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Fotos: www.artur-trost.at

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Dr. Artur Trost
Facharzt für Unfallchirurgie
Chirurgie und Sporttraumatologie

www.artur-trost.at

 

 
Sportmedizin 14. Oktober 2009

Der ungewöhnliche Patient - Hermann Maiers Unfallchirurg im Interview

Zwölf Jahre lang hat Dr. Artur Trost Hermann Maier medizinisch betreut. Für den Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie wurde der Spitzensportler in dieser intensiven Zeit ein persönlicher Freund. Im authorisierten Interview erzählt er über die bangen Stunden nach dem Unfall 2001, über den sensiblen Menschen hinter dem harten Sportlerimage und warum für ihn der Rücktritt nicht ganz so überraschend kam.

 

SpringerMedizin.at: In der gestrigen Pressekonferenz galt sein persönlicher Dank unter anderem Ihnen. Würden Sie sich selbst als seinen „persönlichen Leibarzt“ sehen?

Artur Trost: In Kombination mit den Brüdern Aufmesser: ja. Er ist ja von Flachau, und in Radstadt betreiben die Brüder Aufmesser die Klinik (Anm: Krankenanstalt Dr. Aufmesser, Radstadt). Wenn er ein Wehwehchen hat geht er zum Harald Aufmesser. Ist es was Gröberes, bin ich zur Stelle.

SpringerMedizin.at: Sie waren zwölf Jahre lang an der Seite von Hermann Maier. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm beim ersten Treffen? Welcher Mensch ist er heute?

Artur Trost: Ich habe 1997 im Spital den Auftrag erhalten, mich um einen jungen ÖSV- Läufer zu kümmern, der mit einem gebrochenen Arm in die Ambulanz kam. Es war Hermann Maier, den damals niemand gekannt hat, mit einer Radiusfraktur, die ich operiert und verschraubt habe. Zwei Monate später gewann er in Garmisch Patenkirchen. Von diesem Zeitpunkt an hat er mir vertraut und ist mit seinen Wehwehchen zu mir gekommen.

In der Grundstruktur hat er sich nicht verändert. Was in der Öffentlichkeit nicht so herauskommt: Er ist ein sehr sensibler Mensch, sehr zielstrebig, sehr genau. Einer, der alles hinterfragt. Als Mensch zeichnet ihn seine positive Einstellung aus. Auch nach seinem Unfall. Kollegen, die ihm damals erklärt haben, dass er aufhören soll, wurden von ihm abgelehnt. Er hatte Menschen um sich, die auch seine positive Einstellung mitgetragen haben.

SpringerMedizin.at: Im August 2001 war der folgenschwere Motorradunfall. „Ein Teil des Schienbeinknochens dürfte noch in Radstadt liegen“, wurden Sie in den Medien zitiert. Wie war ihr erster Eindruck damals?

Artur Trost: (Lacht) Ja, ein Teil hat gefehlt. Wir sind hingefahren und haben den Knochen dort gesucht. Für mich war das schon bös. Gerade im Sommer kamen die Meldungen vom Giger Toni, dass er so gut fährt und allen voraus ist. Ich bin ins Spital gefahren, habe gesehen, wie er mit der offenen Unterschenkelfraktur aus dem Hubschrauber ausgeladen wurde und habe gleich gewusst: Das wird schwierig werden, weil einerseits der Knochen frei gelegen ist, zum Teil verschmutzt, dazu die fehlende Haut. Dann kamen noch die schweren Beckenverletzungen hinzu.

SpringerMedizin.at: Wie wurde operiert?

Artur Trost: Was sicherlich anders war, ist, dass wir den Unterschenkel mit dem Verriegelungsmarknagel fixiert haben und gleich in derselben Sitzung durch den plastischen Chirurgen die Hautdeckung durch den freien Lappen vom linken Oberarm gemacht haben. Das ist nicht üblich. Normalerweise macht man aufgrund der Infektionsgefahr eher ein Fixateur externe, wartet ab und macht sekundär einen freien Lappen. Aber wir haben es riskiert, einseitig zu operieren und es ist gut gegangen.

