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Radiologie 18. Jänner 2006

Der „Women’s Imager“ als Konsulent

Die geschlechtsspezifische Medizin hält auch Einzug in die Radiologie. Unter dem Schlagwort „Women’s Imaging“ entwickelt sich zunehmend eine Art Subspezialität in der diagnostischen Bildgebung.

Die Notwendigkeit eines gesonderten Gesundheits-Managements der Geschlechter steht für Prof. Dr. Thomas Helbich, Universitätsklinik für Radiodiagnostik der Medizinischen Universität Wien, außer Frage. „Geschlecht stellt nicht nur eine genetische, biologische und physiologische Merkmalskategorie, sondern eine Strukturkategorie dar, die Einfluss auf die Lebensumstände von Männern und Frauen hat“, präzisierte der Radiologe im Gespräch mit NETWORK RADIOLOGIE. „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse sind auch gesellschaftliche Phänomene und Produkte sozialer Strukturen und Verhältnisse.“ Frauen sind neben biologischen Unterschieden auch spezifisch anderen psychosozialen Belastungen ausgesetzt. „Dies bedingt unterschiedliche gesundheitliche Bedürfnisse und bedarf daher einer Kontext-angepassten Versorgung, das heißt eines geschlechtssensiblen Herangehens an Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation“, so Helbich. „Und da ist das radiologische Fachgebiet selbstverständlich nicht ausgenommen.“

Wird auf die geschlechtsspezifischen
Unterschiede generell zu wenig geachtet?

Helbich: Das Ausblenden des Geschlechts als Forschungskategorie in der medizinischen Forschung und Ausbildung würde zu enormen Erkenntnisdefiziten und in weiterer Folge zu einer inadäquaten Versorgung von Frauen führen. Eine Geschlechts-sensible PatientInnen-Versorgung ist daher auch eine Frage von Gerechtigkeit. Um Frauen und Männern eine adäquate Betreuung und damit bestmögliche Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, bedarf es entsprechenden Wissens, klinischer Fertigkeiten und Haltungen. Dieses Wissen umfasst das komplexe Zusammenspiel von Umwelt, Biologie und psychosozialen Faktoren.

Wie ist die Situation in Österreich zu bewerten?
Helbich: Die Frauengesundheitsforschung ist ein international noch vernachlässigter Bereich. Die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung ist daher als inhaltlich und wissenschaftspolitisch innovative und nachhaltige Entwicklung anzusehen. Die Schwerpunktsetzung „Women‘s Health and Gender-Based Medicine“ dient der Etablierung eines Modells zur Frauengesundheit, das biologische, klinische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse integriert.

Worin liegt das Wesen einer Genderspezifischen Radiologie?
Helbich: Die Gesundheitsvorsorge und Krankenversorgung der Frau stellt einen wesentlichen Bestandteil des österreichischen Gesundheitswesens dar. So ist die Tumor­inzidenz, etwa beim Bronchus- und Mammakarzinom, bei Frauen stark im Steigen. Auch bei systemischen Erkrankungen ist der Anteil der Frauen äußerst hoch.

Sollte deshalb den Frauen vermehrte diagnostische Sorgfalt entgegengebracht werden?
Helbich: Die verschiedenen, mit dem Schlagwort „Women’s Imaging“ versehenen bildgebenden Verfahren sind ein integraler Bestandteil in der Gesundheitsvorsorge und Krankenversorgung der Frau. Neben klinischen Untersuchungen sind es vor allem die radiologischen Verfahren, die bei der Diagnose von Erkrankungen einen wesentlichen Beitrag leisten. „Women’s Imaging“ widerspiegelt somit das Verlangen von Patientinnen und Ärzten nach der Integration von krankheitsspezifischen interdisziplinären Teams mit dem Ziel einer optimalen Gesundheitsvorsorge und Krankenversorgung.

