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Foto: Wilke
Prim. Dr. Andreas Winkler Haus der Barmherzigkeit, Wien
 
Sportmedizin 26. November 2008

Der Kick in luftiger Höh‘

Die Internationale Sportärztewoche steht wieder einmal bevor (7. bis 12. Dezember) In Zell am See/Kaprun beschäftigen sich die Sporttherapeuten diesmal mit alpinen Grenzgängern.

Extremsportler faszinieren einerseits und sind andererseits harscher Kritik ausgesetzt. Ein Kongress setzt diese besonderen Menschen in den Mittelpunkt.

 

Die Internationale Sportärztewoche in Zell am See/Kaprun vom 7. bis 12. Dezember geht heuer zum 24. Mal an den Start. Seit sieben Jahren ist Dr. Andreas Winkler, Vorstand der Abteilung für Gerontoneurologie und Neurologische Rehabilitation am Wiener Haus der Barmherzigkeit, für das Programm mitverantwortlich. Das Thema des diesjährigen Kongresses lautet Alpin X-treme.

 

Sie organisieren in diesem Jahr wieder die „Sportärztewoche“, eine beliebte Veranstaltung mit Tradition. Wie kamen Sie auf das Leitthema „Alpin X-treme“? Winkler: Unser Ziel ist es, Sportmedizinern und allen Berufsgruppen, also auch Sportwissenschaftern, Therapeuten und Psychologen, die sich mit sportmedizinischen Themen in der täglichen Praxis beschäftigen, einen interdisziplinären Zugang zu den vielgestaltigen Facetten dieses wichtigen Fachbereiches zu geben. Dabei gilt es, den aktuellen Wissenstand in Form von Workshops und durch offene Diskussionen im Rahmen von Kleingruppen mit Bezug zur Praxis aufzuarbeiten. Die Sportärztewoche besitzt traditionell eine inhaltliche Nähe zum alpinen Wintersport, weshalb wir auch immer versuchen, aktuelle Trends und Entwicklungen in diesem Bereich aufzugreifen. Bereits vor den Meldungen über die zahlreichen Todesfälle im hochalpinen Bereich, denken Sie nur an die Todesfälle am K2, am Nanga Parbat oder auf der Zugspitze im heurigen Jahr, hat uns die Frage interessiert, inwieweit diese Ereignisse noch einen Bezug zum klassischen Verständnis des Sports aufweisen. Alpiner Hochleistungssport definiert sich heute wie auch alle anderen Sportarten über ein „höher, weiter und schneller“. Extreme Leistungen bedingen besondere Rahmenbedingungen, die zu diskutieren wir uns heuer ausführlich Zeit nehmen wollen. Daneben widmen wir uns aber auch einer Vielzahl an internistischen und traumatologischen Aspekten der Sportmedizin und führen eine eigene Programmschiene zur Rehabilitation nach Sportverletzungen.

 

Ist Extremsport nicht eher eine Lebenseinstellung als ein Sport? Winkler: Es verlangt sicherlich ein besonderes psychologisches Moment, um sich etwa vorzunehmen, alle Achttausender der Welt in einem Jahr zu besteigen. Ein Grund, der Risikosportler immer wieder veranlasst, risikoreiche Situationen aufzusuchen, liegt in der spezifischen Struktur dieser Tätigkeiten. Das bewegungsmäßige Erkunden von neuen Räumen unter Einhaltung eines bestimmten Zeitrahmens stellt für Risikosportler eine zentrale Herausforderung dar. Zudem ist das Erleben einer intensiven Augenblickserfahrung ein wichtiges Motiv. Im Gegensatz zum Alltag erfordern die ständig wechselnden Situationen in neuen Umgebungen erhöhte Aufmerksamkeit für den Moment. Das Präsentsein im Hier und Jetzt fällt leicht, da die für ein Erleben eines Zeitkontinuums benötigte zusätzliche kognitive Energie nicht vorhanden ist. Durch die versuchte Aufrechterhaltung der motorischen Balance einerseits bzw. durch die Aufrechterhaltung des emotionalen Gleichgewichts andererseits, werden die Kapazitäten des Informationsverarbeitungssystems gewissermaßen ganz beansprucht. Diese speziellen qualitativen Aspekte, gepaart mit der Möglichkeit, selbstverantwortlich in einem eng begrenzten Bereich immer wieder neue Erfahrungen zu machen und wirksam zu sein, können nicht ausgespart werden, wenn man das Phänomen Risikosport erklären möchte. Müssen Extremsportler nicht vor sich selbst geschützt werden?

WINKLER: Beim Einsteigen in sportliche Extremarten, sei es im alpinen Bereich oder beim Marathonlauf, setzt der Körper im zentralen Nervensystem Beta-Endorphine frei, die wie Opiate die Schmerzempfindlichkeit vermindern und gleichzeitig Euphorie auslösen. Menschen werden zwar nicht körperlich abhängig von den eigenen Glückshormonen, allerdings lässt sich besonders bei jenen, die durch den Extremsport eine Selbstbestätigung empfinden, oder bei solchen, die sich darin richtig auszuleben verstehen, eine psychische Sucht beobachten. Nach dem Motto „Alltag raus und Extremsport rein“ kann es zu einer Sucht nach einer Dosissteigerung kommen. Bereits Geleistetes wird langweilig und man wechselt zu immer extremeren Varianten. Gefahr droht, wenn dabei die Sicherheit aus dem Blickfeld gerät.

