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Radiologie 12. April 2006

Der weite Weg zur organisierten Mammographie

Screening-Programme zur Früherkennung von Mamma-Karzinomen sollen – so der politische Wille – auch in Österreich bald schon organisiert ablaufen. Der niedergelassene Radiologe Dr. Oswald Graf, Steyr, plädiert für dezentrale Diagnose-Einheiten, aber für ein zentrales Datenmanagement.

Der Wert von Screening-Programmen zur Früherkennung von Mammakarzinomen wird von seriösen Ärzten und Politikern wohl kaum mehr bestritten. So entschloss sich auch die österreichische Bundesregierung, diese Form der Prophylaxe zu fördern. Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) wurde vom Ministerium beauftragt, „das qualitätsgesicherte, bevölkerungsbezogene Mammographie-Screeningprogramm zunächst in überschaubaren Modellregionen zu erproben“. „Nachweislich kann mit dem bevölkerungsbezogenen qualitätsgesicherten Mammographie-Screeningprogramm nach EU-Leitlinien die Sterblichkeit um bis zu 30 Prozent gesenkt werden“, steht auf der Website des ÖBIG zu lesen. Und: „EU-Kommission und -Parlament haben alle 25 Mitgliedsstaaten aufgerufen, die ‚European Guidelines for Quality Assurance in Mammography Screening’ bis 2008 zu implementieren.“

 Übersicht der Versorung in Oberösterreich
Radiologen befürworten zentrales Datenmanagement bei Mammographie-Screening.

Extramurale Studie

Dr. Oswald Graf, niedergelassener Radiologe aus Steyr, ist Spezialist auf dem Gebiet der Mammographie und befasst sich seit längerem mit dem Thema der Vorsorgeuntersuchung auf Mammakarzinom. Er befürwortet die Idee, organisierte Screening-Programme einzuführen und hat auch schon selbst einige Vorarbeit dazu geleistet. „In Österreich gibt es keine Institution, die bundesweit oder auch nur regional Daten über die Diagnoseform einer Brustkrebserkrankung systematisch aufzeichnet“, beklagt der Experte. Er führte daher in seiner und in zwei weiteren Praxen in Linz und St. Pölten eine Studie durch, die erneut die Bedeutung des Screening-Programmes auch für Österreich bestätigt (siehe Kasten unten).

Qualitätskriterien erfüllt

Unter anderem ergab die Analyse, dass die in der niedergelassenen Praxis erreichten Raten erkannter Karzinome die Qualitätskriterien der EU erfüllen. Auch der Anteil an Intervallkarzinomen, die zwischen zwei Mammographien klinisch manifest werden, entspricht dem in der Literatur angegebenen Bereich von unter 35 Prozent. „Unserer Studie hat gezeigt“, so Graf, „dass im niedergelassenen Bereich ausgezeichnete Ergebnisse auf dem Gebiet der so wichtigen Früherkennung von Brustkrebs möglich sind. Ein Vergleich mit zentral organisierten Screening-Programmen muss nicht gescheut werden. Notwendig ist, dass für alle Institutionen, seien es Spitäler oder Ordinationen, die zukünftig an einem Brustkrebs-Screening teilnehmen möchten, die Leistungsfähigkeit dokumentiert wird.“ Organisierte Screening-Programme, die offensichtlich darauf abzielen, Untersuchungen nur über zentrale Spitäler abzuwickeln und die niedergelassenen Radiologen auszuschließen, werden von Graf abgelehnt. „Das heißt, dass die Frauen weite Wege für die Untersuchung auf sich nehmen müssten“, erklärt Graf. „Das ist nicht zumutbar und kontraproduktiv für die Bemühungen, Brustkrebs in möglichst vielen Fällen frühzeitig zu entdecken.“ Als Beispiel führt er eine Frau aus Reichraming an, die zu seiner Praxis nach Steyr 26 Kilometer zurücklegen muss. Die Aufnahmen werden in der Ordination sofort fachärztlich begutachtet und eventuell notwendige weitere Aufnahmen oder Ultraschall-Untersuchungen können sofort durchgeführt werden. Graf: „Die Frau kann nach spätestens eineinhalb Stunden mit dem Befund wieder nach Hause fahren.“

 Tumorstadium und Diagnoseform
Vergleichsdaten opportunistisches Screening und klinische Diagnose.

Nachteile zentraler Einheiten

In eine zentrale Screening-Einheit, die in Oberösterreich z.B in Linz liegen würde, wären 75 Kilometer zurückzulegen. Zentrale Screening-Programme sind dahingehend organisiert, dass die Aufnahmen entweder in einem Mammographiezentrum oder in Röntgenbussen von einer RTA durchgeführt und erst später vom Facharzt angesehen werden. Sollten weitere Untersuchungen notwendig sein, müsste die Frau erneut nach Linz fahren. Graf: „Das ist im Screeningjargon die gefürchtete Recall-Rate. Diese Umstände bewirken unter anderem, dass in manchen zentralen off-line Screening-Programmen die Teilnahmeraten abnehmen.“ In einem optimalen Früherkennungsprogramm müsse die Mammographie in patientennahen Untersuchungseinheiten durchgeführt werden, in denen die Möglichkeit bestehe, notwendige ergänzende Maßnahmen, wie z.B. einen Ultraschall, sofort durchführen zu können. Dies sei durch die derzeit bestehende Infrastruktur gewährleistet. Auch die Tatsache, dass nur Frauen über 50 Jahren zu den Untersuchungen eingeladen werden sollen, kritisiert der Radiologe. Immerhin traten 20 Prozent der in seiner Studie bei opportunistischen Mammographien entdeckten Karzinome bei Frauen unter 50 auf. Graf: „Ein Screening mit Verbesserungspotenzial muss sich an einem Alter ab 40 Jahren orientieren.“

Screening schon ab 40

Diese Ansicht wird durch die Daten des „Swedish Two County Trial“ gestützt. Gerade im Alter zwischen 40 und 55 Jahren treten rasch wachsende Karzinome auf, und das Swedish National Board of Health empfiehlt entsprechend für Frauen zwischen 40 und 54 Jahren ein Screening-Intervall von 12 bis 18 Monaten, ab 55 Jahren von 18 bis 24 Monaten. Sehr wohl zu befürworten wäre dagegen ein zentrales Datenmanagement. Graf: „Aufgabe ist es, das derzeitige opportunistische Screening kontinuierlich in ein kontrolliertes, organisiertes System überzuführen, in dem die Untersuchungen in patientennahen, dezentralen Untersuchungseinheiten durchgeführt werden und die Kontrolle der Performanceindikatoren sowie das Daten- und Qualitätsmanagement zentral erfolgen.“

 Die Studie von Graf et al. in  Kürze

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 6/2004

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