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Radiologie 29. März 2006

Gütesiegel für Mammographien

Der Trend, eine etablierte, qualitativ hochwertige medizinische Betreuung prüfen und zertifizieren zu lassen, hält nun auch Einzug in die Radiologie. NETWORK RADIOLOGIE sprach mit dem Leiter des Projekts „Qualitätszertifikat Mammadiagnostik“, Prof. Dr. Thomas Helbich, Abteilung für Radiodiagnostik der Medizinuniversität Wien.

Für die Etablierung eines Qualitätszertifikats für die Mammadiagnostik sprach unter anderen die Erfahrung mit einem Projekt in Wien. „Vor einigen Jahren wurde mit dem Wiener Brustkrebs-Früherkennungsprogramm begonnen, ein systematisches Screening zu forcieren“, erklärt Helbich. „Diese Aktion hatte eine hohe bewusstseinsbildende Wirkung.“ Für einen guten diagnostischen Outcome spiele allerdings auch die Qualität der Mammographie eine entscheidende Rolle. Es gibt hohe internationale Qualitätsstandards, die bislang in Österreich noch nicht umgesetzt wurden. Helbich: „Durch die Etablierung eines ‚Gütesiegels’ für eine qualitativ hochwertige Untersuchung kommen wir diesem Ziel näher.“

Kann man – als Patient oder Zuweiser – nicht davon ausgehen, dass vorhandene Einrichtungen nach „State of the Art“ vorgehen?
Helbich: Natürlich wird bereits jetzt nach den derzeit vorgegebenen Richtlinien gearbeitet. Allerdings können sich dort, wo nicht entsprechend geprüft wird, mitunter Fehler einschleichen. In Österreich haben wir ein System der freiwilligen Fortbildung, und es obliegt dem Gutdünken des einzelnen Kollegen, diese Angebote zu nützen. Auch das Qualitätszertifikat kann auf freiwilliger Basis erworben werden. Es wird von der Österreichischen Radiologischen Gesellschaft (ÖRG, Präsident Prof. Dr. Herwig Imhof) und der Bundesfachgruppe Radiologie der Österreichischen Ärztekammer (BURA, Leitung Doz. Dr. Franz Frühwald) ausgestellt.

Welche Kriterien müssen für die Erlangung des Zertifikats erfüllt werden?
Helbich: Auf der einen Seite geht es um die technisch-physikalische Qualitätssicherung. Es werden Standards gefordert, die teilweise durch gesetzlich vorgeschriebene Richtlinien nach Ö-Normen bereits vorhanden sein müssen. Zur Anhebung auf internationales Niveau wird zusätzlich der Zustand der Dunkelkammer, der Befundungsmonitore oder des Laser-Imagers in die Bewertung mit einbezogen. Wir erheben die Wiederholungshäufigkeit von Mammographien ebenso wie die personelle Situation: Eine verpflichtende Weiterbildung der RTAs muss nachgewiesen werden. Ein weiteres Kriterium ist die Anzahl der pro Jahr durchgeführten Mammographien. Auch die Implementierung der BIRADS-Klassifikation im Befund wird bewertet. Zudem wird eine zweite Begutachtung der Mammogra­phien, im Sinne einer Vier-Augen-Radiologie, empfohlen. Das Qualitätszertifikat wird sowohl für die konventionelle als auch die digitale Technik ausgestellt.

Birgt dies nicht die Gefahr einer Benachteiligung junger Kollegen mit geringerer Patientenzahl?
Helbich: Das Qualitätszertifikat wird nicht an Ärzte, sondern nach Standort vergeben. Dies können niedergelassene Zentren oder eine Spitalseinheit, jeweils vertreten durch eine Person, sein. Seit Jänner dieses Jahres haben 40 radiologische Einrichtungen um ein Zertifikat eingereicht. Die meisten Anträge konnten bereits positiv bearbeitet werden. Es liegt in unserem Interesse, die Zahl der ausgewiesenen Stellen zu steigern. Mit der Schaffung des „Qualitätszertifikats Mammadiagnostik“ können wir nicht nur Qualität nach außen dokumentieren und damit vertrauensbildend auf unsere Patientinnen einwirken, sondern setzen auch standespolitisch ein Zeichen, auf die qualitätsvolle Arbeit der Radiologen hinzuweisen.

Ist das Zertifikat mit einer finanziellen Abgeltung verbunden?
Helbich: Leider ist dieses freiwillige Bekenntnis zur Qualitätssteigerung nicht mit einem Bonus verknüpft, der über die Krankenkassen abgegolten wird. Es ist zweifelsohne ein größerer Aufwand für die einreichenden Kollegen, allerdings wissen sie um die Wichtigkeit derartiger Signale. Wir leben in einem Zeitalter, in dem man sich nach außen hin präsentieren muss.

Wie können Patienten und zuweisende Kollegen eine „ausgezeichnete“ Einrichtung finden?
Helbich: Es ist wichtig, dem Zertifikat einen entsprechenden Stellenwert zu geben. Mediale Arbeit, wie sie auch von der ÄRZTE WOCHE gemacht wird, wird den Bekanntheitsgrad erhöhen.

Das generelle Mamma-Screening ist in den vergangenen Jahren, nach der Veröffentlichung der dänischen Cochrane-Studie, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ...
Helbich: Die publizierten Daten, die vor allem für die nordeuropäischen Saaten galten, wurden mittlerweile zum Teil revidiert. Die Studie berief sich auf 20 bis 30 Jahre alte Informationen. Die damals verwendeten Geräte sind mit den heutigen Standards kaum vergleichbar. Bei der Mammographie hat sich sowohl bezüglich der Qualität der Befundung als auch der Strahlensicherheit viel getan.

Das heißt: Ein klares Bekenntnis zur Mammographie als Vorsorge-Maßnahme ...
Helbich: Für die frühzeitige Erkennung von Karzinomen gibt es nichts Besseres, als die Patientinnen zu screenen. Die Palpation allein bringt wenig. Gleiches gilt für die alleinige sonografische Untersuchung, da die Parenchymdichte nicht bestimmt werden kann. Die Mammographie hat zweifelsfrei gewisse Schwächen, sie ist jedoch das beste Tool, das wir zurzeit haben. Generell wäre ich froh, wenn in Österreich wesentlich mehr Frauen das Angebot einer solchen Vorsorgeuntersuchung nützen würden. Alle dahingehenden Aktionen sind deshalb höchst begrüßenswert.

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Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 39/2004

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