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Radiologie 6. September 2006

Denken auf molekularer Ebene

Experten der Radiologie sind sich einig, dass die molekulare Bildgebung als Technik der nahen Zukunft die radiologische Landschaft revolutionieren wird.

Oft spielen bei der rasanten Entwicklung durch Techniker und Molekularbiologen die Radiologen nur eine Nebenrolle. Dem soll nunmehr durch die Etablierung entsprechender Netzwerke und Plattformen entgegengewirkt werden. FOKUS RADIOLOGIE sprach mit dem Präsidenten des Europäischen Radiologie-Kongresses (ECR), Prof. Dr. Christian Herold von der Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH-Wien, über die Rolle der europäischen Fachgesellschaften ECR/ESR.

Hat die Zukunft der molekularen Bildgebung bereits begonnen?
Herold: Das molekulare Imaging stellt für die europäischen Radiologen und die mit ihnen zusammenarbeitenden Wissenschaftler ein höchst aktuelles Feld dar. Schließlich wird es die Zukunft der Bildgebung deutlich prägen. Die rasante technische Entwicklung sowohl auf dem Gerätesektor als auch bei den Kontrastmitteln erlaubt es, eine derartige Prognose abzugeben.

Was bedeutet das für den universitären Forschungsbereich?
Herold: Medizintechnische Firmen und die pharmazeutische Industrie setzen große Anstrengungen in die Etablierung einer „personalisierten Medizin“: eine Kombination von In-vitro- und In-vivo-Diagnostik, genetischer Risikoidentifikation bis hin zu individualisierten therapeutischen Ansätzen. Die molekulare Bildgebung stellt hierfür ein hervorragendes Vehikel dar. Im Bewusstsein dieser Entwicklungen kann man als universitäre Einrichtung und Forschungsinstitut auf diesen Trend setzen und die Bestrebungen in diese Richtung lenken. Leider sind wir in Europa nicht auf demselben Level wie die US-amerikanischen Universitäten. Hierzulande fehlt es an entsprechenden finanziellen Mitteln, wie sie etwa Stanford oder Harvard aufweisen.

Wie weit kann Europa mithalten?
Herold: Die EU hat eigene Projekte und Netzwerke ins Leben gerufen, wie EMIL oder DIMI. Allerdings arbeiten hier vorwiegend Molekularbiologen, Proteinchemiker und Biotechnologen an der Weiterentwicklung der Systeme. Radiologen spielen teilweise nicht einmal eine untergeordnete Rolle. Obwohl molekulare Bildgebung prinzipiell ein interdisziplinärer Forschungszweig ist, bestärkt mich dies in der Idee, eine europäische Gesellschaft oder working group als Heimat für die mit der molekularen Bildgebung beschäftigten Radiologen zu etablieren. Es wird notwendig sein, eine kritische Masse oder Größe zu erreichen, sonst können wir in diesem riesigen Feld kaum Fuß fassen. Schließlich stehen wir als Radiologen – abgesehen von unseren Forschungsaufgaben – größtenteils am klinischen Applikationsende. Daher sollten auch wir die Technologien und Verfahren aufbauen und uns interdisziplinär organisieren.

Wie steht Österreich im Europavergleich da?
Herold: Wir investieren intensiv in diesen Bereich. Alleine von der Wiener Universitätsklinik für Radiodiagnostik erhielten oder erhalten fünf Kollegen in den Laboratorien von Harvard und des Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York eine wissenschaftliche Ausbildung in verschiedenen Teilgebieten der molekularen Bildgebung. Europaweit gehören wir zu jenen Institutionen, die ganz vorne mit dabei sind. Trotzdem ist dies angesichts der Größe und der Komplexität des Feldes immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen schlagkräftigere Strukturen aufbauen und arbeiten daher intensiv an der internationalen Vernetzung der Forscher auf diesem Gebiet.

Wie reagieren die europäischen radiologischen Gesellschaften auf diese Entwicklung?
Herold: Für die ECR respektive die jüngst gegründete European Society of Radiology (ESR) stellen sich angesichts der rasanten Entwicklung eine Reihe von Herausforderungen. Einerseits müssen wir die europäische Kollegenschaft laufend informieren. Allen muss klar sein, dass die molekulare Bildgebung in absehbarer Zeit unseren radiologischen Alltag bestimmen wird. Diesbezüglich versenden wir regelmäßig Newsletters an unsere Mitglieder. Wir haben zudem bereits früh begonnen, die molekulare Bildgebung auf dem ECR in Wien zu thematisieren. Im Jahr 2007 wird im Rahmen des Kongresses erstmals auch ein Intensiv-Kurs angeboten, bei dem die Pioniere und internationale Experten über das State-of-the-art referieren. Außerdem wurde ein eigenes ECR-Subkomitee für molekulare Bildgebung eingerichtet. Und letztlich helfen wir, wie bereits erwähnt, beim Aufbau und in der Organisation einer radiologischen Gesellschaft für molekulare Bildgebung mit. Wer die Zeichen der Zeit erkennt, sieht die Notwen-digkeit der Förderung dieses Forschungszweiges.

Welche Wünsche hegen Sie für die Zukunft der molekularen Bildgebung?
Herold: Den Gesellschaften ECR und ESR ist die molekulare Bildgebung ein ganz großes Anliegen, da sie die radiologische Zukunft massiv beeinflussen wird. Wir sollten unseren Kollegen vermitteln, ihr radiologisches Denken um die molekulare Ebene zu erweitern, sich jede Diagnose als einen Ablauf molekularer Vorgänge vorzustellen. Zweitens müssen wir intensiv in die Forschung investieren. Und letztlich wäre zu überlegen, wie wir die molekulare Bildgebung in die Ausbildung der jungen Kollegen integrieren, die Curricula entsprechend anpassen können. Wir müssen für das Zeitalter der molekularen Radiologie gerüstet sein!

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 7/2001

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