 

Heißt das, dass Extremsportler verantwortungslos gegenüber sich selbst agieren? Winkler: Risikosportarten unterscheiden sich von anderen sportlichen Tätigkeiten durch das erhöhte Risiko, bei Fehlern das eigene Leben zu gefährden. In der breiten Öffentlichkeit ist die Beurteilung des Risikosports deshalb sehr ambivalent. Man muss aber bedenken, dass sich die Sportler besonders intensiv und professionell auf ihre Vorhaben vorbereiten. Dabei spielt sowohl die physische Fitness als auch die mentale Vorbereitung eine besondere Rolle. Ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen wären Extremsportarten heute weltweit nicht so populär, sondern würden eine kuriose Randerscheinung sein.

Das Equipment wird der Körpergröße und dem -gewicht angepasst. Wer gesundheitliche Probleme hat, wie etwa neurologische Probleme oder unter Augenerkrankungen leidet, Menschen mit Rückenbeschwerden, Stirnhöhlen- und Mittelohrentzündungen oder wer schwanger ist, wird zu den meisten Extremsportarten gar nicht zugelassen. Die besondere Rolle des Sportmediziners besteht hier in der medizinischen Begleitung während des Trainingsaufbaus und der Vorbereitung, der Überprüfung und laufenden Kontrolle des Trainingsverlaufs anhand spezifischer Test-Parameter. Extremsportler nehmen in der Regel medizinische Betreuung oder auch die Unterstützung durch Mental-Coaches gerne in Anspruch. Hier kommt auch dem Sportpsychologen ein besonderer Stellenwert zu. Aus meiner persönlichen Erfahrung darf ich berichten, dass interessanterweise viele Extremsportler von ihrer Ausbildung her einen psychologischen Background haben. Ich freue mich bereits jetzt darauf, diesen Punkt bei der Sportärztewoche ausführlich mit den anwesenden Extremsportlern diskutieren zu können.

 

Bei Extremalpinisten kommt es in gefährlichen Situationen gelegentlich zu psychotischen Zuständen oder Halluzinationen und Panikattacken. Was weiß die Wissenschaft heute darüber? Winkler: Zu unterscheiden sind primär die Zustände der Höhenkrankheit, die immer mit einem Sauerstoffmangel verbunden ist, und den dadurch ausgelösten Kompensationsmechanismen. Die Höhenkrankheit kann bereits in Höhenlagen ab 2.500 m auftreten. Symptome können konstante, schwere Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, rapider Leistungsabfall, Atemnot, Tachykardie und Gleichgewichtsstörungen sein. Gelegentlich können auch Panikattacken und Verwirrtheitszustände hinzutreten. Daneben gilt es auch auf das Höhenlungenödem zu achten und auf die Möglichkeit, dass es auch zu einem Hirnödem, also einer Schwellung des Gehirns mit Mikroblutungen, kommen kann. Ein Höhenhirnödem ist eine gefährliche Erkrankung, die bei Bergsteigern in Höhen ab 4.000 Metern auftreten und innerhalb von 24 Stunden zu Koma und Tod führen kann. In der dünnen Luft mangelt es an Sauerstoff, die Blutgefäße werden durchlässig und Flüssigkeit sammelt sich im Hirngewebe an und es kommt zu einem intrakraniellen Druckanstieg. Das Höhenhirnödem kommt zwar selten vor, endet aber oft tödlich. In Höhen zwischen 4.000 und 5.500 Metern sind zwischen 0,5 und 1,5 Prozent der Bergsteiger betroffen; 40 Prozent der Erkrankten überleben einen Anfall nicht.

 

Wann ist man für den Extremsport alt genug? Winkler: Alter ist hier primär kein Kriterium. Kurz gesagt, wenn man seine eigenen Fähigkeiten kennt und an die zu erwartenden Herausforderungen optimal anpassen kann. Das Wissen um die eigenen Belastungsgrenzen stellt einen wesentlichen Faktor in der Risikobeurteilung dar. Beim Einschätzen von Risiken im Extremsport ist die Unterscheidung wichtig von objektiven Risiken wie Naturereignissen – etwa Lawinen und Steinschlägen – und subjektiven Risiken, was die eigene körperliche Überschätzung und dem damit verbundenen vorzeitigen Leistungsabfall angeht. Es geht darum, diese subjektiven Risiken als halbwegs professionell handelnder Sportler erst gar nicht entstehen zu lassen und auf der anderen Hand die objektiven Risiken so realistisch abzuschätzen, dass das eigene Unfallrisiko auf ein Minimum reduziert wird. Jährlich werden ca. 1.3 Millionen Sportunfälle gemeldet, wobei Extremsportarten nicht überproportional beteiligt sind. Die Liste der gefährlichsten Sportarten wird von Fußball (30%) und Skifahren (10%) angeführt.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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Prim. Dr. Andreas Winkler Haus der Barmherzigkeit, Wien

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