zur Navigation zum Inhalt
 
Radiologie 30. Juni 2005

EPOS, E3 und Molecular Imaging

Europas Radiologen schätzen Wien als Kongressstadt - und das seit mehreren Jahren. Das Konzept der Veranstalter kommt gut an. Der European Congress of Radiology 2003 Anfang März hatte die bisher höchste Teilnehmerzahl, die "Experimente" EPOS und E3 fanden regen Zuspruch.

"Bei der Zahl der österreichischen Kongressteilnehmer war eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen", resümiert Prof. Dr. Christan Herold, Leiter der Klinischen Abteilung Radiodiagnostik für konservative Fächer der Wiener Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, im Gespräch mit NETWORK RADIOLOGIE. Österreich lag damit, was die Teilnehmerzahlen betrifft, in der Länderwertung an zweiter Stelle. Ein Erfolgsfaktor ist das besonders hohe wissenschaftliche und didaktische Niveau.

Welche aktuellen Entwicklungen - speziell im Bereich der Thoraxradiologie -, die auf dem ECR thematisiert wurden, erscheinen Ihnen besonders erwähnenswert?

Herold: Bei der CT ist mit dem 16-Zeiler ein weiterer Entwicklungsschnitt erreicht worden. In naher Zukunft werden wir uns mit 32-Zeilern, Festkörperdetektoren und "Volume Acquisition" beschäftigen und die Indikationen und Untersuchungstechniken neu überdenken müssen.
Beeindruckend sind sicherlich die Fortschritte bei der kardialen Bildgebung. Diese kann heute ein "Gesamtpaket" liefern und sowohl die Funktion von Ventrikel oder Klappen als auch die Morphologie (etwa der Koronararterien) beschreiben.
In der Koronardiagnostik, also der CT-Angiographie der Koronargefäße, ist nicht nur der Kalziumscore, sondern auch die Gefäßmorphologie, die Bedeutung der Soft Plaques und die Pathogenese-Forschung wichtig. Da die CT von Tag zu Tag schneller wird, ist der Zeitaufwand heute nicht mehr als der wichtigste limitierende Faktor anzusehen. Vielmehr sind hier auch Ortsauflösung, Bewegungsartefakte (dieses Problem ist großteils gelöst) sowie das Verstehen und die Interpretation der Koronarmorphologie zu nennen. Ein Schwerpunkt der nächsten Jahre wird sicher sein, diese Entwicklungen in die klinische Praxis zu überführen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die modernen radiologischen Verfahren heute manchmal ein wenig unkritisch eingesetzt werden?

Herold: Natürlich ist es verlockend, durch moderne schnelle Verfahren wie CT und MR maximale Informationen in kürzester Zeit zu erzielen. So werden immer häufiger kombinierte Untersuchungen - Thorax und Abdomen - im Rahmen von "Durchuntersuchungen" oder zur Abklärung von unspezifischen Beschwerden durchgeführt. Einerseits ist es legitim, dass man in kurzer Zeit die maximale Menge an Informationen gewinnen will. Andererseits erscheinen solche "Durchuntersuchungen" nicht zuletzt im Hinblick auf die Begrenztheit der Ressourcen problematisch. Weiters sind die Radiologen auch aufgefordert, bei der Planung einer Untersuchung die Strahlenexposition zu berücksichtigen.

Was tut sich im Bereich des "Molecular Imaging"?

Herold: "Molecular Imaging" explodiert derzeit geradezu und wird uns in den nächsten Jahren eine neue Dimension der Bildgebung eröffnen. An sich geht es darum,
molekulare Ursachen von Erkrankungen sichtbar zu machen.
Möglich wurde Molecular Imaging durch die großen Fortschritte
sowohl in der Radiologe als auch in der Molekularbiologie und Biochemie. Mittels MR, PET, Ultraschall, optischem Imaging, Massenspektrometrie oder Near-Infrared-Imaging können enzymatische Prozesse, Stoffwechselvorgänge und molekulare Reaktionen dargestellt werden. Auch für die Angiogenese-Forschung und die Tumorvaskularität ist Molecular Imaging von großer Bedeutung.

Wie funktioniert "Optical Imaging"?

Herold: Beim "Optical Imaging" werden biochemische Prozesse und Reaktionen mit Hilfe einer optischen Fluoreszenz-Kamera und biokompatibler, enzym- und zellspezifischer Kontrastmittel aufgenommen. Man misst Fluoreszenzaktivität (Photonen pro Zeiteinheit) und schließt so direkt und quantitativ auf die Intensität der Reaktion. Auf diese Weise kann beispielsweise etwa die Tumoraktivität bestimmt werden.

In der letzten Zeit wurde viel über das Lungenkrebs-Screening diskutiert; so auch auf dem ECR ?3. Könnten Sie kurz die aktuellen Schlussfolgerungen zusammenfassen?

