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Radiologie 29. März 2006

Innovationen in der Radiologie: Blick ins Innere der Zelle

Ob „Total Imaging Matrix“ oder das Magnetresonanzsystem „Magnotom Avanto“ – auf dem Europäischen Radiologen-Kongress 2004, der Anfang März im Wiener Austria Center stattfand, wurden innovative bildgebende Verfahren vorgestellt.

Österreichs RadiologInnen waren mit einer Vielzahl von wissenschaftlichen Beiträgen auf dem Kongress vertreten. „Österreich war auch bei früheren Kongressen immer unter den Top Fünf, was die Zahl der wissenschaftlichen Abstracts betrifft“, zeigt sich Prof. Dr. Christian Herold, der österreichische Vertreter im Board des ECR und Leiter der Klinischen Abteilung für Radiodiagnostik der Konservativen Fächer an der Medizinischen Universität Wien, stolz.

Highlights der heimischen Leistungsschau

Auch beim ECR 2004 war Österreich stark vertreten: 32 ForscherInnen hielten Vorträge, rund 60 österreichische WissenschafterInnen präsentierten Forschungsarbeiten. So zeigte die Forschergruppe um Prof. Dr. Ferdinand Frauscher von der Klinischen Abteilung für Radiologie II an der Innsbrucker Medizinuniversität die Grundlagen für ein neuartiges, Ultraschall-unterstütztes Verfahren zur Inkontinenzbehandlung. Grazer Wissenschafter präsentierten beim ECR eine aktuelle Untersuchung zum Einsatz der Elektronenstrahltomographie in der Koronardiagnose, die sich herkömm-lichen CT-Verfahren als überlegen gezeigt hat. Eine Studiengruppe aus dem Wiener AKH präsentierte spezielle Auswertungen einer österreichischen Brustkrebsvorsorge-Studie. Bei Frauen mit einem besonders hohen Brustkrebsrisiko konnte die Gruppe um Prof. Dr. Thomas Helbich aufzeigen, dass eine Untersuchung der Brust mittels MRT der herkömmlichen Mammographie und dem Ultraschall überlegen ist und Brustkrebs mit dem neuen Verfahren früher erkannt werden kann. „Die Beiträge kamen aus allen wichtigen Spezialdisziplinen der Radiologie“, sagt Herold. „Das zeigt auch, dass wir in Österreich in diesem Bereich eine hochkarätige Forschung haben.“

Molecular Imaging

„Eines der zentralen Themen in den 1.347 Vorträgen und 950 elektronischen Postern des Kongresses war die Entwicklung des „Molecular Imaging und die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten der Früherkennung von Krankheiten“, sagte Prof. Dr. Helen Carty, die Präsidentin des ECR. So können mit Total Imaging Matrix (TIM) Ganzkörperaufnahmen in exzellenter Bildqualität in nur zwölf Minuten gemacht werden. Als weltweit erstes Magnetresonanzsystem mit dieser neuartigen Technologie hat Siemens das „Magnotom Avanto“ entwickelt, das seit November 2003 an der Universitätsklinik von Tübingen im Einsatz ist. „Das neue System ermöglicht es uns, ohne Wechseln von Körperspulen und ohne Positionswechsel des Patienten während der Untersuchung zu arbeiten. Damit können bei bester Bildqualität mehr Patienten behandelt werden“, sagte Prof. Claus D. Claussen, Direktor der Abt. für Diagnostische Radiologie der Universitätsklinik Tübingen/Deutschland.

Vorteile für Patienten

Vorteile hat das neue System auch für den Patienten: Bei den meisten Untersuchungen kann der Kopf im Freien bleiben, die Lautstärke des Magnotom Avanto konnte auf 90 Dezibel gesenkt werden, dies macht die Untersuchung für den Patienten angenehmer. Erleichtert wird mittels dieser neuen Technologie vor allem auch die Krebsdiagnostik. „Wir können mit dem neuen Gerät Ganzkörperaufnahmen machen, was die Analyse von Tumoren und systemischen, also über mehrere Körperregionen verteilten Metastasen erleichtert“, erklärte Claussen. Zur Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen wurde ein weiteres innovatives bildgebendes Verfahren auf dem ECR vorgestellt. „Mittels Molecular Imaging können wir heute den eigentlichen Mechanismus von Krankheiten darstellen“, sagte Prof. Peter Reimer, Leiter des Zentralinstituts für Bildgebende Diagnostik im Städtischen Klinikum Karlsruhe. „Mit diesem Verfahren können wir die Aktivitäten im Inneren der Zelle sichtbar machen, ebenso wie die Zelloberfläche und das Äußere von Zellen. Damit sind wir am Ursprung der Krankheit angelangt.“

Screening-Programme: Nutzen oder Gefahr?

