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Radiologie 29. März 2006

„Sag mir, was Du sehen willst, ...“

Immer aufwändigere Tomographieverfahren und immer sensitivere Kontrastmittel ermöglichen Radiologen eine genauere und frühere Diagnose von Herzerkrankungen.

Anlässlich des Europäischen Radiologiekongresses 2004 (ECR) sprach NETWORK RADIOLOGIE mit dem Ordinarius an der Universitätsklinik für Radiologie in Graz, Prof. Dr. Rainer Rienmüller, über Chancen und Grenzen der Bildgebung im Bereich der Kardiologie.

Die Atherosklerose zählt zu den häufigsten Todesursachen der westlichen Welt. Bietet die Früherkennung von atherosklerotischen Prozessen in den Koronargefäßen mittels bildgebender Verfahren eine Möglichkeit zu verbesserter Therapie?
Rienmüller: Der enorme technologische Fortschritt bei den modernen bildgebenden Verfahren erlaubt eine nicht invasive Darstellung atherosklerotischer Plaques in den Koronargefäßen. Diese Plaques haben verschiedene Folgen: Zum einem können sie die Koronargefäße einengen, was eine regionale oder globale Minderdurchblutung des Herzmuskels zur Folge haben kann. Zum anderen können sich Teile von Softplaques lösen, die dann zu einem Gefäßverschluss mit Herzinfarkt führen. Bei den Softplaques muss man also unterscheiden zwischen stabilen und instabilen Plaques.
Hierzu wird seit neuestem ein spezifisches Kontrastmittel USPIO (Ultra Small Superparamagnetic Particel of Iron Oxid) eingesetzt, das von Makrophagen aufgenommen wird, sich nur in den instabilen Softplaques anlagert und mittels Kernspintomographie sichtbar gemacht werden kann. Die bisherigen vorläufigen Ergebnisse mit USPIO deuten darauf hin, dass uns damit eine neue Möglichkeit zur Verfügung steht, um zwischen stabilen und instabilen Weichteilplaques unterscheiden zu können.
Die gleichzeitige Messung der Herzmuskeldurchblutung ermöglicht eine Beurteilung der hämodynamischen Wirksamkeit eventueller Koronargefäßstenosen. Die quantitative Bestimmung des Ausmaßes an koronaren Kalkplaques gibt Informationen über den koronaren Gefäßwiderstand und damit über das Ausmaß der erforderlichen Arbeit, die der Herzmuskel leisten muss, um eine entsprechende Durchblutung aufrecht zu erhalten. Die neuen bildgebenden Verfahren werden es uns in Zukunft also ermöglichen, Infarktrisiken und ischämische Ereignisse früher zu erkennen und deren Auswirkungen zumindest abmindern zu können.

Welche bildgebenden Verfahren können dazu eingesetzt werden und welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?
Rienmüller: An erster Stelle sind hier die neuesten computer- und kernspintomographischen Technologien mit extrem schneller Bildgebung, großem Bildvolumen und hohem Kontrast- und räumlichem Auflösungsvermögen zu nennen. An zweiter Stelle bietet die Positronen-Emissions-Tomographie die Möglichkeit, Koronarplaques darzustellen, den Stoffwechsel und die Myokarddurchblutung zu messen. Diese ist jedoch an das Vorhandensein von Zyklotronanlagen zur Erzeugung notwendiger kurzlebiger Radiopharmaka gebunden.

Welche Möglichkeiten bietet die Bildgebung im Bereich der Gewebedurchblutung hinsichtlich ischämischer Erkrankungen?
Rienmüller: Abgesehen davon, dass man feststellen muss, ob und welche Form von Koronarplaques vorhanden sind, muss man unbedingt auch mit CT, MR oder PET die Herzmuskeldurchblutung in absoluten Zahlen, d.h. in mm/100g/min individuell bestimmen. Nur wenn wir die individuelle Herzmuskeldurchblutung und den individuellen Zustand der Koronargefäße eines Patienten kennen, können wir etwas über sein Risiko, eine Ischämie zu erleiden, sagen. Es reicht nicht aus, sich nur die Koronargefäße anzuschauen, man muss auch die Herzmuskeldurchblutung kennen und um ihre Steuerungsmechanismen wissen.

Welche Entwicklung werden die bildgebenden Verfahren im Bereich der Abbildung des Myokards und der Koronargefäße ihrer Ansicht nach zukünftig nehmen?
Rienmüller: Die Geräte werden schneller, ihre zeitliche, räumliche und Kontrastauflösung wird weiter zunehmen. Es wird zu Kontrastmittel-Entwicklungen kommen, die zur Lösung immer spezifischerer Fragestellungen eingesetzt werden. Die Zukunft geht jedenfalls in Richtung einer „One-Stop-Shot“-Untersuchung. Einen „One-Stop-Shop“ wird es allerdings nicht geben, denn bedingt durch die physikalischen Eigenschaften der verschiedenen Technologien, muss man auch zukünftig davon ausgehen, dass es nicht möglich sein wird, alle kardialen Fragestellungen mit einer einzigen Technik zu beantworten: „Sag mir, was du sehen willst, und ich sage dir, womit du es anschauen musst.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 41/2001

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