Herold: Ein Lungenkrebs-Screening sollte derzeit an sich nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien erfolgen. Wenn aber etwa ein starker Raucher eine solche Low-Dose-CT-Untersuchung durchführen lassen möchte, wird man sie ihm nicht verwehren. Weiters brauchen wir intelligente Screening-Programme, um Risikopopulationen besser zu definieren. Die Kombination von Biomarkern und Radiologie erscheint mir dabei eine Erfolg versprechende Strategie zu sein.

Was macht den Erfolg des ECR aus, und wie sehen Sie im Rückblick den diesjährigen Kongress?

Herold: Einer der Gründe für den Erfolg der Veranstaltung ist wohl darin zu suchen, dass Wien eine ideale Heimat für den ECR darstellt. Dass der Kongress von Freitag bis Dienstag dauert, ist ebenfalls sehr günstig, da dieses Format die Reisekosten verbilligt und vielen Kolleginnen und Kollegen einen Kongressbesuch am Wochenende ermöglicht.
Darüber hinaus bietet der ECR jedes Jahr Innovationen. Dies ist bei anderen medizinischen Tagungen keine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile gibt es auch rund 3.000 ECR-Mitglieder, die von allen Vorteilen einer Mitgliedschaft profitieren, unter anderem eine deutlich reduzierte Kongressgebühr bezahlen. Überdies erhalten sie die Zeitschrift "European Radiology" kostenlos geliefert.

Was waren heuer die wichtigsten Innovationen?

Herold: Hier möchte ich zunächst EPOS nennen, das "Electronic Poster Online System". Aufgrund dieser Weltneuheit - die Software dafür wurde in Österreich entwickelt - wurden auf dem heurigen ECR keine klassischen wissenschaftlichen Poster mehr präsentiert. Vielmehr gab es nur mehr digitale Poster, die über Bildschirme abrufbar waren. Zu den Vorteilen dieses Systems zählt, dass die Informationen der Poster nicht verloren gehen. So kann man beispielsweise Poster auf elektronischem Weg an die eigene E-mail-Adresse senden oder direkt mit dem Autor korrespondieren. Früher wurde ein Poster nach dem Ende einer Tagung häufig bedeutungslos. Jetzt ist der gesamte Inhalt auch nach dem Kongress noch auf der ECR-Homepage abrufbar und kann als "Educational Tool" dienen. Auch die nordamerikanische Radiologen-Gesellschaft möchte diesen Weg gehen. Eine weitere wichtige Innovation ist E3, dies bedeutet "European Excellence in Education". E3 bemüht sich unter anderem darum, innovative didaktische Prozesse im Rahmen des ECR umzusetzen - etwa interaktive Workshops - und entsprechende Fortbildungsunterlagen anzubieten. Generell verfolgt der ECR mehrere Ziele: Er möchte Fachärzte weiterbilden, die Wissenschaft verbessern und den in Ausbildung befindlichen Ärzten maßgeschneiderte Kurse und Lernmaterialien anbieten.
Derzeit ist die Facharztausbildung in Europa äußerst uneinheitlich. Dies betrifft sowohl die Ausbildungs-Richtlinien als auch die Lernmaterialien. In einem gemeinsamen Europa wäre aber eine einheitliche Ausbildung wünschenswert. Zunächst muss man natürlich definieren, was die angehenden Radiologen lernen sollen. Die Lehrzielkataloge sollen dabei nicht wie die Inhaltsangabe eines Buches aussehen, sondern konkrete Anforderungen enthalten, wie zum Beispiel: Erkennen eines solitären Rundherdes in der Lunge, Nennen der wichtigsten Differenzialdiagnosen, Beschreiben des radiologischen Managements. Der nächste Schritt wären dann maßgeschneiderte Lehrbücher für alle Subspezialitäten der Radiologie.
Die dritte Säule ist der ECR mit seinen Vorträgen und Workshops. Hier sieht das Konzept vor, dass auszubildende Ärzte durch den ECR nach vier Jahren die wichtigsten Lerninhalte vermittelt bekommen haben. Die vierte Säule würde die EURORAD-Fallsammlung darstellen. Eventuell kommt auch EPOS als neue Datenbank in Frage. Eine solche Web-basierte Ausbildung könnte dafür sorgen, dass jeder angehende Radiologe in Europa dieselbe Situation vorfindet und die Ausbildung verbessert und auf ein hohes Niveau gehoben wird.

Wie sehen die Aktivitäten zur Verbesserung der radiologischen Wissenschaft aus?

Herold: E3 hat eine 60-seitige Broschüre zusammengestellt, in der beschrieben wird, wie man gute Wissenschaft produziert. Die Inhalte reichen von ethischen Fragen über Studienplanung, Grantakquisition bis zu hin zu Tipps für das Schreiben eines wissenschaftlichen Papers und für die Präsentation von Daten unter Verwendung von PowerPoint. Letztlich soll diese Publikation auch das Niveau der Präsentationen auf dem ECR weiter erhöhen.

Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 23/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben