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Sportmedizin 23. Februar 2010

„Trotz optimaler Kleidung ist Härte die beste Ausrüstung“

Sport in extremer Kälte – was muss aus medizinischer Sicht bedacht werden?

Das Hauptproblem bei Betätigungen in kalter Umgebung ist vor allem die Auskühlung der Haut. Ob dagegen mit Cremen, Kopftuch oder beheizter Kleidung vorgegangen werden sollte, verriet uns der österreichische Olympiaarzt Prof. Mag. DDr. Anton Wicker.

 

Nach Montreal 1976 und Calgary 1988 ist Vancouver die dritte kanadische Stadt, in der Olympische Spiele stattfinden. Bemerkenswerterweise ist just diese Stadt im Vergleich zu anderen Regionen Kanadas aufgrund ihrer Nähe zum Meer bekannt für ihre ungewöhnlich milden Winter. Ausnahmsweise müssen sich die österreichischen Wintersportler daher nicht mit tiefen Temperaturen herumschlagen, dabei hätten sie mit ihrem Teamarzt Prof. Mag. DDr. Anton Wicker einen ausgesprochenen Experten auf diesem Gebiet zur Hand.

 

Der Volksmund sagt: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Kleidung.“ Was sagen Sie dazu und inwiefern stimmt das für den Extremsport, wo mitunter Zehntelsekunden wichtiger sind als die Gesundheit?

WICKER: Dieser Satz hat heute an Bedeutung gewonnen – die zeitgemäße Kleidungsindustrie hat zweifelsohne Materialen entwickelt, die zum Sporttreiben wesentlich besser geeignet und spezifisch funktionsfähiger sind als Loden, Baumwolle und andere natürliche Stoffe. Moderne Kleidung, wie etwa Windstopper, können auch die außen liegenden Geschlechtsorgane schützen. Dieses vor Jahren noch evidente Problem haben wir heute gut unter Kontrolle.

Aber auch der Schutz der Gesichtshaut hat vordringliche Priorität, daher sollte sie mithilfe großer, geschlossener Brillen vor dem Fahrtwind geschützt werden. Und dann ist da noch der Kopf. 90 Prozent der Wärme wird über den Kopf verloren, daher der alte Spruch: wenn du kalte Füße hast, dann setze eine Haube auf.

Und trotzdem gilt auch weiterhin, dass die psychologische Grundeinstellung des Sportlers für den Erfolg entscheidend ist – selbst bei schlechtesten Wetterbedingungen. Hier fällt mir ein anderer Spruch aus Vorzeiten ein: Härte ist die beste Schlechtwetterausrüstung. So können auch Kleidungsmängel kompensiert werden.

 

Für den Amateursport wird beheizte Kleidung angeboten. Spricht etwas dagegen?

WICKER: Ich bin kein Freund einer beheizten Kleidung. Schließlich hat der Körper im Normalfall seine eigene fein abgestimmte Temperaturregulation, die sich bei Belastung dem auftretenden notwendigen Wärmefluss anpasst. Außerdem denke ich, dass Kleidung dieser Art noch nicht ausgereift ist. Das gilt auch für die heute so häufig angebotenen Skischuhe. Weitere technische Entwicklungen sind also noch abzuwarten.

 

Die alpinen und nordischen Bewerbe der Olympischen Winterspiele 2010 werden in Whistler ausgetragen, das etwa 100 Kilometer von Vancouver entfernt ist. Wie steht es dort mit den Temperaturen?

WICKER: Whistler liegt im Gegensatz zu anderen Austragungsorten relativ nahe dem Pazifik, das heißt, es ist dort eher feucht und nicht mit tiefen Temperaturen jenseits von minus 25 Grad Celsius zu rechnen. Derzeit ist es sogar so warm, dass der Schnee schmilzt und es sogar bis hoch hinauf geregnet hat. Mit tiefen Temperaturen ist hier also nicht zu rechnen.

Ist die Wärmeregulation bei Profisportlern überhaupt ein Thema? Und was können Sie als Arzt tun, um den Sportlern beizustehen?

WICKER: Das ist bei olympischen Sportarten tatsächlich kein wesentliches Thema, denn im Gegensatz zu Aktivitäten wie dem Bergsteigen können wir immer wieder unmittelbar geheizte Räume aufsuchen.

Das Hauptproblem ist ja die Haut. Gerade bei hohen Geschwindigkeiten um die 100 Stundenkilometer können direkt an der Gesichtshaut Temperaturen von bis zu minus 60 Grad auftreten und Frostschäden am Gewebe provozieren. Hier sollten wir als Ärzte vor allem präventiv wirken und etwa Kältecremen auf Fettbasis – ohne Wassergehalt! – einmahnen.

