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Radiologie 13. Februar 2007

Interdisziplinäre Vorreiter

Nur ausgewählte Spezialisten werden in den elitären Kreis aufgenommen. Meetings der multidisziplinären Gesellschaft, die sich mit klinisch relevanten Belangen der Thoraxmedizin beschäftigt, gehören zu beachteten Ereignissen in der Fachwelt.

Die Wurzeln der Fleischner-Society sind in Österreich zu finden. Ihr Namenspatron ist der aus Wien stammende Radiologe Prof. Dr. Felix Fleischner, der als Vorstand der Röntgenabteilung an der 2. Medizinischen Universitätsklinik und im Wilhelminenspital tätig war. Er musste 1938 in die USA emigrieren, wurde Professor für Radiologie in Harvard und avancierte dort zu einer bedeutsamen radiologischen Leitfigur. Aktives Mitglied aus den Rei-hen der heimischen Radiologen ist Prof. Dr. Alexander Bankier, Klinische Abteilung für Radiodiagnostik für konservative Fächer, AKH Wien. Im Gespräch mit FOKUS RADIOLOGIE berichtet er über Arbeit und Ziele der internationalen Gesellschaft.

Vielen ist die Fleischner-Society ein Begriff. Was verbirgt sich hinter diesem Namen?
Bankier: Die Fleischner-Society ist eine internationale multidiszi­plinäre Gesellschaft, die sich vorwiegend der wissenschaftlichen Belange der Thoraxmedizin annimmt. Die Interdisziplinarität war Fleischner stets ein großes Anliegen. Nur durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen, von den Internisten über die Thoraxchirurgen bis hin zu den Grundlagenforschern, sah er ein Weiterkommen in diesem Fachgebiet. Nach seinem Tod 1969 gründeten seine Schüler die ihm zu Ehren benannte Gesellschaft.

Wer kann Mitglied werden?
Bankier: Die Fleischner-Society besteht aus Radiologen, Molekular-biologen, Thoraxchirurgen, Atemphysiologen und Lungenfachärzten. Auf der ganzen Welt gibt es 65 aktive Mitglieder. Diese Zahl wird als oberes Limit gesehen. Rund zwei Drittel sind US-Amerikaner. Man kann nur von den Mitgliedern der Gesellschaft selbst in die Gesellschaft gewählt werden. Voraussetzungen dafür sind heraus-ragende wissenschaftliche Aktivitäten auf diesem Gebiet und vor allem ein dezidierter multidiszi­plinärer Arbeitsansatz. Die Fleischner-Society versteht sich als große Familie. Deshalb wird so großer Wert darauf gelegt, wer dazu stößt und ob diese Person konstruktive Ideen einbringen wird. Aktive Mitglieder auf Lebenszeit können sich, etwa in der Pension, als passive Mitglieder klassifizieren lassen, wodurch wieder ein Platz für ein aktives Mitglied frei wird.

Mit Prof. Dr. Christian Herold und Ihnen sind immerhin zwei Österreicher an Bord. Wie kamen Sie zu dieser Ehre?
Bankier: Ich habe viel auf den für die Fleischner-Society offenbar relevanten Gebieten gearbeitet, mich mit neuen Ansätzen in der bildgebenden Diagnostik der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung und mit experimentellen Methoden der funktionellen und physiologischen Bildgebung befasst. Zudem habe ich immer den Kontakt zu Grundlagenforschern, Pulmologen und Lungenphysiologen gesucht.

Welche Aktivitäten werden im Sinne der Zusammenarbeit gesetzt?
Bankier: Die Society trifft sich einmal jährlich für einige Tage in einem „inneren Zirkel“. Daneben bestehen selbstverständlich Kontakte und Kooperationen zwischen den einzelnen Mitgliedern. Regelmäßig finden Treffen auch im Rahmen von Kursen statt, welche die Gesellschaft traditionellerweise für Radiologen und an den Themen interessierte Mitglieder anderer Fachrichtungen veranstaltet. Im heurigen Juni wird es einen Kurs in Athen geben, den wir gemeinsam mit der ESTI (European Society of Thoracic Imaging) abhalten.

Welche aktuellen Ziele verfolgt die Gesellschaft?
Bankier: In den vergangenen Jahren galt es, neue Algorithmen zur Abklärung der Lungenembolie und der COPD zu schaffen. Eine wesentliche Aufgabe der Gesellschaft ist, interdisziplinäre „Position Papers“ herauszugeben. Das letzte dieser „Position Papers“ betraf die Abklärung von Lungenrundherden, die man heute mittels moderner CT-Geräte früher und häufiger diagnostiziert. Eine andere Gruppe, der ich selbst angehöre, arbeitet gerade an einem neuen Glossar, das für die Thoraxradiologie relevante Definitionen festlegt. Ein solches Standard-Glossar wird alle zehn bis zwölf Jahre von der Gesellschaft neu aufgelegt. Ähnliche Richtlinien wird es in nächster Zukunft auch für die Diagnose der Pulmonalembolie und der COPD geben.

Welchen Sinn machen solche Richtlinien, wenn bereits Standards, wie GOLD für die COPD, existieren?
Bankier: Die Fleischner-Society ist eine multidisziplinäre Gesellschaft und unterscheidet sich damit von anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Ein oft geäußerter Kritikpunkt an den GOLD-Kriterien ist, dass sie auf lungenfunktionel-len Aspekten beruhen und andere diagnostische Parameter und Methoden keine Beachtung finden. Unsere Empfehlungen richten sich hingegen nicht nur an eine Einzeldisziplin. Vor allem die Zusammenarbeit mit der Grund-lagenforschung macht es möglich, auch Statements zu Genprofilen oder epidemiologischen Risiko-faktoren zu geben. Wir wollen also keine konkurrenzierenden, sondern vielmehr ergänzende Leitlinien schaffen, die über die Grenzen der einzelnen Fachgebiete hinausgehen.

Wie relevant sind die Empfehlungen der Fleischner-Society in der Praxis?
Bankier: Sie werden in sehr breitem Maße angenommen. Das Fleischner-Glossarium zum Beispiel ist eine allgemein gültige Referenz. In nahezu jedem Befundraum wird man eine Empfehlung oder Tabelle der Gesellschaft angebracht finden. Dadurch, dass viele Mitglieder der Gesellschaft einen gewissen Level an Fachprominenz haben, erhalten die Aussagen per se schon Gewicht. Die Guidelines der Gesellschaft werden fast automatisch in den besten Fachzeitschriften publiziert.

Welche Wünsche hat die Fleischner-Society noch offen?
Bankier: Nur eine zunehmende Interdisziplinarität, wie wir sie in der Gesellschaft selbst vorleben, gewährleistet eine optimale Versorgung unserer Patienten. Die Probleme, mit der die neue Medizin konfrontiert ist, sind so komplex, dass man sie nicht allein und sicher nicht durch die Abschottung von anderen Fachdisziplinen zu lösen vermag. Daher auch der Aufruf zur multidisziplinären Zusammenarbeit. Daraus ergeben sich fruchtbare Formulierungen, die wiederum Grundlagen unserer Forschung und Arbeit sind.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 33/2004

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