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Radiologie 18. Jänner 2006

Österreichweites Brustkrebs-Screening?

In Österreich treten jährlich fast 4.900 Neuerkrankungen von Brustkrebs auf, 1.600 Frauen sterben daran. 15 Prozent aller Todesfälle zwischen dem 35. und 64. Lebensjahr entfallen auf Brustkrebs. Die Inzidenz ist seit Beginn der 90er Jahre gestiegen, allerdings bei sinkender Sterblichkeitsrate. Wahrscheinlich ist dies ein Mischeffekt aus vermehrter Früherkennung und besseren therapeutischen Möglichkeiten.

Das Tiroler Mammografie-Vorsorgemodell konnte in den letzen Jahren beachtliche Erfolge aufweisen. Die ÄRZTE WOCHE stellte Prof. Dr. Wolfgang Buchberger, Abteilung für Radiodiagnostik, Univ.-Klinik Innsbruck, die Frage, ob ein generelles Screening, auch österreichweit, machbar und sinnvoll wäre.

Was kennzeichnet den Tiroler Ansatz zur Mammografie-Vorsorge?
Buchberger: Wir führen kein organisiertes Screening durch, sondern eine qualitativ optimierte Vorsorgemammografie. Die Frauen werden nicht aktiv rekrutiert, sondern es wird ihnen die Möglichkeit zur Vorsorge angeboten. Dies ist im Prinzip in ganz Österreich möglich. Allerdings existiert hier eine ausgezeichnete Anbindung der niedergelassenen Radiologen an die Klinik. Dies ermöglicht ein effizientes Management. Durch Rückmeldungen an die zuweisenden Kollegen kommt es zu einer starken Lernkurve in diesem Bereich, sodass die Qualität der Befundung stetig steigt.

Worin liegen hier die Nachteile gegenüber einem organisiertem Screening?
Buchberger: Wir können die Patientinnen nicht direkt erfassen und daher leider nur wenig über die Effizienz unserer Maßnahmen in Erfahrung bringen. Zur Zeit wissen wir nicht, ob eine Frau aus alleinigem Gesundheitsbewusstsein unser Angebot in Anspruch nimmt, oder weil sie einen Knoten in der Brust bemerkt hat. Es lassen sich nur die indirekten Parameter beurteilen. Wir wissen etwa, dass die zu operierenden Tumore in Tirol, verglichen mit dem österreichischen Durchschnitt, wesentlich kleiner sind.

Es gibt doch international Untersuchungen zur Wirksamkeit solcher Maßnahmen...
Buchberger: In den 70er- und 80er- Jahren belegten große randomisierte Studien aus Großbritannien und Skandinavien eine Reduktion der Sterblichkeit bei Brustkrebs um 30 Prozent, wenn ein mammografisches Screening bei Frauen zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr in zweijährigen Abständen durchgeführt wird. Basierend auf diesen Erkenntnissen ist auch die Empfehlung der WHO, diese Vorgehensweise zu wählen.

Worin liegt die Problematik der Brustkrebsvorsorge?
Buchberger: Die Vorsorgemammografie wird in Österreich von 600.000 Frauen jährlich wahrgenommen. Das ist eine erfreulich hohe Zahl. Allerdings erreichen wir nicht unbedingt die Frauen, die es nötig hätten. Die eine Hälfte geht viel zu oft, die andere kaum zur Mammografie. Zudem erreichen wir vor allem die jüngeren Frauen. So sind, nach einer aktuellen oberösterreichischen Aufstellung, nur 43 Prozent aller untersuchten Frauen im Zielgruppenalter von 50 bis 69! Vor allem in ländlichen Bereichen und bei sozial niedrigeren Schichten ist die Rate geringer. Wir kommen mit einem opportunistischen Screening nicht an jene Frauen heran, die es am meisten bräuchten.

Könnte ein organisiertes Screening hier die Lösung sein?
Buchberger: Wir müssen ein spezifisch österreichisches Modell aufbauen, beginnend bei einzelnen Pilotprojekten. Wir haben in Österreich ein vorwiegend dezentrales medizinisches Versorgungssystem.Ein Screening kann nur auf niedergelassenen Radiologen aufgebaut sein. Allerdings werden für die Durchführung auch entsprechende Qualitäts-Standards benötigt. Neben der Doppelbefundung ist eine hohe Anzahl an Mammografien pro Jahr ein qualitatives Merkmal.

Da sind einige Interessenskonflikte zu erwarten...
Buchberger: Nicht jeder Radiologe wird ein Mammografiescreening machen können. Das ruft verständlicherweise Ängste und auch Widerstand bei manchen Kollegen hervor. Es wird auch eine Spezialisierung in Richtung Mammografie-Diagnostik geben müssen, so wie es eine solche Spezialisierung bei der Therapie bereits gibt.

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