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Radiologie 12. September 2006

„Komme mir keiner und sage, das geht nicht“ (Narrenturm 67)

Als eifriger Besucher der Röntgenkurse an der II. Medizinischen Universitätsklinik begann Guido Holzknecht noch vor seinem Studienabschluss mit seinen Forschungsarbeiten. Dabei brachte er System und Methode in die neue Disziplin der Radiologie und wurde innerhalb kurzer Zeit auch außerhalb Österreichs berühmt. Die Gefahren, die sein Forschungsgebiet barg, hatte er jedoch unterschätzt.

Die Totenmaske des Pioniers der Radiologie, Guido Holzknecht (1872–1931), liegt im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum neben jener des Psychiaters, Neurologen und Nobelpreisträgers Julius von Wagner-Jauregg (1857–1939). Die Nachbarschaft in der Vitrine erinnert daran, dass es Wagner-Jauregg war, der sich vehement und erfolgreich dafür einsetzte, dass sich Holzknecht gemeinsam mit Leopold Freund – dem späteren Begründer der Strahlentherapie – und Robert Kienböck im Februar 1904 als Privatdozenten für das Röntgenverfahren – ein Fachgebiet, das es damals noch nicht gab – habilitieren konnte. Die Radiologie war damit zum eigenständigen Fachgebiet geworden. Als Holzknecht sich den neuen geheimnisvollen X-Strahlen mit Haut und Haar verschrieb, war er nicht der Erste in Wien, der sich der neuen Wissenschaft widmete. Vor allem der heute fast vergessene Gustav Kaiser (1871–1954) wendete wahrscheinlich als erster Arzt weltweit die Röntgenstrahlen zu diagnostischen Zwecken an. Kaiser veranstaltete gut besuchte Röntgenkurse an der II. Medizinischen Universitätsklinik. Einer der begeistertsten und eifrigsten Besucher seiner Vorlesungen war der Student Guido Holzknecht.

Forschungsbeginn mit privat gekauften Geräten
1899, noch vor seinem Studienabschluss, begann Holzknecht an der Klinik mit röntgenologischen Untersuchungen. Die Geräte hatte er sich privat, mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter, angeschafft. In einem winzigen Raum zwischen zwei Krankensälen untersuchte und forschte er auf engstem Raum und unter schwierigsten Bedingungen. Hier entstanden in kurzer Zeit grundlegende Arbeiten zur Radiologie, die die medizinische Welt aufhorchen ließen. Wie sensationell seine Arbeiten waren, zeigt die Tatsache, dass er – höchst ungewöhnlich – noch als Student in der Gesellschaft der Ärzte eine Demonstration abhalten durfte. Nach seiner Promotion arbeitete Holzknecht wie ein Besessener weiter. Im Gegensatz zu den anderen Radiologen, die nicht so recht wussten, ob sie sich nun mehr der Untersuchung oder der neuen Technik widmen sollten und daher kaum überzeugende wissenschaftliche Arbeiten produzierten, bemühte sich Holzknecht von Anfang an, System und Methode in die neue Disziplin zu bringen.

Zuverlässiger Wissenschaftler von internationalem Rang
In kurzer Zeit war Holzknecht, der alle Röntgenverfahren theoretisch und praktisch vollkommen beherrschte, auch international eine „der ersten und verdientesten Autoritäten auf dem Gebiet der Radiologie“. Ein zuverlässiger Forscher, der trotz der räumlichen und technischen Beschränktheit im Allgemeinen Krankenhaus unglaublich viele, qualifizierte und originelle Publikationen veröffentlichte. Sein Leitsatz, der über der Tür zu seinem Arbeitszimmer hing – „Komme mir keiner und sage, das geht nicht“ – lässt ahnen, dass er als Vorgesetzter – gelinde gesagt – wohl etwas schwierig war. Die von Holzknecht begründete Wiener Medizinisch-Radiologische Schule war aber der Grundstein für den ungeheuren internationalen Ruhm der Wiener Radiologie in der Zwischenkriegszeit. Strahlenschutz war damals unbekannt. Bei der Durchleuchtung wurde direkt im Strahlengang gearbeitet, deswegen traten bei Holzknecht – wie bei fast allen Radiologen der ersten Stunde – bereits frühzeitig Strahlenschäden an den Händen auf. Bereits ab 1901 litt er an der so genannten Strahlendermatitis, die sich über die Jahre hinweg dramatisch verschlechterte und schließlich entartete. 1911 wurde ihm ein Finger der linken Hand amputiert. Ab 1916 unterzog sich Holzknecht zahllosen, unglaublich belastenden Röntgenbestrahlungen als Therapie gegen seinen Strahlenkrebs. Bis zu seinem Tod am 30. Oktober 1931 musste er 64 verstümmelnde Operationen über sich ergehen lassen.

Schwere Strahlenschäden
Mit stoischem Gleichmut und fast „heiterer Gelassenheit“ ertrug er alle Eingriffe und blieb weiter ein Arbeitstier. Er ließ sich sogar extra Instrumente als „Armprothesen“ anfertigen, um weiter untersuchen zu können. Trotz seines Martyriums war seine Devise: „Solange man mir den Kopf nicht abschneidet, werde ich weiterarbeiten.“ Das offenbart wohl mehr über die Person Guido Holzknechts als jeder noch so brillante Nachruf.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2006

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