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Sportmedizin 24. November 2009

Fall Enke: Wie Spitzensportler leiden

Topathleten sind häufig extremem Druck ausgesetzt. Der Arzt soll vor allem "Fit machen", nicht "gesund".

Über den extremen Druck, dem Spitzenathleten ausgesetzt sind, wird selten geredet, häufig erst nach Ereignissen wie der Selbsttötung des deutschen Nationaltorhüter Robert Enke. Dabei sind stressbedingte Beschwerden im Spitzensport durchaus keine Ausnahmeerscheinungen.

Studie: Gesundheit im Spitzensport

Dies belegt die unter der Leitung des Tübinger Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ansgar Thiel entstandene Studie „Gesundheit im Spitzensport“, die im Hoffmann-Verlag Schorndorf erscheinen wird. Die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Analyse mit über 700 Spitzenathleten, Trainern und Funktionären aus den Sportarten Handball und Leichtathletik zeigt die gesundheitsbezogenen Schattenseiten des Spitzensports.

Ausgebrannt und kraftlos

Fast die Hälfte der befragten Athleten berichtete über Phasen von Ausgebranntsein und Kraftlosigkeit, fast 30 Prozent gaben an, mindestens einmal im Monat an Schlafstörungen zu leiden und mehr als ein Fünftel klagte über gelegentliche Depression und Melancholie.

Das Problem sei, so Thiel, "dass diese Probleme aufgrund der Fokussierung auf die körperliche Leistungsfähigkeit weitestgehend tabuisiert werden". Der Studie zufolge ist im Spitzensport vor allem der Umgang mit Verletzungen problematisch. „Der extreme Leistungsdruck führt zwangsläufig dazu, dass langfristige Gesundheitsrisiken bei einem Großteil der Athleten und auch der Trainer ausgeblendet werden“, so Thiel.

Schmerzen nicht thematisiert

"Eigentlich werden nur traumatische Verletzungen wie Frakturen, Sehnen- oder Bänderrisse, die ein Weitermachen unmöglich machen, wirklich ernst genommen. Körperliche Schmerzen, Überlastungssyndrome oder chronifizierte Beschwerden werden oft solange nicht thematisiert, bis die Athleten ausfallen." Die Schuld sei vor allem im System zu suchen. „Die Athleten wollen unbedingt Wettkämpfe bestreiten. Dafür verheimlichen oder ignorieren sie nicht selten Schmerzen und Beschwerden.

Die Trainer wiederum, die grundsätzlich eigentlich offen für die Beschwerden ihrer Athleten wären, geben sich damit zufrieden, wenn ein Athlet sagt, es sei alles in Ordnung“, betont Thiel.

Folgeschäden verdrängt

Zur Bekämpfung von Schmerzen nehmen einige Spitzenathleten große Mengen Schmerzmittel ein. Der Wiedereinstieg nach Verletzungspausen erfolgt häufig zu früh, was wiederum nicht selten regelrechte Verletzungsserien nach sich zieht. Athleten und Trainer verdrängen häufig den Gedanken an potenzielle Folgeschäden und Nebenwirkungen eines solchen Verhaltens. In diesen Fällen ist auch die von den Verbänden und Vereinen angebotene medizinische Versorgung keine Hilfe.

Ärztehopping

Der Studie zufolge ist der Arzt im Normalfall in erster Linie Reparateur. Athleten, aber auch Trainer, verlangen vor allem „Fit machen“, nicht „Gesund machen“. Dies gilt, solange die Athleten trainieren oder einen Wettkampf bestreiten können. Erst wenn die Verletzungen oder die Krankheiten so schwer sind, dass sie einen Wettkampf oder das Training unmöglich machen, gibt es einen „Rollen-Switch“: der Athlet wird zum Patient, der Arzt zum Heiler und die Logik des Medizinsystems greift. Aber dies ist nicht selten zu spät.

In der Leichathletik sei beispielsweise zu beobachten, dass Athleten solange ein ,Ärztehopping, betreiben, bis sie jemand gesund schreibt oder fit für den Wettkampf macht. Fallen die Athleten aufgrund der Verletzung langfristig aus, dann ist dies oft auch psychisch traumatisch.

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