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Foto: Otto Bock
Snow Dome in Whistler: Im Original-Sledge-Eishockeyschlitten auf Torjagd.
Foto: Otto Bock / Foto Weinwurm

Martin Hollitsch Geschäftsleiter Vertrieb des Medizinprodukteherstellers Otto Bock Österreich

 
Sportmedizin 16. März 2010

Besondere Sportler

„Bei den Paralympics steht die Leistung viel mehr im Mittelpunkt“

Die sportlichen Leistungen von Menschen mit Handicap werden – obwohl teilweise unglaublich – kaum wahrgenommen. Medizinprodukte-Hersteller Otto Bock tritt deshalb nicht nur als Unternehmer auf, sondern auch als Sponsor.

 

Vom 12. bis zum 21. März 2010 finden nach den Olympischen Winterspielen auch die 10. Winter-Paralympics in Vancouver statt. Die Ärzte Woche führte mit Martin Hollitsch, dem Geschäftsleiter Vertrieb des Medizinprodukteherstellers Otto Bock Österreich, der auch die ehrenamtliche Funktion eines Vorstandmitgliedes des Österreichischen Paralympischen Committees bekleidet, ein Gespräch über gehandicapte Sportler, deren Ausstattung und das Bild des behinderten Athleten in der Öffentlichkeit.

 

Es stehen die Paralympics in Vancouver an. Otto Bock tritt immer wieder als wichtiger Paralympics-Sponsor auf. Was tun Sie genau?

HOLLITSCH: Unser Unternehmen ist bereits seit 1988 Unterstützer der Paralympischen Spiele, eine enge Kooperation mit dem Internationalen Paralympischen Komitee gibt es seit 2005. Der österreichische Zweig des Unternehmens, mit dem Standort Wien, ist seit dem letzten Jahr Sponsor des Österreichischen Paralympischen Committees und ich bin stolz darauf, dass ich als Verwaltungsmitglied dort auch vertreten bin und nun sogar das Österreich-Haus in Vancouver managen darf.

Als Sponsor unterstützen wir vor Ort die Athleten – und zwar alle, nicht nur jene mit Otto-Bock-Prothesen – normalerweise mittels unserer Techniker, das heißt, wenn beispielsweise ein Rollstuhl gebrochen ist, dann schweißen wir den wieder zusammen. Bei den Veranstaltungen heißt es in solchen Fällen: „Ich geh zu den Böcken.“ Bei den Sommerspielen 2008 in Peking entsendete Otto Bock rund 130 Techniker. Dies ist in Vancouver erstmalig nicht möglich, da die Veranstalter diese Unterstützung mit ansässigen Unternehmern bieten. Dazu muss gesagt werden, dass ein Beistand bei den Winterspielen nicht in solchen Dimensionen wie bei den Sommer-Paralympics notwendig ist, da die Sportler zumeist ohne Prothese fahren.

 

Und trotzdem ist Ihr Unternehmen in Vancouver vertreten?

HOLLITSCH: Natürlich! Otto Bock betreibt im Zentrum von Whistler die interaktive Ausstellung „Spirit in motion – discover what moves us“. In einer freitragenden Halbkugel, dem sogenannten Snow-Dome, informiert unsere Firma über die paralympische Bewegung und die entsprechende Technologie. Außerdem möchten wir die breite Bevölkerung für das Thema Behinderung sensibilisieren und die enorme Leistung der gehandicapten Sportler beschreiben, beispielsweise können die Besucher in einem Original-Sledge-Eishockeyschlitten von Otto Bock auf Torjagd gehen. Wir spannen in der Ausstellung im Snow-Dome eine Brücke zwischen Spitzensport und Alltagsmobilität, wobei wir die Hilfsmittel von der Beinprothese bis zum Rollstuhl erklären.

 

Gibt es in Ihrem Unternehmen eine eigene Abteilung für die Entwicklung von Sportgeräten oder werden normale Prothesen adaptiert?

HOLLITSCH: In der Prothetik gibt es normalerweise nur Spezial- bzw. Maßanfertigungen. Natürlich haben wir bei Otto Bock ein Programm, das sich in erster Linie mit Prothesen und Rollstühlen für sportliche Betätigungen auseinandersetzt. So gibt es etwa Rollstühle für Rugby, Basketball und vieles mehr. Hier hat vor allem die Kooperation mit der Firma Wolturnus viele Innovationen hervorgebracht.

 

Wie wichtig ist da das Feedback aus solchen Veranstaltungen gerade für die Entwicklung „normaler“ Prothesen? Kann man sich das so vorstellen wie in der Formel 1, wo Innovationen über kurz oder lang den Weg in den normalen PKW finden?

HOLLITSCH: Jedes Feedback ist gut, aber natürlich ist jenes der Sportler für uns insofern bedeutend, als sie ein besonderes Körpergefühl haben und daher unheimlich wichtige Parameter für unsere Ingenieure liefern. Ganz klar, dass all diese Erfahrungen früher oder später in die Entwicklung der Prothese bzw. des Rollstuhls von morgen einfließen. War vor einigen Jahren der Behindertensport noch eine schöne Nebenbeschäftigung, so wird er zunehmend wichtig und damit auch das Material und die Anforderungen an unsere Prothesen und Geräte.

 

Eigentlich ist man sich einig, dass Spitzensport nicht gesund ist. Tut man Menschen mit Handicap einen Gefallen, wenn man sie zur Teilnahme an den Paralympics motiviert?

HOLLITSCH: Sportler mit Handicap nehmen aus eigener Motivation an den Spielen teil. Diese Entwicklung findet bereits während der Rehabilitation statt. Die Betroffenen erkennen sehr bald, dass mit Hilfe technischer Unterstützung auch im Sport großartige Leistungen möglich sind. Erstaunlich ist, wie viele Menschen sich z.B. nach einer Amputation ernsthaft auf den Sport einlassen. Früher war das ganz anders, Sport war für die meisten eine Freizeitbeschäftigung. Wenn so nebenbei auch sportlich gute Leistungen erzielt wurden, dann beschloss man, auch mal an den Paralympics teilzunehmen. Doch die heutigen Sportler bringen unglaubliche Spitzenleistungen, trainieren täglich und hängen manchmal sogar ihren Beruf an den Nagel, um sich ausschließlich dem Sport zu widmen.

 

Wie finanzieren sich jene Menschen, die sich mit Haut und Haaren dem Spitzensport verschrieben haben? Es gibt ja hier kaum Gelder aus dem öffentlichen Sektor.

HOLLITSCH: Die Entsendung der österreichischen Sportler nach Vancouver kostet ca. 600.000 Euro. Davon wird ein Drittel von der öffentlichen Hand getragen, die fehlenden zwei Drittel von Sponsoren- und Spendengeldern beglichen. Für Otto Bock ist nicht nur Behinderungen zu enttabuisieren ein wichtiges Ziel. Auch Gleichberechtigung für gehandicapte Sportler sollte für alle selbstverständlich sein. Heuer konnten wir einen Erfolg verbuchen: Die Athleten mit Handicap erhalten die gleiche Einkleidung wie ihre nichtbehinderten Kollegen. Diese kleinen Siege täuschen selbstverständlich nicht darüber hinweg, dass wir im Behindertensport trotz vieler Sponsorengelder viel mehr finanzielle Zuwendung brauchen. Wir von Otto Bock haben uns aber dazu entschlossen, keine Einzelsportler, sondern die Paralympics zu unterstützen, denn gerade hier stehen ganz tolle Menschen und deren faszinierende Leistungen im Mittelpunkt – und nicht nur die Jagd nach Medaillen.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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