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Radiologie 28. Juni 2007

Befunde statt Patienten schicken: Medizin auf Distanz

Technisch hat die Zukunft schon begonnen. Ärzte können über E-Mail mit ihren Patienten kommunizieren, Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder elektronisch verschicken. Triebkraft der Telemedizin ist die räumliche Trennung von Arzt und Patient. In der Raumfahrt wurden telemetrische Verfahren an Astronauten getestet, andere Wurzeln der Telemedizin sind militärische Unternehmungen und wissenschaftliche Expeditionen. Finanziell und rechtlich stellen sich der Telemedizin aber noch einige Hindernisse in den Weg.

Telemedizin ist ein weiter Begriff. Er umfasst die Übertragung medizinischer Daten wie Befunde oder Bilder von Arzt zu Arzt oder von Patient zu Arzt ebenso wie die Konsultation eines Experten über Telefon, Videokonferenz bis zum Eingriff des Experten mittels Telechirurgie. Aber auch die ELGA, die elektronische Gesundheitsakte, wird unter diesem Titel diskutiert. Schließlich handelt es sich auch hierbei um die Übertragung medizinischer Daten. In der Praxis scheitert die ELGA seit Jahren an politischen und juristischen, speziell datenrechtlichen Bedenken.

Teil des Alltags

Die Telemedizin ist dennoch längst etabliert und wird in verschiedenster Weise angewendet. Vermutlich sind sich die wenigsten Ärzte bewusst, dass sie längst Telemedizin betreiben, wenn die Befunde ihrer Patienten vom Labor per E-Mail an sie übermittelt werden oder Befunde oder Anfragen an Spezialisten schicken. Dr. Heiko Renner, Leiter des – derzeit ausgesetzten – Postgraduate-Lehrgangs Telemedizin am FH Joanneum in Graz definiert sie als „Erbringung ärztlicher Leistung auf Distanz“. Die neueren Systeme können dabei viel mehr als das. Bilder werden in Sekundenschnelle an den Spezialisten zur Befundung überreicht, der Patient kann zu Hause genesen bzw. muss mit seiner chronischen Krankheit nicht mehr alle naselang zum Arzt oder in die Ambulanz. Oder er muss zumindest nur noch bis zum nächsten (Fach-)Arzt statt in die weit entfernte Spezialambulanz.

Diabeteskontrolle übers Handy

Ein Beispiel für eine solche Anwendung ist ein Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin III am AKH Wien, bei dem Diabetes-Patienten ihr Diabetestagebuch am Handy führen. Das Computersystem übermittelt nicht nur einfach die Daten, es schlägt dem behandelnden Arzt auch gleich vor, wie seine Antwort an den Patienten lauten könnte. Der Arzt muss freilich nicht nur diese Meldungen überprüfen, sondern vor allem auch die Verantwortung für das Feedback an den Patienten tragen. Ähnlich verläuft ein steirisches Projekt an Hypertonikern und Herzinsuffizienten. Der Patient gibt die zu Hause gemessenen Werte wie Blutdruck, Gewicht und Puls in ein WAP-fähiges Handy ein, ein Monitoring-Center nimmt sie in Empfang, bereitet sie für den Arzt grafisch auf und erinnert im Fall des Falles den Patienten per automatischem SMS an fehlende Messungen. Diese beiden Projekte werden ebenso vom Austrian Research Center (ARC) in Seibersdorf technisch unterstützt, wie das steirische Projekt „H.ELGA“. Der Name, gibt der Leiter des Geschäftsbereichs eHealth-Systems des ARC, DI Dr. Günter Schreier, MSc, zu, ist an die „große“ ELGA angelehnt und steht für „Herzschrittmacher.Elektronische Gesundheitsakte“. Geplant ist, die regelmäßigen Nachuntersuchungen, die Patienten mit implantierten Herzschrittmachern benötigen, möglichst nahe an den Patienten heranzubringen. Dadurch wird ihnen der Weg an die Univ.-Klinik in Graz erspart. In einem ersten Schritt wurde das LKH Deutschlandsberg mit den notwendigen Gerätschaften ausgestattet, die nicht nur die Daten in vorbestimmtem Format erfassen, sondern dem Spezialisten an der Schrittmacher-Ambulanz auch gleich eine automatische Vorbefundung liefern. In einem nächsten Schritt werden auch die anderen KAGES-Spitäler involviert und letztendlich – so hofft Schreier – auch die niedergelassenen Kardiologen.

Eine Frage der Kosten

Bei den ARC-Projekten wird auch die Kostenseite untersucht. In allen Pilotstudien sind die Patienten in telemedizinisch und konventionell Betreute randomisiert. Anhand eines Fragebogens über Wohnort, Art der Beförderung zum Untersuchungsort (Privatauto oder Krankentransport) und ähnlicher Parameter soll auch der finanzielle Gewinn oder Verlust durch telemedizinische Untersuchungen ermittelt werden. Ebenfalls in der Steiermark läuft schon seit mehreren Jahren ein dermatologisches Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Peter Soyer: Allgemeinmediziner fotografieren die Hautveränderungen ihrer Patienten und senden die Bilder zur Befundung an die Universitätsklinik in der Landeshauptstadt (die Ärzte Woche berichtete). Bei verdächtigen Muttermalen müssen die Patienten nun nicht mehr lange zittern, bis sie einen Termin bei den Spezialisten erhalten. Seit Ende vergangenen Jahres braucht es dazu nicht einmal mehr einen Fotoapparat. Ein Handy mit einer eingebauten 1,3 Mio Pixel starken Kamera genügt. Soyer übernahm kürzlich einen Lehrstuhl in Brisbane, Australien, doch das Projekt läuft weiter.