Bildet sich da eine neue Subspezialität heraus?
Helbich: So kann man es eigentlich bezeichnen, denn es ist tatsächlich ein Umdenken bei der klassischen Patientenversorgung notwendig. Das Interesse liegt in einem verbesserten Service mit krankheitsspezifischen Versorgungsprogrammen.

Was konkret ist damit gemeint?
Helbich: Vor allem gehört eine harmonische interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Subgebiete dazu. Zudem müssen moderne diagnostische und therapeutische Technologien in die klinische Praxis und die Forschung integriert werden. Die ständige Kommunikation zwischen Patient, Arzt sowie der medizinischen Subspezialität ist dabei unumgänglich. Um dies in die Realität umzusetzen, ist die Entwicklung von Ärzteteams verschiedener Subspezialitäten, die eine spezifische Erkrankung behandeln, notwendig. Kompetenzzentren definieren dieses Verlangen; und der Radiologe ist ein wichtiges Mitglied eines solchen Zentrums.

Auf welche Weise werden diese Ansätze in die Praxis umgesetzt?
Helbich: Die Gesellschaft für die Entwicklung von Women’s Imaging, die „Society for the Advancement of Women’s Imaging“ (SAWE), wurde gegründet, um die Entwicklung bzw. Eingliederung von „Women’s Imaging“ in Kompetenzzentren zu unterstützen. Die Subdisziplin „Women’s Imaging“ bringt somit neue, innovative, aber auch begeisternde Ansätze in die Krankenversorgung von Frauen. In der strategischen Planung der Österreichischen Röntgen-Gesellschaft und der Bundesfachgruppe Radiologie - somit also aller österreichischen Radiologen - sollten diese Ansätze rasch aufgegriffen und umgesetzt werden.

Dies erfordert stärker als bisher ein interdisziplinäres Vorgehen?
Helbich: Die erfolgreiche Eingliederung neuer Technologien in die Patientenversorgung ist vom Wissen bzw. von den Möglichkeiten der jeweiligen Subdisziplin abhängig. Basis eines effektiv arbeitenden „Women’s Imaging“-Teams sind neben einer adäquaten Aus- und Fortbildung der Einsatz verschiedenster bildgebender Verfahren. Zu diesen Modalitäten gehören derzeit die konventionelle Radiologie, inklusive der Mammographie, die Sonographie, die CT, und die MRT. Zwingend ist auch der Einsatz von neuen, interventionellen Verfahren in der Diagnostik und Therapie.So ist die Rolle des „Women’s Imager“ die eines Konsulenten, der durch die adäquate Wahl des bildgebenden Verfahrens eine optimale Diagnostik bzw. Therapie ermöglicht. Das wiederum fordert, dass das zu beantwortende klinische Problem von den jeweiligen Subdisziplinen in einem interdisziplinären Vorgehen adäquat dargestellt wird. Das Problem der Patientin muss mit der nötigen Sensitivität erfasst werden.

Welche Voraussetzungen hat ein „Women’s Imager“ zu erfüllen?
Helbich: Ein spezielles Wissen der verschiedensten Erkrankungen von der Brustdrüse, gynäkologischen Organen, Schwangerschaft, Infantilität und systemische Erkrankungen, wie Osteoporose, Rheuma und Atherosklerose, ist für die Prävention und das Management dieser Patientinnen Voraussetzung. Neben der klinischen Versorgung ermöglicht das „Women’s Imaging“ auch eine produktive, praxisbezogene und problemorientierte klinische und prä- klinische Forschung. So umfasst die gender-medicine in der Radiologie neben einer spezialisierten Bildgebung typisch frauenspezifischer Probleme, wie das Imaging der Brust oder die Früherkennung und das Staging maligner Tumore von Gebärmutter und Ovarien auch eine Vielzahl anderer, nicht auf die Geschlechtsorgane bezogener diagnostischer Verfahren. Es sind die Synergien, die gerade im Bereich der Krankenversorgung der Frau eine wesentliche Rolle spielen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 4/2002

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