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Radiologie 30. März 2006

Vormarsch der "Interventionellen"

"Interventionelle Radiologie bedeutet, dass minimal invasive chirurgische Eingriffe unter Bildkontrolle durchgeführt werden", definiert Prof. Dr. Johannes Lammer, Abteilung für Interventionelle Radiologie, AKH Wien, das Aufgabengebiet dieser jungen Fachdisziplin. "Das geschieht zum Beispiel unter Durchleuchtungskontrolle am Angiographie-Arbeitsplatz, aber auch unter CT-, MR- oder Ultraschall-Kontrolle."

Pioniere der "Interventionellen"

Die "Interventionelle Radiologie" entwickelte sich aus der diagnostischen Katheterangiographie. Bei diesen Verfahren kam man dahinter, dass es möglich ist, Gefäße aufzudehnen oder inoperable Tumore durch Embolisation von ihrer Blutversorgung abzuschneiden. Der große Pionier der "Interventionellen Radiologie" ist der Amerikaner Charles Dotter, der 1964 herausfand, dass man mit Hilfe geeigneter Katheter atherosklerotisch verengte Gefäße aufdehnen kann. Auch der österreichische Pionier Prof. Friedrich Olbert, der im Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz gearbeitet hat, entwickelte einen Ballonkatheter, der über viele Jahre international zum Einsatz kam.

Rasante Entwicklung

Die Entwicklung der "Interventionellen Radiologie" verlief rasant von der Aufdehnung von Gefäßen oder einer Tumorbiopsie am Anfang bis zur heutigen Durchführung großer Eingriffe der OP-Klasse VIII, wie z.B. das Aufstenten einer Carotis-interna-Stenose bei Patienten mit Zustand nach transitorischer ischämischer Attacke oder zerebralem Insult oder wie die Behandlung eines thorakalen oder abdominellen Aortenaneurysmas mit einem Stentgraft, einer Prothese, die unter Durchleuchtung in das Gefäß hineingeschoben wird.

An der Abteilung für "Interventionelle Radiologie" im Wiener AKH werden so viele Interventionen durchgeführt wie an einer mittleren chirurgischen Abteilung. Jedes Jahr werden hier über 3.000 interventionelle Eingriffe vorgenommen und z.B. 60 bis 80 Aortenaneurysmen in Kooperationen mit den Abteilungen für Herz- und Gefäßchirurgie endovaskulär behandelt. Eine enge interdisziplinäre Kooperation, z.B. mit Abteilungen für Angiologie, Onkologie, Gastroenterologie und Chirurgie, erlaubt die Entwicklung immer neuer Methoden der minimal invasiven Therapie.

Ein Schwerpunkt der "Interventionellen Radiologie" liegt auch in der Behandlung von Tumoren und Metastasen. Bei der Embolisation führt man einen Katheter in das tumorversorgende Gefäß und verschließt es mit kleinen Partikeln oder Gewebekleber. Man kann aber auch perkutan den Tumor punktieren und zerstört ihn durch Alkohol oder man führt eine Radiofrequenzsonde an den Tumor heran und "verkocht" das Tumorgewebe.

Lammer: "Alle diese Eingriffe sind minimal invasiv und können in der Regel in Lokal- oder Regionalanästhesie durchgeführt werden. Die Belastung der Patienten durch diese radiologischen Interventionen ist gering, sodass die Patienten meist am nächsten oder übernächsten Tag das Spital wieder verlassen können."

Nachdem die "Interventionelle Radiologie" ein sehr komplexes Fach geworden ist und ein gut ausgebildeter Radiologe eine breite Palette von Eingriffen und Techniken, aber auch Indikationsstellung und Nachbehandlung beherrschen muss, kann laut Lammer die "Interventionelle Radiologie" heute vom diagnostischen Radiologen nicht mehr "nebenbei" betrieben werden. Sie entwickelt sich immer mehr zu einer Spezialität im Fach der Radiologie.

Antrag auf Subspezialisierung

Daher liegt es im Interesse der Österreichischen Gesellschaft für Radiologie und der Fachgruppe für Radiologie, dass die "Interventionelle Radiologie" von speziell ausgebildeten Radiologen durchgeführt wird. Bei der Österreichischen Ärztekammer wurde bereits der Antrag für eine Subspezialisierung mit einer zweijährigen Diplom-Ausbildungszeit eingereicht. Dazu gehört eine zusätzliche klinische Ausbildung an einer onkologischen, internistischen oder gefäßchirurgischen Station sowie der Nachweis einer konkreten Zahl von Eingriffen.

Der interventionelle Radiologe hat als Therapeut in zunehmendem Maß klinische Verantwortung, da es sich oft um sehr komplexe Interventionen handelt. Er sollte deshalb in die Indikationsstellung eingebunden werden und muss sich ausführlich über den Zustand des Patienten und dessen Risikofaktoren informieren. Auch in der Nachsorge sollten, so Lammer, Radiologen und stationsführende Ärzte zum Wohle des Patienten eng zusammenarbeiten. Die klinische Einbindung stellt für den Radiologen eine neue und große Herausforderung dar.

Schwerpunkte der Abteilung für "Interventionelle Radiologie" am Wiener AKH sind unter anderem die Behandlung von Aortenaneurysmen, Aortendissektionen und Carotis-Stenosen mit Stents sowie die Tumortherapie, vor allem des hepatozellulären Karzinoms, durch Embolisation und Radiofrequenz-Ablation. Weitere wichtige Aufgabengebiete sind die Embolisation des symptomatischen Uterusmyoms unter Vermeidung einer Hysterektomie sowie die Behandlung von Wirbelkörperkompressionsfrakturen durch die so genannte Vertebroplastie. Bei der Vertebroplastie wird der betroffene Wirbelkörper zuerst unter CT-Sicht punktiert und danach zur Stabilisierung Zement in den Wirbelkörper gespritzt.

Lammer: "Diese Schwerpunkte zeigen die Richtung, in die sich die Interventionelle Radiologie entwickelt, nämlich hauptsächlich in Richtung der Behandlung von Gefäß- und Tumorerkrankungen. Atherosklerotische Gefäßveränderungen werden in Zukunft durch die Veränderungen der Alterpyramide stark an Bedeutung zunehmen, und Gefäßstenosen können mittels Dehnung und Stentimplantation sicher und zuverlässig behandelt werden. Bei Tumorerkrankungen kommen die Methoden der Interventionellen Radiologie dann zum Einsatz, wenn die klassischen Methoden wie Chirurgie und Chemotherapie nicht erfolgversprechend sind."

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