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Radiologie 12. April 2006

Was hat der Patient davon?

Schneller, höher, weiter – das Glaubensbekenntnis des Fortschrittes gilt auch für die bildgebenden Verfahren. Schneller, mit höherer Auflösung, mit bunteren Bildern, dreidimensional und virtuell muss es sein. Inwiefern die Techniken doch im Interesse des Patienten vorangetrieben werden, präsentierten Radiologen bei einem „Collegium publicum“ in Wien.

Vier repräsentative Beispiele modernster Radiologie standen am Prüfstand und sollten aufzeigen, wie die Fachärzte für bildgebende Diagnostik versuchen, Patienten-orientiert zu agieren. Prof. Dr. Wolfgang Schima, Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH Wien, stellte ein Fragezeichen hinter den Titel seines Vortrages: „Virtuelle Colonoskopie: Die Revolution im Dickdarm?“

Virtuelle Colonoskopie

Eine effiziente Methode der Darmdarstellung ist nötig, da die Colonkarzinome zu den häufigsten Todesursachen zählen. Für die Irrigoskopie „wurde das Totenglöckchen wegen viel zu geringer Sensitivität schon geläutet“, so Schima – bleibt also nur die Endoskopie? Wenn die intraluminale Colonoskopie nur unvollständig möglich ist, eine Kontraindikation dagegen besteht, wie entzündliche Darm- erkrankungen oder auch „nur“ Patientenverweigerung, dann schlägt die Stunde der virtuellen Colonoskopie. Derzeit heißt das: computertomografisch, da im MR etwa 21 Einläufe nötig sind. Schima: „Das tolerieren ziemlich wenige Patienten!“ Auch zwecks Staging bei bekanntem Malignom empfiehlt sich die Computertomographie, weil damit gleichzeitig die umgebenden Strukturen beurteilbar sind. Die Vorbereitung zur Untersuchung war für 98 Prozent der Patienten sehr unangenehm. Die ist aber für endoskopische oder virtuelle Darstellung ident. Die diagnostische Sicherheit auch des CTs ist abhängig von der Sauberkeit des Darmes. Probleme mit Flüssigkeit im Colon lassen sich durch doppelte Untersuchung, in Rücken- und in Bauchlage, lösen. Allerdings bleibt der endoskopischen Colonoskopie die Option der sofortigen Polyp-Abtragung vorbehalten. Daher plädierte Schima für eine enge Zusammenarbeit, um gegebenenfalls eine Polypabtragung anschließen zu können, ohne dass eine nochmalige Vor-bereitung nötig ist.

Was zählt bei Schlaganfall?

Prof. Dr. Majda Thurnher, Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH Wien, zeigte eindrucksvolle, bunte Bilder aus der Diagnostik des akuten Schlaganfalles. Diese Bilder wurden begleitet von den Forderungen an eine optimale Diagnostik: 24 Stunden verfügbar, einfach, schnell und kompetent. Thurnher begründete diese Forderungen aber plausibel: „Es geht nicht so sehr um die Darstellung der kaputten Areale, sondern um die Penumbra und die Möglichkeiten, hier weitere Schäden zu verhindern.“ Penumbra heißt das Areal in unmittelbarer Nachbarschaft zum bereits ausgefallenen Areal, das Minderper-fusion mit Zellschäden, aber noch keinen Zelltod zeigt. Die Konsequenz der Diagnostik, gegebenenfalls die Lyse, muss so schnell wie möglich eingeleitet werden. Thurnher: „Wir haben einen Zeitrahmen von zirka sechs Stunden. Davon ist die Zeit abzuziehen, die der Patient benötigt, um ins Spital zu kommen.“ Routinierte Neuroradiologen benötigen 15 Minuten, um den diagnostisch nötigen Bildsatz zu aquirieren, optimalerweise normalen Schädel-CT, Perfusions-CT und CT-Angiographie. Die MRT bietet ähnliche Möglichkeiten. Die Frage: „Welche Technik?“ entscheidet die Verfügbarkeit innerhalb des Zeitfensters. Thurnher: „Man kommt mit dem Skoda und mit dem Ferrari ans Ziel. Wenn man aber mehr als die tatsächliche Zeitdifferenz braucht, um zum Ferrari zu kommen, kann der Skoda schlussendlich schneller sein.“

Gefäß-Diagnostik: Bescheidene Radiologen

Sehr lange galt die Diagnostik des Herzens, vor allem der Herzkranzgefäße, als Black box der Bildgebung. Dieses Organ hält einfach nicht lange genug still, um scharf abgebildet zu werden; technisch ausgedrückt limitieren die Pulsationsartefakte. Doch dieses Problem ist gelöst! Mittels EKG-Triggerung können die Coronarien in CT und MR hervorragend abgebildet werden – und die übliche interventionelle, angiographische Darstellung erhält massive Konkurrenz. Prof. Dr. Christian Loewe, Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH Wien, betonte allerdings in wissenschaftlicher Bescheidenheit die derzeit limitierenden Faktoren: massive Herzarrhythmien und starke Verkalkungen im Untersuchungsgebiet.

Warnung vor „Stent-Euphorie“

Auch der Bericht über die Stent-Implantation bei Aortenaneurysma zeichnete sich durch diese Bescheidenheit aus. Prof. Dr. Thomas Rand, Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH Wien, warnte eindringlich vor einer „Stent-Euphorie“! Allerdings ist sein Haupt-Argument: „Man hat einfach noch keine Langzeiterfahrung mit den Stents!“ Selbst Prof. Dr. Christian Herold, Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, AKH Wien, konnte als Moderator nachvollziehen, „dass Patienten wahrscheinlich lieber die Unsicherheit in zehn Jahren wählen“. Denn es ist die Wahl zu treffen: Lieber eine Stichinzision in den Leisten mit lokaler Betäubung und Implantation eines Stents vom Radiologen oder eine Operation mit Bauchschnitt, Vollnarkose und Aorten-bypass. Aber natürlich kommen nicht alle Patienten für die minimal invasive Methode in Frage. Fazit: Für den Patienten sind die rasanten Fortschritte in der Radiologie nur dann von Nutzen, wenn die Fachkundigen mit Augenmaß und eben Patienten-orientiert agieren. Das „Collegium publicum“ konnte diesen Eindruck vermitteln.

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