zur Navigation zum Inhalt
 
Radiologie 7. Dezember 2006

Teleradiologie: Den Spezialisten dort hin bringen, wo er gebraucht wird

Die Möglichkeit der Übertragung von Bilddaten über größere geographische Distanzen hat automatisch die Telekonsultation zur Folge: Jemand sollte die übertragenen Daten begutachten, nach Möglichkeit befunden. Welche Vorteile, aber auch Probleme damit in der Praxis verbunden sind – dazu lieferten einige rhetorisch besonders begabte Vortragende ein aktuelles Stimmungsbild.

In der Österreichischen Röntgengesellschaft (ÖRG) war die Telekonsultation bereits 1997 ein wesentliches Thema. Damals wurden die ersten Empfehlungen und Leitlinien für diesen „Zusatzservice“ herausgegeben. Der Doyen der Teleradiologie in Österreich, Prof. Dr. Walter Hruby vom Donauspital SMZ-Ost in Wien, betont allerdings nachdrücklich, dass die „Unmittelbarkeit des ärztlichen Handelns im Ärztegesetz an vorderster Stelle steht, allerdings ergänzt werden darf durch das Zuziehen eines Konsiliararztes“. Er legt größten Wert auf die Verantwortung des Radiologen vor Ort und die klinische Präsenz des Facharztes für Radiologie: „Wir sind Ärzte und keine Techniker und haben daher im unmittelbaren Umfeld des Patienten zu agieren.“

 Teleradiologie
Innsbruck ruft Zwettl oder umgekehrt: Die Telekonsultation ist nicht nur technische Realit&äuml;, sie kommt auch in der Praxis schon weithin zum Einsatz.

Foto: Eyewire/PhotoDisc

Face to face geht vor

Dieser Grundtenor zog sich durch alle Vorträge der Teleradiologie-Sitzung beim Röntgenkongress in Eisenstadt, bei der Hruby gemeinsam mit Prof. Dr. Heinz Czembirek, Wien, den Vorsitz innehatte. Selbst die World Medical Association betont die Face-to-face-Betreuung und -Befundung in erster Linie, die Telekonsultation ist gegebenenfalls weiterführend.
Allerdings, so Hruby, sollte „man gelegentlich die Noblesse ablegen und zugeben, dass unsere Arbeit einen Wert hat – auch einen materiellen“. Er hat die Wirtschaftsexperten des Donauspitals die Umlegung dieses Wertes in derzeit übliche Währung berechnen lassen. Demnach kostet eine Telekonsultation volkswirtschaftlich gesehen etwa 141 Euro, nachts natürlich mehr. „Die Teleradiologie als Option ist da und wird da bleiben wie Fernsehen und Computer“, so Hruby. „Die Frage ist nur mehr: Wie gehen wir damit um?“ Er schloss seinen Vortrag mit dem Laotse-Zitat: „Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut!“

Ständige Feuerwehraktionen

Dieses „Credo“ wurde vom nächsten Redner, Doz. Dr. Franz Frühwald aus St. Pölten, sofort auf- und angegriffen. Als Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie (BURAD) zeigte er sich betroffen von diesem Zitat, denn die BURAD sei ständig mit „einer Flut von permanenten Feuerwehraktionen beschäftigt“. Sie habe zur Teleradiologie zwar keine eigenen Publikationen veröffentlicht, stehe allerdings in diesen Belangen hinter der ÖRG.
Frühwald beleuchtete die Probleme aus einer etwas anderen Perspektive, wobei er sich mehrmals durch sehr griffige Statements auszeichnete, wie: „Sind den Kostenträgern pakistanische Radiologen lieber als der Nachtdienst vor Ort? Billiger in Euro wird es sein.“ Die österreichischen Radiologen befürchten Einkommensverluste, wenn die Bilddaten ins Ausland zur Befundung geschickt werden. Frühwald konstatierte große Sorge, auch wegen der zu erwartenden dramatischen Verschlechterung der Versorgungslage vor Ort.
Trotz der Vorteile der Digitalisierung sehen Frühwald und die BURAD damit auch große Schwierigkeiten auf den Berufsstand zukommen. Da die Zuweiser beispielsweise noch lange nicht an der Teleradiologie teilnehmen, aber trotzdem Bilder sehen wollen, müssen die Radiologen zwecks Dokumentation zweigleisig aus-gestattet sein. „Das ist nicht Kosten senkend“, so Frühwald. Weiters wurden die Archivierungsvorschriften für die digitalen Daten angepasst: Die Unterlagen müssen doppelt, an zwei verschiedenen Orten aufbewahrt werden.
Diese Aufgabe fällt für den BU-RAD-Obmann der Öffentlichkeit zu, „es ist privat nicht mehr finanzierbar“. Außerdem hätte ein öffentlicher Datenspeicher die Option, dass dort alle ihre Zweitdaten auslagern, Ordinationen und Spitäler. Dadurch wären diese Daten auch allen zugänglich – mit allen bekannten und schon viel diskutierten Vor- und Nachteilen, wie Datenschutz, gläserner Patient usw. Das sieht Frühwald aber nicht als Problem der Radiologen, sondern als gesellschaftspolitisches Thema und meint, „der Entwicklungsprozess sei einfach abzuwarten“.