SpringerMedizin.at: Am Tag danach kam es zu Komplikationen…

Artur Trost: Am nächsten Tag kam es zu sehr großen Problemen, weil er ein Kompartmentsyndrom entwickelte, wodurch er beide Beine nicht mehr spüren konnte. Unser erster Gedanke war natürlich, dass wir eine Wirbelfraktur übersehen hatten. Deshalb haben wir die ganze Röntgendiagnostik noch einmal durchlaufen lassen, konnten aber nichts sehen. Also haben wir ihn zum MRI gebracht. Das hatten wir damals am UKH noch nicht. Das heißt wir haben ihn über die Hintertür ausgeschleust, weil das Haus natürlich von Journalisten belagert war, sind mit ihm in die Landesnervenklinik gefahren und haben dort ein MRI gemacht.

Da hat man gesehen, dass trotz Querschnittsymptomatik der Wirbelkanal frei ist. Die Symptomatik hat er deshalb entwickelt, weil er massive Einblutungen in den Musculus Psoas hatte, und der hat beidseits den Nervus femoralis nach vorne in das Inguinalband gedrängt und so die neurologische Symptomatik bewirkt. Das war sehr problematisch und wurde von uns medial nie weiter gegeben. Hätten wir das Inguinalband durchschneiden müssen, wäre es mit der sportlichen Karriere vorbei gewesen.

Hier haben unsere Intensivmediziner sehr viel geleistet. Mit der Entwässerung und Infusionsbehandlung haben sie es soweit gebracht, dass das Symptom abgeklungen ist. Wir hatten uns bis zum nächsten Tag ein Limit gestellt und das Leistenband dann nicht durchtrennt. Zusätzlich hatte er durch die Muskeldestruktion eine erhöhte Myoglobin-Ausschüttung mit Nierenproblemen und stand knapp vor der Dialyse. Aber das alles sind Sachen, die nie publiziert wurden, weil alle über den offenen Unterschenkel schon so entsetzt waren, das hat gereicht.

SpringerMedizin.at: Mit Tränen in den Augen haben Sie Ende August 2001 die Olympiateilnahme 2002 ausgeschlossen.  Dieser Auftritt zeigte, dass Sie dem Skistar emotional sehr nahe stehen. Ist das richtig?

Artur Trost: Das stimmt sicher. Speziell durch die Verletzung 2001 und den dramatischen Tag danach. Als er seine Beine nicht mehr spüren konnte, ist sicher ein Nahverhältnis entstanden - das hat uns zusammengeschweißt. Ich war ja damals im Olympiastützpunkt Obertauern tätig, wo er täglich trainiert hat. Dort habe ich ihn auch danach häufig getroffen. Es ist eine Freundschaft entstanden. Ich schätze an ihm, dass er ein geradliniger Mensch ist. Das macht es angenehm, mit ihm zu arbeiten.

SpringerMedizin.at: Eineinhalb Jahre nach dem Unfall kehrte Hermann Maier in Adelboden auf die Rennpiste zurück. Wie war dieses Comeback möglich? Eine durchschnittliche Rehab hätte diesen Erfolg wohl nicht gebracht?

Artur Trost: „Durchschnittliche Rehab“ kann man das nicht nennen. Eher eine Rundum-Betreuung durch den Physiotherapeuten und den Heini Bergmüller, der sich liebevoll um ihn gekümmert hat und das Training mit ihm in diesem Umfang durchgemacht hat.

SpringerMedizin.at: Welche Vorkehrungen waren für die extremen Belastungen im Rennsport nach dem Unfall nötig?

Artur Trost: Hier war das entsprechende muskuläre Aufbautraining ausschlaggebend. Das Training mit dem Ergometer hat er bis zum Exzess betrieben, das hat ihm sehr geholfen. Ich glaube, dass das Radfahren sowohl für das Sprunggelenk, als auch für das Kniegelenk am geeignetsten ist. Und eines muss ich schon sagen: Mittlerweile fährt ja der gesamte ÖSV Ergometer.

