zur Navigation zum Inhalt
 
Radiologie 12. April 2006

Nur der Erfolg sollte zählen

Die Mammographie wird in Österreich zu 95 Prozent extramural durchgeführt, das dafür notwendige Know-how ist überwiegend auch dort vorhanden. Vier gesundheitspolitisch „verordnete“ Pilotprojekte sollen neue Wege prüfen – die Tendenz zu einer stärkeren Verlagerung in Spitäler wird mit großer Skepsis gesehen.

„Prinzipiell sind alle Bemühungen zu begrüßen, die Teilnahmeraten an der mammographischen Brustkrebsvorsorge zu steigern“, sagt Doz. Dr. Franz Frühwald, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Ra-diologie der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). „Nur eine ausreichend hohe Beteiligung der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren (besser 40 bis 70) ermöglicht tatsächlich eine Reduktion der Mortalität an Brustkrebs.“ Angestrebt werde dabei eine Beteiligungsrate von zumindest 70 Prozent der relevanten Altersgruppe. „Nur wenn wir diese Dimension erreichen“, so Frühwald im Gespräch mit FOKUS RADIO-LOGIE, „ist in den klassischen Screening-Programmen die angestrebte Verringerung der Mortalitätsrate um 30 Prozent erreichbar.“

Wie stehen Sie zum Mammographie-Screening und den österreichischen Pilotprojekten?
Frühwald: Die österreichische Haltung ist von einer unverständlichen Selbstgeißelung gekennzeichnet: Wir sind das Land, das am längsten in Europa der gesamten weiblichen Bevölkerung Mammographie-Untersuchungen gratis anbietet. Als der Rest von Europa noch darüber diskutiert hat – zum Teil über Jahrzehnte –, ob man Mammographie-Untersuchungen überhaupt in die Tarifkataloge der Krankenversicherungen aufnehmen soll, hatten wir in Österreich sie schon lange in allen Kassen aufgenommen und damit der Gesamtbevölkerung zugänglich gemacht. Dasselbe gilt für den Ultraschall der Brust oder die Magnetresonanz-Tomographie. Die Mortalitätsrate an Brustkrebs hat sich seit etwa 1990 in völligem Gleichklang mit den klassischen Screening-Ländern Schweden, Finnland, Niederlande nach unten bewegt, sie hat sich bei uns sogar stärker gebessert als in allen Screening-Ländern. Und die Mortalitätsrate ist schließlich der einzig relevante Parameter in diesem Zusammenhang. Leider hat anscheinend ein Beamter des Gesundheitsministeriums in einer Anfrage der EU angegeben, bei uns gäbe es keine Vorsorgeaktivitäten hinsichtlich Brustkrebs, was uns nun die etwas erhöhte Aufmerksamkeit aus Brüssel sichert.

Wie ist aus Ihrer Sicht die Situation in Österreich?
Frühwald: Während Österreich ein Mammographie-Programm bereits flächendeckend viele Jahre im Einsatz hatte, haben andere Länder begonnen, Pilotprojekte zu installieren und darüber große Datenmengen zu akkumulieren. Offenbar war es für manche österreichische Wissenschafter äußerst schmerzvoll, der Präsentation dieser Daten auf wissenschaftlichen Konferenzen nur lauschen zu dürfen, denn in Österreich existiert bis heute keine Stelle, die die Ergebnisse der Mammographien sammelt und auswertet. So konnte es geschehen, dass die Politik eines Landes, das eigentlich in Europa im Bereich Zugang zur kostenfreien Mammographie ein Vorreiter ist, unter dem Lamento jener Wissenschafter den Eindruck gewann, ein Schlusslicht zu sein. Das ist durchaus verständlich, wenn die (Frauen-)Politik energisch und couragiert versucht, einem vermeintlichen Übelstand durch die Umsetzung wenigstens einiger Pilotprojekte beizukommen. Eines der vier Pilotprojekte hat denn auch die Zustimmung der Bundesfachgruppe Radiologie und damit der ÖÄK gefunden: das Tiroler Projekt. Dieses bezieht wie schon bisher die niedergelassenen Radiologen als Mammographie-Untersuchungsstellen voll mit ein und konzen-triert die invasive Abklärung fraglicher Befunde an entsprechend ausgerüsteten und quali-fizierten Krankenhäusern. Die Auswertung der Leistungs-fähigkeit der Tiroler Systematik (die in der Form – allerdings ohne Einladungssystem – schon bisher so organisiert war), steht in den Performance-Indikatoren den besten bekannten organisierten Screening-Programmen weltweit in nichts nach. Auch das burgenländische Modell kann man akzeptieren.

Und was ist das Problem bei den anderen Projekten?
Frühwald: Schwierig wird es für uns in Oberösterreich. Dort wurde in einem völligen Alleingang der Gesundheitslandesrätin und der OÖ-GKK ein Projekt vorgelegt, das auf die Beteiligung von niedergelassenen Radiologen völlig verzichtet und die Screening-Aktivitäten ausschließlich im Linzer AKH konzentriert. Man konnte den Gazetten entnehmen, dort wären bei einem Umbau 1500 Quadratmeter „übrig geblieben“, die man nun irgendwie befüllen müsste. Man muss dazu allerdings wissen, dass die Mammographie in Österreich zu 95 Prozent extramural durchgeführt wird und das dazu notwendige Know-how überwiegend auch extramural vorhanden ist. Außerdem ist im Bereich der Radiologie in den Spitälern derzeit im Allgemeinen wenig nicht genutzte Kapazität vorhanden, so dass wenig Begeisterung besteht, weitere extrem zeitaufwändige Aufgaben zu übernehmen. Und das Wiener Projekt ist mit Teilnahme von nur einem extramuralen Radiologen auch kein besonders ausgewogenes Konzept.