... ein bisschen Chaos zulassen

Auch bezüglich der technischen Entwicklungen steht Frühwald auf dem Standpunkt: „Lassen wir ein bisschen Chaos zu und schauen, wo es hingeht.“ Derzeit sei die Situation unübersichtlich und viele lokale Experimente im Laufen. „Ich halte es aber für sehr wichtig“, so der BURAD-Chef, „dass sich Standards entwickeln, wie etwa, dass das Gaspedal im Auto rechts, die Bremse links und das Lenkrad in der Mitte ist“.
Prof. Dr. Richard Fotter, Graz, sieht in der Teleradiologie nicht nur eine Gefahr für Arbeitsplätze von Radiologen, wie er in der Diskussion vorbrachte, sondern gleich für das gesamte Fach: „Wenn man sich auf die reine Bildbeschreibung zurückzieht, dann ist die Radiologie als klinisches Fach eliminiert.“ Hruby dazu: „Unser gemeinsames Anliegen ist die physische Präsenz des Facharztes, das steht an erster Stelle. An zweiter Stelle: Wir haben ein Werkzeug so einzusetzen, dass der Patient den größtmöglichen Nutzen hat, aber wir nutzen es vorzugsweise intern!“
Frühwald sieht die Situation nicht ganz so schwarz, denn: „Unsere Leistung ist die Bildinterpretation, nicht das Bild.“ Er berichtete kurz von politischen Verhandlungen, wo versucht wurde, zwischen radiologischen Leistungen in vivo und in vitro mit bzw. ohne unmittelbare Anwesenheit des Patienten zu unterscheiden. „Das lehnt die gesamte Standesvertretung kategorisch ab und hat damit bereits Etappensiege zu verzeichnen“, betonte der BURAD-Chef.

Die Geister, die ich rief …

In seinem Vortrag „Praktische Erfahrungen und Wertigkeit der Teleradiologie für eine Universitätsklinik“ zitierte Prof. Dr. Werner Jaschke, Innsbruck, Goethes Zauberlehrling. Seine Klinik begann im Jahr 1995 die Telekonsultation mit dem Spital in Zwettl. In der Zwischenzeit sind mehrere, vor allem benachbarte Spitäler dazu gekommen. Die Frequenz der Konsultationen steigerte sich von 92 im Jahr 2003 kontinuierlich bis auf 3.477 im Jahr 2005. „Die Geister, die ich rief, werd´ ich nun nicht los!“, zitierte Jaschke. „Wir hatten im ersten Halbjahr 2006 bereits 2.842 Anfragen und sahen uns gezwungen, die ersten Verträge zu kündigen!“ Die Probleme seien nicht länger zu bewältigen.
Probleme der Praxis sind neben technischen Insuffizienzen und den Kosten vor allem die Verantwortlichkeiten. Jaschke: „Wer trägt die Verantwortung für die Funktionsfähigkeit der Teleradiologie? Die Mannschaft vor Ort, beim Patienten? Das sind im schlechtesten Fall RTs allein, im besseren Fall ein Nachtdienst-Radiologe mit der ärztlichen Ausbildung, aber üblicherweise ohne entsprechende EDV-Ausbildung. Oder sind jene verantwortlich, die ihr Know-how am anderen Ende der Leitung zur Verfügung stellen? Deren Kompetenz ist in der Regel aber eine fachärztliche und nicht eine technische. Und jeder, der sich schon einmal über seinen PC geärgert hat, kann ermessen, dass diese Technik ihre Anfälligkeiten hat.“
Die finanziellen Berechnungen Jaschkes decken sich weitgehend mit den Einschätzungen Hrubys. Er ergänzte die Daten noch um die Übertragungskosten: Für etwa 500 CT-Bilder sind 5.400 Euro zu veranschlagen, ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Auch Jaschke zeigte zum Abschluss seines Vortrags Sinn für Pointen. Er projizierte eine Karikatur mit dem Statement: „Zwei Wochen Urlaub und drei Wochen auf Kreuzfahrt! – Ab wann ahnten Sie, dass es Ärger gibt?“ Und wandelte leicht ab: „Ständige Leistungssteigerung bei gleich bleibenden Ressourcen! – Ab wann ahnen Sie, dass es da Ärger gibt?“

