diskutiert.

Die aktuelle Datenbasis ist aber noch nicht ausreichend um überzeugende evidenzbasierte Aussagen daraus ableiten zu können.

Literatur

[1] DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Fructose, DGEInfo 01/2006, www.dge.de.

[2] Bundeslebensmittelschlüssel (BLS II.3.1)

[3] BfR. Erhöhte Aufnahme von Fruktose ist für Diabetiker nicht empfehlenswert. Stellungnahme Nr. 041/2009 des BfR vom 06. März 2009.

[4] Teff KL, Elliott SS, Tschöp M, et al. Dietary fructose reduces circulating insulin and leptin, attenuates postprandial suppression of ghrelin, and increases triglycerides in women, J Clin Endocrinol Metab, 89 (6): 2963-2972, 2004.

[5] Lane MD, Cha SH. Effect of glucose and fructose on food intake via malonyl-CoA signaling in the brain, Biochem Biophys Res Commun, 382 (1): 1-5, 2009.

[6] Barth CA. Die Bedeutung des Verzehrs von Mono- und Disacchariden in Getränken für die Entwicklung von Übergewicht und die Gesundheit, Aktuelle Ernährungsmedizin, 31: 55-S60, 2006.

[7] Bray GA. Soft drink consumption and obesity: it is all about fructose, Curr Opin Lipidol, 21 (1): 51-57, 2010.

[8] Stanhope KL, Havel PJ. Endocrine and metabolic effects of consuming beverages sweetened with fructose, glucose, sucrose, or highfructose corn syrup, Am J Clin Nutr, 88 (6): 1733S-1737S, 2008.

[9] Melanson KJ, Angelopoulos TJ, Nguyen V, et al. High-fructose corn syrup, energy intake, and appetite regulation, Am J Clin Nutr, 88 (6): 1738S-1744S, 2008.

[10] Swarbrick MM, Stanhope KL, Elliott SS, et al. Consumption of fructose-sweetened beverages for 10 weeks increases postprandial triacylglycerol and apolipoprotein-B concentrations in overweight and obese women, Br J Nutr, 100 (5): 947-952, 2008.

[11] Teff KL, Grudziak J, Townsend RR, et al. Endocrine and metabolic effects of consuming fructose- and glucose-sweetened beverages with meals in obese men and women: influence of insulin resistance on plasma triglyceride responses, J Clin Endocrinol Metab, 94 (5): 1562-1569, 2009.

[12] Livesey G, Taylor R. Fructose consumption and consequences for glycation, plasma triacylglycerol, and body weight: meta-analyses and meta-regression models of intervention studies, Am J Clin Nutr, 88 (5): 1419-1437, 2008.

[13] Parks EJ, Skokan LE, Timlin MT, et al. Dietary sugars stimulate fatty acid synthesis in adults, J Nutr, 138 (6): 1039-1046, 2008.

[14] Ouyang X, Cirillo P, Sautin Y, et al. Fructose consumption as a risk factor for non-alcoholic fatty liver disease, J Hepatol, 48 (6): 993-999, 2008.

[15] Taylor EN, Curhan GC. Fructose consumption and the risk of kidney stones. Kidney Int, 73 (2): 207-212, 2008.

[16] Nguyen S, Choi HK, Lustig RH, et al. Sugarsweetened beverages, serum uric acid, and blood pressure in adolescents, J Pediatr, 154 (6): 807-813, 2009.

[17] Choi JW, Ford ES, Gao X, et al. Sugarsweetened soft drinks, diet soft drinks, and serum uric acid level: the Third National Health and Nutrition Examination Survey, Arthritis Rheum, 59 (1): 109-116, 2008.

[18] Choi HK, Curhan G. Soft drinks, fructose consumption, and the risk of gout in men: prospective cohort study, BMJ, 336 (7639): 309-312, 2008.

[19] DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Fructosemalabsorption, DGEInfo 12/2005 – Beratungspraxis,www.dge.de.

[20] DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Essen und Trinken bei Fructosemalabsorption, DGE-Infothek, 2008, www.dge.de.

 

Zur Person

Univ.-Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer hat ein Studium irregulare der Ernährungswissenschaften an der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur absolviert. Seit 1993 ist sie in die Liste der GesundheitspsychologInnen eingetragen. Dr. Kiefer arbeitete von 1988 bis 2007 am Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, wobei sie sich vor allem den Schwerpunkten Ernährungsepidemiologie, Prävention ernährungsassoziierter Krankheiten, Ernährungsberatung und Gewichtsreduktion widmete. Zu diesen Themen hat die Ernährungsexpertin auch zahlreiche Ratgeber-Bücher verfasst oder mitverfasst. Seit seit März 2007 leitet Frau Dr. Kiefer das Kompetenzzentrum Ernährung & Prävention und seit Oktober 2008 auch die Unternehmenskommunikation bei der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH). Im Fonds Gesundes Österreich ist sie seit Mai 2004 im Fachbeirat vertreten.

Mag. Bettina Meidlinger hat an der Universität Wien Ernährungswissenschaften studiert und absolviert derzeit das Doktoratstudium der medizinischen Wissenschaft an der Medizinischen Universität Wien. Neben wissenschaftlichen Tätigkeiten ist sie auch in der Ernährungsberatung tätig und seit Februar 2008 im Kompetenzzentrum Ernährung & Prävention in der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) beschäftigt.


 

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