SpringerMedizin.at: Beim Sommertraining 2002 in Chile kam es zur Schuhrand Prellung, ein Rückschlag für den Sportler. Welchen Belastungen war das Schienbein des Abfahrtsläufers ausgesetzt?

Artur Trost: Die Herstellerfirma hat den Schuh exakt an seinen neuen Beinumfang angepasst. In Chile war das Pech, dass es genau in dem Bereich, wo die Weichteile ja schon beim Unfall sehr geschädigt wurden, wieder eine Prellung gab. Wenn in einem Bereich, der eh schon sensibel ist, wieder eine Prellung eintritt, kann man sich vorstellen,  dass ein entsprechender Plan erforderlich ist. Da haben wir uns verschätzt und dachten, dass er in sechs Wochen wieder fahren kann. Durch das vorgeschädigte Gewebe hat es aber länger gedauert.

SpringerMedizin.at: Ist Hermann Maier einer, der sich an Rekonvaleszenszeiten hält?

Artur Trost: Ja, schon. Der Hermann kennt seinen Körper gut. Er greift erst dann wieder voll in das Renngeschehen ein, wenn er wirklich gesund ist. Das ist  bei einem Rennläufer wichtig. Fängt man zu früh wieder an, so wie der Finne Palander, dann kommt es zur Refraktur.

SpringerMedizin.at: Ein Kollege sagt, jeder andere Rehab-Patient hätte sich in einem Leben mit Behinderung wiedergefunden. Mit welchen täglichen Beschwerden muss Hermann Maier heute leben?

Artur Trost: Er hat sicherlich eine leichte Bewegungseinschränkung im Bereich des oberen Sprunggelenkes und ein kleines Defizit.

SpringerMedizin.at: Wie ist Hermann Maiers Gesundheitszustand zurzeit?

Artur Trost: Momentan ist er sehr gut drauf. Er hat sich erstaunlich gut von der Knieoperation im März erholt. Er dürfte im Dezember 2008 beim Abfahrtslauf einen Schlag bekommen haben und hatte seither immer wieder Beschwerden im Knie. Im März nach einem Fußballspiel spürte er einen stechenden Schmerz und konnte das Knie nicht mehr ausstrecken.

Wir haben sofort eine MRI gemacht und gesehen, dass ein Knorpelfragment ausgebrochen ist und sich der freie Gelenkskörper eingeklemmt hat. Er wurde am selben Tag arthroskopiert . Der Knorpeldefekt von 2x2cm war frei im Gelenk gelegen, konnte aber nicht mehr angeschraubt werden, da er schon degenerativ verändert war. Ich nehme an, dass der seit Dezember schon im Knorpellager gelegen ist und beim Fußballspielen dann endgültig herausgebrochen ist. Er wurde entfernt und dann haben wir eine Microfracture gemacht.

Vier Wochen musste Hermann sein Knie entlasten. Er war aber diesmal erstmals etwas inkonsequenter in seinem Trainingsaufbau, und da habe ich schon vermutet, dass er vielleicht mit dem Skifahren nicht mehr anfangen wird.

SpringerMedizin.at: Das heißt für Sie kam der Rücktritt nicht überraschend?

Artur Trost: Ich hätte eigentlich gehofft, doch. Aber wenn man es retrospektiv beleuchtet, dann hat er sicherlich nicht so einen Trainingseifer an den Tag gelegt, wie man es von Hermann Maier die letzten Jahre gewohnt war.

SpringerMedizin.at: Was wünschen Sie Hermann Maier fürs weitere Leben?

Artur Trost: Ich wünsche ihm natürlich weiterhin viel Erfolg. Ich glaube, dass er im Hinterkopf bereits eine Idee hat. Denn er trifft solche Entscheidungen sicher nur, wenn er weiß, wie es weitergehen wird.

Andrea Niemann

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