Mit diesen neuen bildgebenden Verfahren können Krankheiten bereits in einem Stadium sichtbar gemacht werden, in dem der Patient noch gar keine Beschwerden hat. Dies wirft allerdings auch Probleme auf, die ebenfalls auf dem ECR diskutiert wurden. Screening-Programme: Nutzen oder Gefahr? „Das bringt uns natürlich auf die Frage, ob und inwieweit Massenuntersuchungen von Risikopatienten, etwa im Bereich Mamma-, Kolon- oder Bronchialkarzinom oder auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, systematisch durchgeführt werden sollen“, umriss ECR-Board-Mitglied Herold die Diskussion. Eine einheitliche Antwort wurde auch diesmal nicht gefunden.„Massen-Screenings sind immer ein hochemotionales Thema“, betonte Prof. Adrian Dixon, Radiologe am Addenbrookes Hospital im britischen Cambridge. „Angesichts der Häufigkeit von Krebs als Todesursache, der Möglichkeiten der Früh-erkennung und der immer wieder veröffentlichten Berichte über gerettete Leben durch derartige Vorsorgeprogramme wundert es nicht, dass die öffentliche Meinung Sympathien für Massen-Screenings hegt.“ Dixon gab aber zu bedenken, dass jedenfalls für jedes Vorsorgeprogramm eine Nutzen-Risiko-Analyse durchgeführt werden müsse, schon angesichts begrenzter Ressourcen im Gesundheitswesen.

Noch mehr gelte dies, so Dixon, für Ganzkörper-Screenings, die mit den neuen bildgebenden Verfahren eingesetzt werden können. „Zur Zeit existieren noch keine nachhaltigen Beweise für die Vorteile derartiger Vorsorgeuntersuchungen“, warnte Prof. Giles Stevenson vom Cowichen District Hospital in Duncan, Kanada. „Ganzkörper-Scans führen auch dazu, dass Eingriffe bei Erkrankungen durchgeführt werden, bei denen das gar nicht notwendig gewesen wäre.“
Stevenson spricht den neuen Technologien ihr Potenzial nicht ab, plädiert allerdings für einen vorsichtigen Umgang damit. „Wir müssen sicherstellen, dass jeder, der eine solche Vorsorgeuntersuchung durchführen lassen will, auch über die möglichen Auswirkungen informiert wird.“ Ganzkörper-Screening-Programme sollten erst dann durchgeführt werden, wenn „wir den Beweis haben, dass die Vorteile dieser Untersuchungen überwiegen.“ In diesem Zusammenhang, aber auch ganz generell wurde am ECR das Thema Strahlenschutz und eine möglichst niedrige Dosierung diskutiert. Zu den höchsten Belastungen kommt es dabei in der interventionellen Radiologie. „Interventionelle bildgebende Verfahren werden immer häufiger eingesetzt“, sagte etwa Prof. Eliso Vano, Radiologie am San Carlos Universitätsspital in Madrid.

Digitale Bildgebung reduziert Wiederholung von Aufnahmen

„Wenn wir diese Verfahren evaluieren, müssen wir nicht nur ihren therapeutischen Nutzen, sondern auch die Strahlendosierung in Betracht ziehen.“ Einen wichtigen Beitrag zur Minimierung der Strahlenbelastung sieht Vanos Kollege, Prof. Jan Persliden, Ordinarius für Medizinische Physik an der Universitätsklinik Örobro in Schweden, in digitalen bildgebenden Verfahren.„Einer der entscheidenden Vorteile der digitalen Bildgebung ist vor allem die Vermeidung von häufigen Wiederholungen der Aufnahmen. Dies reduziert die Strahlenbelastung für Patienten und Personal enorm“, sagte Persliden. Medizin und Technik werden hier weiterhin intensiv zusammenarbeiten, um neue Technologien auch immer sicherer für PatientInnen und MedizinerInnen zu machen.

Prolongiert bis 2009

Jedenfalls werden neue Entwicklungen auf diesem Gebiet auch im kommenden Jahr auf dem ECR präsentiert werden, ist dieser Kongress doch „eine Leistungsschau der bahnbrechendsten wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Radiologie“, so ECR-Präsidentin Carty. Und sie werden in Wien präsentiert werden: Noch bis 2009 wird der Kongress jährlich im Austria Center stattfinden.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 41/2001

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