 

Im Rahmen des Wintersportes werden große Mengen kalter, trockener Luft inhaliert. Was sind die Konsequenzen und was tun unsere Olympioniken dagegen?

WICKER: Dies ist zweifelsohne ein Problem – insbesondere beim Langlauf. Der Körper im Allgemeinen und die Schleimhäute im Speziellen können sich bis zu einem gewissen Grad an Kälte anpassen, auch wenn dies mehrere Wochen braucht. Daher ist eine frühzeitige Anreise zu solchen Kälteorten – etwa Sibirien oder Nordskandinavien – angeraten. Das ist natürlich aufgrund des Wettkampfplanes nicht immer möglich. Daher müssen wir auch hier präventive Maßnahmen setzen, etwa kürzere Trainingseinheiten mit verringerter Intensität oder verstärkte Flüssigkeitszufuhr. Bei Letzterem ist darauf zu achten, dass die Getränke warm und nicht heiß sind. Masken haben sich wegen der eingeschränkten Atmung eher nicht bewährt.

 

Wie sieht es mit der Flüssigkeitsaufnahme bei Ausdauersportarten in kalter Umgebung (etwa dem Langlaufen) aus?

WICKER: Ist kein wesentliches Problem, da beim Training, besonders aber beim Wettkampf, insbesondere bei Großereignissen, genügend Labestationen vorhanden sein müssen, wo den Athleten warme Getränke (nicht heiß) angeboten werden, sodass für den individuellen Flüssigkeitsersatz gesorgt ist - und der Absprache mit den Betreuern auf der Strecke.

 

Leistungssportler sollten nicht aufwärmen, sondern abkühlen. Das empfahlen Sportwissenschaftler der Uni Dortmund. Dies stärke langfristig Sauerstoffversorgung und Blutkreislauf und helfe, Energie zu sparen und die Leistung zu verbessern. Was sagen Sie zu dieser ungewöhnlichen Ansicht?

WICKER: Es ist bekannt, dass kühleres Blut für die Sauerstoffversorgung der Zelle günstiger ist – dies hat aber bei Wintersportarten, im Gegensatz zu Sportarten, die unter Hitze durchgeführt werden, absolut keine Bedeutung. Wir müssen – wie es schon immer üblich war – aufwärmen.

 

Was sollte der Arzt bei Unterkühlung und Erfrierungen tun und was tunlichst vermeiden?

WICKER: Zunächst sollten Erfrierungen rechtzeitig erkannt werden, etwa durch eine Weißfärbung der betroffenen Hautgebiete. Diese Stellen dürfen keineswegs gerieben oder gedrückt und sollen stattdessen mit sterilen Kompressen leicht abgedeckt werden. Die Extremitäten sollten in Neutralstellung, die Finger nicht nach oben und auch nicht nach unten – ohne Druck des Eigengewichtes der Extremität – gelagert werden.

Da wir bei olympischen Sportarten immer eine Klinik in kurzer Zeit erreichbar haben, ist eine weitere Therapie, etwa Auftauen während des Transportes, als Erste Hilfe nicht notwendig.

 

Auf welche Sportarten sollten Laien im Winter besser verzichten? Ist beispielsweise das Joggen auch bei kalten Umgebungstemperaturen anzuraten?

WICKER: Generell muss auf keinen Sport verzichtet werden, sofern diverse Grundsätze berücksichtigt werden, etwa die langsame, wochenlange Gewöhnung an die Kälte oder eine adäquate Kleidung und Ausrüstung. Dabei darf das Wichtigste niemals aus den Augen verloren werden, nämlich die Freude an der Bewegung in der freien Natur, zu der das Wetter Gott sei Dank dazugehört.

 

Das Gespräch führte – per E-mail – Raoul Mazhar

Zur Person
Prof. Mag. DDr. Anton Wicker

Nach Beendigung seiner Laufbahn als Leistungssportler (alpiner Schilauf, Leichtathletik) absolvierte Anton Wicker die Lehramtsstudien in Biologie und Umweltkunde und das Medizinstudium. Dabei blieb er dem Sport auch in der Praxis treu und legte die Prüfungen zum Österreichischen Skilehrer, Österreichischen Leichtathletiktrainer und Skitrainer mit Erfolg ab.
Der Weg zum Sportmediziner war eine logische Folge. Wicker erwarb das Sportärztediplom der Österreichischen Ärztekammer und den Additivfacharzt für Physikalische Sportheilkunde. Seit 1981 ist Wicker Teamarzt des Österreichischen Skiteams sowie WM- und Olympiaarzt. Wicker ist Physikalischer Mediziner und Rehabilitationsmediziner sowie Vorstand der Universitätsklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der PMU am Universitätsklinikum in Salzburg.

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