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Radiologie 11. April 2007

Patienten als Medizinexperten

Immer mehr Menschen befragen zu Gesundheitsthemen das Internet. Nicht immer finden sie die richtige Antwort. Und nicht immer sind die Quellen seriös.

„Aber im Internet habe ich gelesen, dass …“ oder: „Im Web wird dafür eine ganz andere, neue Behandlungsmethode empfohlen …“ – fast jeder Arzt hat wohl schon einmal solche oder ähnliche Aussagen von manchen seiner Patienten gehört. Denn immer mehr Menschen konsultieren bei gesundheitlichen Problemen zuerst einmal „das Internet“. Das Online-Marktforschungsunternehmen Harris Interactive hat vor einigen Jahren bei einer Befragung von rund 14.000 US-Bürgern erhoben, dass 77 Prozent derjenigen, die sich im Web zu Gesundheitsthemen informieren, nicht nach allgemeinen Informationen suchen, sondern bereits Fragen zu einem ganz spezifischen Problem haben.

Vertrauenswürdigkeit von Quellen hinterfragen

Eine Online-Umfrage der deutschen Universität Witten-Herdecke hat weiters gezeigt, dass 36 Prozent der Nutzer schon einmal erlebt hatten, dass die Webinfos im Widerspruch zu den Auskünften ihres Arztes standen. Nicht weniger als 41,7 Prozent aus dieser Gruppe gaben an, in solchen Fällen größeres Vertrauen in die Information aus dem Internet zu haben. Nur 28,3 Prozent schenkten den Auskünften des Arztes mehr Glauben. Das Internet spielt in der Arzt-Patienten-Beziehung also offenbar eine zunehmend wichtigere – und nicht immer unproblematische Rolle. Dabei muss auch berücksichtigt werden, welche Quellen mit Hilfe des neuen Mediums konkret abgefragt werden. Für Erstinformationen werden laut der Studie von Harris Interactive häufig allgemeine Suchmaschinen wie www.google.at, de.yahoo.com oder www.live.com genutzt. Diese Vorgangsweise macht es für Laien nicht unbedingt einfacher, die Qualität der über das Internet abgefragten Fakten einzuschätzen. Denn unter den zahlreichen Rechercheergebnissen, die allgemeine Web-Suchmaschinen liefern, finden sich häufig auch Links zu rein kommerziell orientierten Seiten, esoterischen Pages oder schlicht falschen Informationen.

Initiativen zur Qualitätssicherung

Angesichts der Informationsflut im Web gab und gibt es schon seit mehreren Jahren von Fachgesellschaften und politischen Institu­tionen Ansätze zur Qualitätssicherung von Gesundheitsinfos im Web. Den höchsten Wirkungsgrad in diesem Bereich hat bislang wohl die Initiative der Schweizer Stiftung HON (Health On the Net Foundation, www.hon.ch) erreicht, mit deren Qualitätslogo bislang weltweit rund 5.000 Websites aus 72 Ländern weltweit ausgezeichnet wurden. Seiten, die das HON-Gütesiegel erhalten haben, haben sich verpflichtet, acht Gütekriterien einzuhalten. Zu diesen zählt etwa, dass die Qualifikation der Autoren von Beiträgen auf medizinischen Websites angegeben werden muss oder dass alle Angaben zur Wirksamkeit einer bestimmten Therapie durch wissenschaftliche Beweise gestützt sein müssen. Die Health On the Net Foundation gibt es seit September 1995. Sie wurde bei einem Meeting von 60 führenden Telemedizinexperten aus Institutionen wie der WHO, der europäischen Kommission und der US-amerikanischen National Library of Medicine (NLM) gegründet.

Vorselektierte Informationen auf Patientenportalen

Gütesiegel können Laien einen ersten Hinweis auf die Qualität einer Seite geben. Spezialisierte Patientenportale haben zudem den Vorteil, dass User auf diesen Websites bereits in durch Experten vorselektierten Informationen recherchieren. Solche Web-Zugangstore zu Medizininfos beinhalten unter anderem meist ein Krankheitenlexikon von A-Z, Datenbanken für die Suche nach Ärzten, Apotheken oder Krankenhäusern sowie themenspezifische Foren, in denen Patienten untereinander über Erkrankungen diskutieren oder konkrete Fragen an Experten stellen können. Einige deutschsprachige Gesundheitsportale, die sich bereits seit Jahren am Internetmarkt etabliert haben und die in der Vergangenheit auch bei Tests von Computermagazinen und Konsumentenschützern vergleichsweise gut abgeschnitten haben, können inzwischen – nach Webmaßstäben bemessen – durchaus schon als langjährig bewährt betrachtet werden. Solche empfehlenswerte Angebote sind etwa www.netdoktor.at, www.onmeda.de, www.gesundheit-pro.de oder www.lifeline.de.

Gütesiegel sagt nichts über die Sinnhaftigkeit der Infoflut

Umfassende deutschsprachige Patientenportale sind weiters www.gesundheit.de, www.meine-gesundheit.de, www.vitanet.de und www.surfmed.at. Auf der letztgenannten Website sind zahlreiche Inhalte nur für ein Jahresabo ab 15 Euro abrufbar. Trotz Qualitäts-Patientenportalen und Gütesiegeln für Medizin-Infos bleibt die Frage, ob das Internet zur besseren Information von Patienten beiträgt, letztlich offen. Tatsächlich sorgt das neue Medium wohl vor allem für zusätzliche und umfassendere Informationsmöglichkeiten. Die Qualität der im Web gefundenen Gesundheits-Informationen kann und soll im Einzelfall dann aber nur im Arzt-Patienten-Gespräch geklärt werden. – Ein Hinweis, der selbstverständlich auch auf allen seriösen Gesundheitsportalen vorhanden ist.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 15/2007

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