Erwarten Sie eine Verringerung der Brustkrebs-Mortalitätsrate durch die vier Pilotprojekte?
Frühwald: Definitiv nein. Erstens ist dieses Verbesserungspotenzial nur dann gegeben, wenn es vorher kein mammographisches Service gab. In Österreich waren aber mehr als 80 Prozent aller Frauen zwischen 40 und 70 zumindest schon einmal bei einer Mammographie und 50 Prozent aller Frauen der Zielgruppe erscheinen regelmäßig zu Vorsorge-Mammographien. Zum Zweiten wird aufgrund der ohnehin bereits sehr niedrigen Mortalitätsrate eine Verbesserung auf keinen Fall statistisch signifikant sein können und außerdem methodisch eine echte Herausforderung, da praktisch die Gesamtbevölkerung schon in einer (opportunistischen) Screeningform eingeschlossen ist und daher eine Kontrollgruppe nicht existiert. Und zum Dritten ist – mit Ausnahme von Tirol – die angepeilte Anzahl von Frauen dermaßen gering, dass die Situation in Österreich dadurch nicht einmal theoretisch bemerkbar verändert werden kann.

Was wäre Ihr Vorschlag?
Frühwald: Was in Österreich derzeit fehlt, ist einerseits ein Einladungssystem, um die Beteiligungsquoten noch um etwa 20 Prozent zu steigern und damit den geforderten Grad bei Screening-Programmen zu erreichen. Andererseits müssten die Ergebnisse der Mammograpien, aber auch der Operationen und der histologischen Befunde zentral gemeldet und aus-gewertet werden. Dabei würde sich herausstellen, dass Österreich nicht schlechter, sondern wesentlich besser liegt als die übrigen europäischen Staaten.

Warum?
Frühwald: In Österreich setzen wir nicht auf die „Screening-Mammographie“, die nur aus vier Röntgenfilmen ohne Arztkontakt besteht, mit nachfolgender fließbandartiger Auswertung in zentralen Einheiten (mit Doppelbefundung, damit bei der monotonen Fließbandarbeit die Fehler in Grenzen gehalten werden). Vielmehr besteht die Vorsorge-Mammographie aus Anamnese, Inspektion, Palpation, Begutachtung der Aufnahmen, wenn erforderlich Ultraschalluntersuchung und eventuell sofortiger Veranlassung weiterer Schritte, wie MRT, Biopsie oder Operation. Das ganze wohnortnahe und niederschwellig sowie kostenlos. Dieses Regime der „Tripel-Dia-gnostik“ hat eine um 15 Prozent höhere Tumorentdeckungsrate als die „nur 4 Film Mammographie“. Daher haben wir mit einer Teilnahmerate von 50 Prozent eine gleich gute Brustkrebs-Mortalitätsrate wie andere Länder mit 70 Prozent Beteiligung. Wenn wir mit unserem besseren diagnostischen Regime 70 Prozent der Frauen erreichen würden, wären wir mit größter Wahrscheinlichkeit deutlich besser.

Und wie können wir dahin kommen?
Frühwald: Ich fürchte, die Pilotprojekte werden uns nicht „herausreißen“, das ist typisch „too little and too late“. Und gut gemeint ist halt häufig das Gegenteil von gut gemacht. Die Pilotprojekte werden bis zum Ende des Jahres je 120.000 Euro verbraten haben, ohne eine einzige Mammographie durchzuführen. Das ist jedenfalls unsere Befürchtung, wie wir überhaupt in der Umverteilung der Mittel von der diagnostischen Front in die bürokratische Etappe eines der größten Probleme orten. Warum ein Drittel der gesamten eingesetzten Mittel beim Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) landen muss, das muss mir erst jemand erklären! Die Bundesfachgruppe Radiologie denkt derzeit sehr intensiv darüber nach, die Ergebnisse der Mammographie-Untersuchungen evaluierbar und damit vergleichbar zu machen. Auch denken wir darüber nach, wie wir die Inanspruchnahme der Mammographie weiter verbessern können und wie ein Einladungssystem für möglichst viele Frauen unter Beachtung aller datenschutzrechtlichen Anforderungen in Österreich realisiert werden könnte. Zum Thema „Qualitätssicherung haben wir schon sehr erfolgreich vor knapp zwei Jahren ein Qualitätszertifikat für Mammographie-Einheiten in Kooperation mit der österreichischen Röntgen-Gesellschaft aufgelegt, für das sich bisher 80 von ca. 300 Röntgenpraxen und 10 von ca. 250 Krankenhäusern qualifizieren konnten. Für die anderen wesentlichen Komponenten eines organisierten Vorsorgeprogramms (Einladungssystem und Evaluation) werden wir demnächst sehr konkrete Vorstellungen auf den Tisch legen und hoffen auf die Unterstützung all derer, denen an der Verbesserung der Situation in Österreich tatsächlich gelegen ist.

 Mammomat Qualität zählt: Vor knapp zwei Jahren wurde ein Qualitätszertifikat für Mammographie-Einheiten für Röntgenpraxen und Krankenhäuser aufgelegt.

Foto: Siemens Medical Solutions (Med)/Mammomat Novation (http://w4.siemens.de)

Herbert Hauser, Ärzte Woche 6/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben