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Radiologie 29. März 2006

Mit Röntgenstrahlen Verbrechen bekämpfen

Der Einsatz bildgebender Verfahren für nicht-medizinische Zwecke stand im Mittelpunkt einer Ausstellung, die beim Europäischen Radiologenkongress 2004 gezeigt wurde. Dass Röntgentechnologien für Sicherheitskontrollen an Flughäfen, bei Grenzkontrollen oder zur Absicherung wichtiger Gebäude verwendet werden, ist aber nicht unumstritten.

Die Zerstörung des World Trade Center hat ein Gefühl der Bedrohung erzeugt. Von vielen Seiten wird ein verstärkter Schutz von Wahrzeichen, großen Veranstaltungen oder Kaufhäusern verlangt. Außerdem wird Sicherheit bei Reisen und die Kontrolle von illegaler Einwanderung gefordert. Drogen, Waffen, Menschen„Als eine Antwort sind neue Sicherheitskonzepte entstanden, die immer häufiger auch die Röntgentechnik mit einbeziehen“, sagte Ulrich Hennig, Direktor des Deutschen Röntgenmuseums. Gemeinsam mit dem Hamburger Radiologen Prof. Dr. Hermann Vogel hat Hennig Bilder für die Ausstellung „Grenzen: Drogen, Waffen, Menschen – Fahndung mit Röntgenstrahlen“ zusammengetragen, die beim Radiologen-Kongress zu sehen war. Die 13.000 Teilnehmer aus aller Welt konnten bei dieser Schau spektakuläre Röntgenbilder von Sicherheitskontrollen und Untersuchungen ganzer Container besichtigen. Darunter die Aufnahme eines an der Grenze zwischen den USA und Mexiko kontrollierten Trucks, der scheinbar Bananen, gut darunter versteckt aber illegale Einwanderer transportierte. Entdeckt wurde die menschliche Fracht von einer Prüfanlage, in der mit hochpotenten Röntgengeräten LKW systematisch untersucht werden (siehe Abb.).
„Die Bilder sind enorm präzise“, sagte Hennig. „In dem LKW beispielsweise sieht man nicht nur, dass hier Menschen versteckt sind, sondern bei den einzelnen Personen kann man sogar ihre Organe, etwa die Lunge, ausmachen.“ Damit ist die Fahndung mithilfe von Röntgenstrahlung vielfältig einsetzbar. Die Verhinderung von Attentaten gegen Flugzeuge, Massakern in Schulen oder Anschlägen auf Wahrzeichen, Kaufhäuser und Sportveranstaltungen kann dabei ebenso das Ziel sein wie die Auf-deckung von Drogen-, Zigaretten-, Waffen- oder Menschenschmuggel. Denn die Röntgenstrahlen machen vieles transparent: Bei Personen wird Verborgenes unter der Kleidung und in Körperhöhlen sichtbar. In Autos, Containern und Eisenbahnwaggons lassen sich Drogen, Waffen und Menschen erkennen.

Sicherheit versus Unbehagen

Derartige Anwendungen bildgebender Verfahren schaffen zwar bei vielen Menschen ein Sicherheitsgefühl, bei anderen allerdings auch Unbehagen. Dies unter anderem, weil Risiken aufgrund der Strahlenexposition befürchtet werden. „Bei den etwa auch in Deutschland üblichen Methoden der Kontrolle von Schiffs- oder LKW-Containern spielt das nicht wirklich eine Rolle“, weiß Hennig. „Die Container werden durchleuchtet, ohne dass dabei auch Personen involviert wären.“ Problematischer kann hier schon die Installation von Röntgen-Überwachungssystemen an viel frequentierten Orten wie Flughäfen, Bahnhöfen oder Sportstadien sein, ohne dass die derart Durchleuchteten überhaupt etwas davon wissen. „Das bedeutet, dass dann zum Beispiel auch Schwangere röntgenisiert werden, ohne etwas von dieser Strahlenbelastung zu wissen“, mahnte der Direktor des Röntgenmuseums und Ausstellungsmacher zur Vorsicht. „Auch für Vielflieger etwa kann es dann schon zu einer kumulierten Belastung kommen.“
Doch nicht nur gesundheitliche, auch ethische Fragen werfen Röntgenmethoden in der Verbrechensprävention auf. Denn schließlich entstehen, wenn ein Mensch auf diese Weise untersucht wird, gewissermaßen Aktfotos. Hennig: „Ungelöst ist da auch noch, wie man die missbräuchliche Verwendung derartiger Aufnahmen ausschließen kann.“ Während in Europa die Röntgentechnologie in der Verbrechensfahndung zur Untersuchung von Transporten auf der Straße, Schiene oder dem Wasser bereits weit verbreitet ist und auch Einzelpersonen mit deren Wissen relativ häufig auf versteckte Drogen untersucht werden, sind versteckte Röntgengeräte zur Durchleuchtung großer Menschengruppen nur in Ausnahmefällen in Verwendung. Dies auch, weil sie beim Versuch der Einführung, etwa in Frankreich, immer wieder auf massive Proteste gestoßen sind.
„Im Grunde ist die Verwendung solcher Systeme ohne das Wissen Betroffener nicht statthaft“, sagte Hennig. „Da brauchen wir unbedingt klare Regelungen.“ Eine Expertenforderung, der sich mittlerweile auch die EU angeschlossen hat. Eine spezielle Arbeitsgruppe soll Vorschläge für eine Richtlinie zum Thema entwickeln. Bisher konnte dabei jedenfalls Konsens erzielt werden, dass einem Einsatz von ionisierenden Strahlen an Menschen zu Sicherheitszwecken eine Risikoevaluierung vorangehen muss.

Abwägung des Risikos

Ein Agieren im rechtsfreien Raum wäre schon deshalb problematisch, weil – juristisch gesehen – der Einsatz von Röntgenstrahlen bei Menschen eigentlich eine Körperverletzung darstellt. Bei der medizinischen Anwendung werden Patienten in der Regel trotzdem einer Untersuchung zustimmen, weil dem möglichen Strahlungsrisiko das Risiko gegen-über steht, dass eine – möglicherweise schwere – Erkrankung unentdeckt bleibt. In der Medizin wird also der Nutzen für den Einzelnen gegen dessen individuelles Risiko abgewogen. „In Sicherheitsbelangen ist das anders. Da steht das Risiko des Einzelnen dem möglichen Nutzen für die Gesellschaft gegenüber“, sagte Hennig. „Die Bilder sind ambivalent“, beschrieb der Ausstellungsmacher seine Objekte. „Man kann diese Spitzentechnologie bewundern oder kritisieren.“ Letztlich musste sich jeder Besucher selbst ein Urteil darüber bilden, wie er zu deren Einsatz steht.

Quelle: Press Office ECR 2004,
Bettschart & Kofler Medien- und
Kommunikationsberatung

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