Fakten und Kuriositäten

Dr. Hans Mosser aus Krems lieferte im Schlussvortrag internationale Kuriositäten: Die Fa. NightHawk bietet für Amerika um 55 Dollar pro Konsultation vorläufige Befunde. Die Daten werden nach Australien geschickt und dort vorläufig befundet. Vorläufig, weil die amerikanischen Versicherungen nur nationale Befunde bezahlen, daher werden die nächtlichen Befunde dann vor Ort überarbeitet.
NightHawk ist nur einer von drei Anbietern. Seit 2006 wird in Zürich von einem ähnlichen Unternehmen „Beratung per Teleradiologie“ angeboten. In Belgien arbeiten zehn Radiologen telekonsultatorisch, Grönland ist als Ganzes vernetzt usw. Allerdings konnte Mosser trotz intensiver Recherchen keine Daten finden, die Aussagen zur medizinischen Qualität der Teleradiologie machen. Es gibt weltweit bereits reichlich Erfahrung, aber keine Qualitätskontrolle.

Was kostet der Aufwand?

Mosser berichtete über Ergebnisse von Berechnungen zum Aufwand der Teleradiologie, die Prof. Salomonowitz, St. Pölten, veranlasst hatte: Der Radiologe investiert durchschnittlich 45 min, der/die RT in etwa 15 min., die EDV wurde mit einer halben Stunde veranschlagt. Das ergibt durchschnittliche Kosten von 140 Euro – tatsächlich werden derzeit 65 Euro bezahlt („Ab wann ahnen wir, dass es Ärger gibt?“). Das sei dennoch – weder für Mosser noch Salomonowitz – das Hauptproblem, sondern vielmehr die Verantwortlichkeit für Fehler. „Der in der Telekonsultation arbeitende Radiologe muss unter Zeitdruck, mit üblicherweise unvollständigen Informationen zu einer Entscheidung kommen“, erklärte Mosser und fragte: „Ist das suffizient möglich?“
Der Kremser Radiologe lieferte auch Daten: In etwa 50 Prozent der Fälle führte die Rücksprache mit Patient oder Zuweiser zu einer deutlichen Verbesserung des Befundes! „Erst der direkte Kontakt ermöglicht den Unterschied zwischen an sich korrekter, aber nur Bild-beschreibender Befundung und klinischer Relevanz“, so Mosser. Die Distanz impliziert:
• zu 50 Prozent ist der Tele-Befund von geringer klinischer Relevanz,
• zu 60 Prozent ist die aus dem Befund abgeleitete Therapie nicht optimal.
• Es kommt weit überdurchschnittlich zur Empfehlung von Kontrolluntersuchungen, ja sogar Biopsien oder ähnlichem.
Dennoch befürwortet Mosser nicht das Ende der Teleradiologie, sondern eine Umkehrung der Paradigmen: „Teleradiologie ist eine Radiologie der Nähe! Ihr Ziel ist nicht die Fernbefundung, sondern das Heranbringen des Spezialisten dorthin, wo er gebraucht wird. Es steht uns ein relativ neues Werkzeug zur Verfügung – wir müssen entscheiden, wie wir es anwenden.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben