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Radiologie 6. Dezember 2006

Neue Fäden im weiten Netzwerk der Radiologie

Der sinnvolle Einsatz moderner bildgebender Verfahren erfordert heute mehr denn je eine forcierte Abstimmung mit anderen Fächern, wie der Nuklearmedizin, der Kardiologie oder der Onkologie. Dabei will die Radiologie als „klinisches Fach mit einem engen Bezug zum Patienten“ wahrgenommen werden.

Im Rahmen des Österreichischen Röntgenkongresses im September 2006 in Eisenstadt wurde Prof. Dr. Gerhard Mostbeck, Leiter des Zentralröntgeninstituts am Otto Wagner-Spital in Wien, zum neuen Präsidenten der Österreichischen Röntgengesellschaft (ÖRG) gewählt. Im Gespräch mit FOKUS RADIOLOGIE skizziert er eine Intensivierung der fächerüber-
greifenden Kooperation, deren Notwendigkeit sich aus den Fortschritten der bildgebenden Diagnostik zwingend ergebe.
Ein großes Projekt, gemeinsam mit der Bundesfachgruppe Radiologie der Österreichischen Ärztekammer, ist die Implementierung eines Mammographie-Screening-Programmes. „Wir hoffen“, so Mostbeck, „dass dieses gemeinsame Projekt, das die Radiologen österreichweit anbieten werden, auf breite Akzeptanz trifft.“

Wie weit sind die Vorbereitungen gediehen?
Mostbeck: Beschlüsse, dieses Projekt in den kommenden Monaten umzusetzen, gibt es sowohl von der Bundesfachgruppe Radiologie als auch dem Präsidium der ÖRG und mittlerweile auch dem Präsidium der Österreichischen Ärztekammer. Aufgabe der ÖRG dabei ist, die Aspekte der Wissenschaftlichkeit dieses Projektes zu beachten.
Da in diesem Screening bei Patientinnen mit dichtem Brustparenchym eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt wird, ist es wichtig, dieses Vorgehen anhand der Screeningdaten zu evaluieren. Daher soll die Datenanalyse durch unabhängige universitäre Einrichtungen erfolgen.

Ist eine ergänzende Sonografie in den Mammascreening-Richtlinien der EU nicht selbstverständlich?
Mostbeck: Nein, das ist nicht vorgesehen. Wir wollen aber, dass Patientinnen mit ACR-Grad C und D (Einteilung des American College of Radiology für die Parenchymdichte der Mamma) eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung bekommen. Dadurch können Mammakarzinome gefunden werden, die der Mammographie entgehen.
Dieses Vorgehen wurde über Jahre im Rahmen des „grauen“, nicht systemisierten Screenings sinnvollerweise so gehandhabt. Viele Frauen, die schon bisher zur Vorsorgeuntersuchung der Brust regelmäßig bei RadiologInnen waren, würden nicht verstehen, warum nun Teile einer Untersuchung wegfallen, die man ihnen bisher als sehr sinnvoll erklärt hat. Der Anteil der Frauen in Österreich, die schon bisher an einem „grauen“ Screening teilgenommen haben, liegt nach Schätzungen bei bis zu 50 Prozent der entsprechenden Altersgruppe.

Wie gut ist unser bisheriges System?
Mostbeck: Das „graue“ Screening hat in Österreich jahrzehntelange Tradition. Frauen werden von ihren GynäkologInnen, aber auch von Allgemeinmedizinern zu regelmäßigen Untersuchungen zugewiesen. Das hat dazu geführt, dass die Mortalität des Mammakarzinoms niedrig ist; annähernd in der Größenordnung von Ländern, die bereits ein flächendeckendes Screening haben. Weiters zählt Österreich zu den Ländern mit der höchsten Rate an brusterhaltenden Operationen bei Mammakarzinom. Das legt den Schluss nahe, dass unser bisheriges System so schlecht nicht sein kann.
Es ist aber sicher verbesserungswürdig. Vor allem in dem Punkt, dass wir mehr Frauen erreichen müssen. Man weiß heute, dass Sprachbarrieren, niederer sozialer Status und schlechte Erreichbarkeit der Screeningeinheit wesentliche Faktoren dafür sind, dass Frauen an einem Screening nicht teilnehmen. Das Ziel ist daher, möglichst viele Frauen durch Einladungsbriefe zur Teilnahme an diesem Screening zu motivieren.

Wo sehen Sie weitere Schwerpunkte und notwendige Initiativen der ÖRG?
Mostbeck: Stichwort funktionelle Bildgebung! Stichwort Kooperation Nuklearmedizin – Radiologie! Die zunehmende Verbreitung der PET/CT und SPECT/CT, aber auch die Möglichkeiten der Bilddatenfusionen nuklearmedizinischer Verfahren mit CT und MR haben zu ersten Gesprächen mit Vertretern der Nuklearmedizin geführt. Es erscheint aus Sicht der ÖRG wenig sinnvoll, dass sich die bisherige Praxis des „Nebeneinander“ weiter fortsetzt.
Geräte wie PET/CT und SPECT/CT tragen schon in ihrem Namen den Hinweis, dass die gewonnene Information sowohl von einem Nuklearmediziner als auch von einem Radiologen befundet werden sollte – in guter Kooperation. Die schon heute sinnvolle und auch in meinem medizinischen Umfeld geübte Praxis, Bilddaten von PET und CT zum Wohle der Patienten krankenhausübergreifend zu fusionieren, wirft die Frage nach der Verantwortlichkeit für solche gemeinsamen Befunde auf.
Es macht daher Sinn, einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu suchen. Das hat, aus meiner Sicht, auch mittelfristig Implikationen für die Ausbildung. Es macht Sinn, dass Nuklearmediziner und Radiologen Kooperationsmodelle entwickeln und letztlich gemeinsame Ausbildungskonzepte. Wir sollten Fachärzte ausbilden, die auf Basis der Ausbildung in Radiologie und Nuklearmedizin geeignet sind, die Anforderungen dieser faszinierenden Methoden zu bewältigen.
Die technische Weiterentwicklung legt hier Kooperation nahe. Isolierte PET-Einheiten, ohne CT-Möglichkeit, werden vom Markt und aus den Nuklearmedizinischen Instituten verschwinden.

Inwieweit führen der technische Fortschritt und die so erweiterten Möglichkeiten der Radiologie auch zu anderen Kooperationen?
Mostbeck: Ein weiteres schönes Beispiel dafür ist die Herz-Diagnostik. Mit den Weiterentwicklungen am CT- und MR-Markt haben die Radiologen neue Bilddaten und damit Diagnosemöglichkeiten, die bisher Domäne anderer Verfahren waren. Auch hier gibt es eine Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Kardiologie mit der Intention: Wie setzen wir auf einem hohen Qualitätsniveau die Möglichkeiten der Herzdiagnostik durch CT und MR ein? Die Fortbildung, die es dazu bereits gibt, werden wir sicher weiterführen und eventuell ergänzen. Auch die Indikationen müssen noch klarer definiert werden.
Weiteres Schlagwort: Interven-tionelle Radiologie! Hier erfolgte vor wenigen Wochen die Gründung einer eigenen wissenschaftlichen Gesellschaft. Eine enge Kooperation mit der ÖRG wäre hier weiter wünschenswert.
Wir forcieren beispielsweise die Radiofrequenz-Ablation von Neoplasien in verschiedenen Organen, wie Leber, Niere, aber auch Lunge. Wie wird sich die minimal-invasive Chirurgie, wie die Kälte- oder Hitzetherapie weiterentwickeln? Wie ist die Indikationsstellung?
Ein wesentlicher Punkt aus meiner Sicht ist die Frage, wie wir als Radiologen den einzelnen Fächern näher bringen, dass wir Methoden zur Verfügung haben, die sinnvoll einsetzbar und gut sind. Hier ist es notwendig, entsprechend große Studien zu machen und sichere Daten zu liefern, die mit traditionellen chirurgischen/onkologischen Behandlungskonzepten vergleichbar sind.

Ihr bisheriges Statement betont die Schnittstellen der Radiologie mit anderen Fächern, also kann man als Schwerpunkt Ihrer Funktionsperiode eher „Außenpolitik“ annehmen. Wie wird die innere Gewichtung sein?
Mostbeck: Es gibt einen sehr aktuellen Lehrzielkatalog, der von meinem Vorgänger Prof. Herwig Imhof in hervorragender Art und Weise gemacht wurde. Und es gibt bereits die dritte Auflage der „Orientierungshilfe Radiologie“ in Kooperation mit Bundesfachgruppe, dem Strahlenschutzverband und dem Verband für bildgebende Diagnostik Österreich (VBDÖ). Es wird unsere Aufgabe sein, den Lehrzielkatalog laufend zu adaptieren, aber das werden die Arbeitsgruppen sicherlich in bewährter Qualität durchführen.
Ein Aspekt scheint mir besonders wichtig. Wir müssen die Radiologie vermehrt als das präsentieren, was sie ist: ein klinisches Fach mit einem engen Bezug zum Patienten! Wir sind oft jene ÄrztInnen, die die entscheidenden diagnostischen Hinweise oder – in zahlreichen Fällen – die entscheidende Diagnose liefern.
Wir arbeiten qualitätsgesichert und nach ökonomischen Richtlinien, nur nach Anforderung und nicht auf Selbstzuweisung. Wir therapieren schonend und wenig invasiv. Das gilt es zu kommunizieren. Ich möchte gerne weg von dem nicht zutreffenden Vorurteil der „kostenintensiven Medizintechnokraten“, die früher in dunklen Kellergängen Bariumsuspension schleppten und heute weltabgewandt hinter ihren Befundworkstations sitzen.

Es wird neue Statuten geben aus Gründen des Vereinsgesetzes. Ist an eine strukturelle Änderung der ÖRG gedacht?
Mostbeck: Nein. Ich glaube, dass die derzeitige Struktur durchaus sinnvoll ist. Auch die Radiologie auf internationaler Ebene ist so strukturiert und folgt einem nun schon etablierten „Organkonzept“: Thoraxradiologie, gastrointestinale Radiologie, Mammadiagnostik, Neuroradiologie usw. Das betrifft die Ausbildung, stellt den klinischen Fächern kompetente Ansprechpartner zur Verfügung, zieht sich durch die Wissenschaft bis zu internationalen Gesellschaften für die jeweilige Organ-Gruppe – weg von den Modalitäten, hin zu den Organsystemen. Es gibt keine internationale Gesellschaft für CT.
Dass die ÖRG diese Arbeitsgruppen gebildet hat, war ein konstruktiver Schritt, denn damit stehen entsprechend qualifizierte Ansprechpartner zur Verfügung. Die weitere Subspezialisierung wird sich nicht vermeiden lassen, sondern im Gegenteil gibt es Ansätze, sie bereits in der Ausbildung entsprechend zu berücksichtigen. Wie man das umsetzt, ist aber eher eine Aufgabe der Ärztekammer, die für diese Belange zuständig ist. Die wissenschaftliche Gesellschaft kann hier nur Empfehlungen weitergeben.

Dr. Ulrike Roscher, Ärzte Woche 13/2002

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