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Radiologie 29. März 2006

Im Norden geröngt, im Süden befundet

Ein Patient mit Kopfverletzungen wird nachts in eine Klinik in Göteborg eingeliefert. Eine CT-Aufnahme wird sofort veranlasst, und die digitalen Bilder werden umgehend befundet: Aber nicht vor Ort im hohen Norden, sondern von einem Radiologen, der tausende Kilometer entfernt im Südwesten Deutschlands, in Heidelberg, an seinem Bildschirm sitzt.

Dies wird möglich durch ein europaweites Teleradiologie-Projekt namens EURad – European Wide Teleradiology Services Network. Im Rahmen dieses internationalen Projekts hat der Heidelberger Praxisnetzbetreiber Curagita AG mit Unterstützung der Europäischen Union (EU) eine E-Mail-Software zur Versendung von digitalen Bildern entwickelt.

Wartezeiten in England könnten verkürzt werden

Unter den Augen von EU-Vertretern ging das ehrgeizige, europaweit einzigartige Projekt vor kurzem in einer Heidelberger Radiologiepraxis online. Radiologen aus Wien, München und Heidelberg tauschten radiologische Bildserien in Befundqualität aus. Hintergrund: Innerhalb der EU existiert in der Versorgung mit radiologischer Diagnostik wie Röntgen, Computertomographie und Kernspintomographie ein erhebliches Nord-Süd-Gefälle. Curagita-Vorstand Dr. Johannes Schmidt-Tophoff: „Während deutsche Radiologen um Patienten konkurrieren, bestehen in Regionen Großbritanniens Wartezeiten von einem Jahr für eine MRT-Untersuchung.“ Dieses Gefälle könne in der modernen Radiologie, die mit digitalen Bildern arbeite, über das Internet ausgeglichen werden. Diese Aufgabe stellte sich das Heidelberger Systemdienstleistungsunternehmen mit dem europaweiten Teleradiologie-Projekt, das von der Europäischen Kommission als Förderprojekt ausgewählt und mit 250.000 Euro unterstützt wurde.
Was bietet EURad? Radiologiepraxen oder Klinikabteilungen können die vor Ort angefertigten Bilder, die dort nicht oder nicht rechtzeitig befundet werden können, über EURad an Radiologen in anderen Ländern senden, welche gerade Kapazitäten von kompetenten Diagnostikern frei haben. Eine Notfall-Teleradiologie steht für die beteiligten Kliniken und Praxen rund um die Uhr zur Verfügung.

Neue Informationsqualität auch für Patienten

Befundungen von ausgewiesenen Experten können schnell und kostengünstig eingeholt werden, ebenso wie Zweitmeinungen der beteiligten Zentren. Schließlich erhalten zuweisende Ärzte digitale radiologische Bilddaten und es kann via Internet darüber kommuniziert werden. Letztlich eröffne dies auch Patienten eine neue Informationsqualität mit Zugang zum weltweiten Expertenwissen vor Ort.
Die Entwicklung der Software für das Teleradiologie-Projekt hat Diplom-Informatiker Stefan Baur von Curagita aus Heidelberg geleitet. Die radiologischen Bilder werden im standardisierten DICOM-Format geliefert, das heißt, sie können mit radiologischer Standardsoftware bearbeitet werden. Baur: „Diese digitalen Informationen werden von unserem System in eine E-Mail verpackt, die Daten werden gesichert und stark verschlüsselt.“ Alle Mails werden über den Server geleitet, der in Heidelberg bei Curagita steht. Von dort aus werden die eingegangenen Bilder und Fragen an die jeweiligen Experten weitergeleitet. Auftraggebende Krankenhäuser bezahlen Curagita für jeden gelieferten Befund rund 40 bis 60 Euro plus eine Bereitstellungsgebühr für die Infrastruktur.

In diesem Jahr will Curagita ein eigenes Zentrum in Heidelberg mit Tag- und Nacht-Teleradiologen aufbauen – Kostenpunkt eine Million Euro. Außerdem werden die im Curagita-Radiologienetz beteiligten und seit 2001 teleradiologisch tätigen niedergelassenen Radiologen – inzwischen sind es 120 im süddeutschen Raum – zur Befundung herangezogen. Jetzt akquiriert das Dienstleistungsunternehmen Interessenten besonders aus dem nordeuropäischen Raum und stellt die notwendigen Verträge, die Organisation und die E-Mail-Software Curaconnect zur Verfügung. 40 Radiologiepraxen und -abteilungen in vier Ländern – Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien – sollen in diesem Jahr vernetzt werden. Die in Heidelberg anwesenden EU-Experten haben Curagita weitere Unterstützung ihres Projekts in Zukunft zugesagt. Und Curagita kann sich über ein EU-Logo als anerkanntes Qualitätssiegel freuen.

ÄZ / Ingeborg Bördlein, Ärzte Woche 41/2001

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