Internationale Kooperation

Und noch ein anderes telemedizinisches Projekt betreiben die Grazer Dermatologen: In gegenseitigem Wissensaustausch kooperieren sie mit Kollegen in Uganda, China und dem Sudan. Die einen bieten die Erfahrung mit Tropenkrankheiten, die anderen mit hierzulande häufigeren Krankheitsbildern. Initiator Doz. Dr. Steven Kaddu: „Zusätzlich soll ein Online-Archiv für Tropenkrankheiten eingerichtet werden.“*

Nicht alles Machbare ist sinnvoll

Speziell das Monitoring über spezialisierte und rund um die Uhr besetzte Zentren, aber auch die – schon längst etablierte – Befundübertragung bzw. Übertragung von Daten zwecks Befundung an die Spezialisten sind Anwendungen, die Dr. Peter Kowatsch, Allgemeinarzt in St. Gilgen und Mitglied des ÖGAM-Arbeitskreises EDV, als sehr sinnvollen Weg in die Zukunft betrachtet. Im Hardwarebereich sind die Möglichkeiten jetzt schon vorhanden. Mehr als ein Anbieter bietet etwa das Handy mit integriertem EKG an. Im Software-Bereich dagegen lässt vor allem die Kompatibilität der Programme oft noch zu wünschen übrig. Und schließlich werden die Systeme erst dann interessant, wenn die Krankenkasse ein telemedizinisches Monitoring auch honoriert. Derzeit setzt die Politik aber voll und ganz auf die ELGA als das Allheilmittel.

Telemedizin für Ärzte

Um Ärzte auf die elektronische Zukunft vorzubereiten, unterrichtete Dr. Heiko Renner, selbst Arzt, sechs Jahre lang auf der FH Joanneum Telemedizin in einem postgraduate Kurs, der allerdings derzeit ausgesetzt ist. Ziel des Kurses laut Renner: „Die Ärzte zu vollwertigen Partnern der IT-Industrie zu machen.“ Sie sollen genug von IT verstehen, um die technischen Möglichkeiten zu kennen, und Projektmanagement lernen, um ihre Ziele formulieren und das Ergebnis kontrollieren zu können. Derzeit gäbe es hohe, unnötige Kosten durch unzureichende Usability. Eine der Gefahren, die in der gesamten EDV lauern, ist das Zuviel. Sowohl Ärzte als auch Programmierer wollen oft das technisch mögliche Maximum ausschöpfen – und übersehen dabei den Sinn des Programms oder Projekts. Der Radioonkologe Prim. Doz. Dr. Robert Hawliczek, der sich sowohl in der Wiener Ärztekammer als auch im ELGA-Lenkungsausschuss intensiv mit der Materie befasst, kritisch: „Mir fehlen Studien dazu, welche Daten für wen überhaupt sinnvoll sind.“ Telemedizin kann, so Hawliczek, im Gegensatz zur ELGA Geld sparen. Aber bei allen Vernetzungen muss definiert werden, welche Daten für wen relevant sind.

Juristische Fragen ungeklärt

Schließlich kommen Telemedizinprojekte leicht in einen rechtlichen Graubereich. Da ist zunächst die Frage des Datenschutzes. Nach derzeitigem Stand muss der Patient für jeden einzelnen Befund seine Einwilligung zur Weiterleitung geben. Zwar argumentieren manche Juristen, dass der Datenschutz hinfällig wird, wenn es um das „öffentliche Interesse“ geht. Doch was ist das öffentliche Interesse an der Krankheit des Herrn Y? Und dann gibt es noch den Paragraph 42 des Ärztegesetzes, nach dem die Behandlung „persönlich und unmittelbar“ erfolgen muss. Da ist wohl die Zweitmeinung eines Fachkollegen noch kein Problem, eine Therapieänderung übers Handy aber vielleicht doch. Noch komplizierter wird die Sache bei länderübergreifenden Konsultationen oder gar telechirurgischen Eingriffen. Wenn beispielsweise ein Patient in den USA von einem Spezialisten aus Österreich operiert wird: Wo ist der Eingriff aus juristischer Sicht erfolgt? Und muss sich der Österreicher erst in den USA als Arzt registrieren lassen, bevor er den Eingriff vornehmen darf? Zahlreiche Pilotprojekte, selbst jene, die einen finanziellen Gewinn und gleichzeitig eine erhöhte Lebensqualität der Patienten nachweisen können, werden nach Abschluss der Pilotphase nicht mehr weiterverfolgt. So liegt in der Telemedizin Potenzial brach.

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Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 26/2007

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