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Radiologie 30. März 2006

Forschergeist seit 100 Jahren

In der Welt der Radiologen steht der Name Guerbet für Kontrastmittel - das war schon immer so. Den Anfang des heute angebotenen Produktportfolios machte im Jahr 1901 das jodhältige Lipiodol®, das von Marcel Guerbet entwickelt wurde. Sein Sohn Andre gründete dann 1926 das Unternehmen in Frankreich, das mittlerweile auf allen Kontinenten vertreten ist. Begonnen wurde mit dem Aufbau des internationalen Vertriebs vor acht Jahren, zuletzt auch in den USA.

Zu den Produkt-Highlights von Guerbet zählen die Röntgen-Kontrastmittel Telebrix aus dem Jahr 1970 und Hexabrix, das 1979 eingeführt wurde und damals das erste niederosmolare Kontrastmittel war. Ein großer Erfolg war dann die Einführung von Dotarem für MRI und wenig später von Xenetix. Heute liegt der Schwerpunkt stärker auf der Entwicklung von Kontrastmitteln für die Magnetresonanztomographie.
Guerbet hat seinem Spezialgebiet stets die Treue gehalten und quasi die Geschichte der Radiologie seit deren Anfängen am Beginn des 20. Jahrhunderts miterlebt und mitbestimmt. Von 1964 bis 2001 leitete Michel Guerbet als Präsident das Unternehmen. Er ist heute Vorsitzender des Supervisory Boards. Seit 2001 wird Guerbet von Philippe Decazes als CEO geführt. Er besuchte anlässlich des European Congress of Radiology im März dieses Jahres die Niederlassung in Wien. In einem Interview mit NETZWERK RADIOLOGIE gab Decazes Einblicke in das Unternehmen.

Guerbet ist ein innovatives und forschendes Unternehmen. Können Sie uns etwas über die Schwerpunkte der Forschung und Entwicklung im Konzern sagen?

DECAZES: Forschung und Entwicklung waren immer der bedeutendste Sektor von Guerbet, alle Strategien und Konzepte haben sich daran orientiert. Begonnen wurde mit Röntgen-Kontrastmitteln, von denen heute mehrere Generationen am Markt sind.
Zur Zeit wird intensiv an MR-Kontrastmitteln gearbeitet. Guerbet ist derzeit eine von zwei Firmen, die zwei neue Produkte in Phase-3-Studien hat: Sinerem® wird zur Differenzierung von metastatischen und nicht metastatischen Lymphknoten eingesetzt, der "blood pool agent" Vistarem® zur Bestimmung der myokardialen Perfusion.
Diese Studien sind die größten, die Guerbet je gemacht hat. Zentren in mehreren Ländern sind daran beteiligt, auch österreichische. Für Sinerem wurden etwa 100 Patienten und für Vistarem werden sogar mehr als 1.000 Patienten in Europa und den USA in die Studie aufgenommen. Österreich ist für Guerbet ein bedeutendes Land im Bereich der klinischen Studien, aber auch ein wichtiger und gut entwickelter Markt in Europa. Im Mittelpunkt der Forschungsaktivitäten unseres Unternehmens steht das "functional imaging". Guerbet konzentriert sich auf drei Gebiete, das sind Kardiologie, Onkologie und entzündliche Erkrankungen. Auf diesen Gebieten sind die radiologischen Möglichkeiten noch nicht zufriedenstellend gelöst.

Wie viel investiert Guerbet derzeit in R&D?

DECAZES: Wir investieren etwa 10 Prozent das Umsatzes, das sind pro Jahr rund 20 bis 25 Millionen Euro. Im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten etwa 150 Mitarbeiter, die auch Kooperationen mit Einrichtungen in anderen Ländern eingehen. Die Zentrale befindet sich in der Nähe von Paris. Die Produktion der Kontrastmittel erfolgt in drei Produktionsstätten in Frankreich und einer in Brasilien.

Wo werden Ihrer Meinung nach zukünftige Schwerpunkte beim Kontrastmitteleinsatz liegen?

DECAZES: In der Onkologie geht es vor allem um Fortschritte in der Früherkennung von Tumoren. In der Zukunft werden Kontrastmittel Krebszellen erkennen und markieren. Dadurch kann gezielter therapiert, aber auch die Zahl der operativen Eingriffe reduziert werden. In manchen Fällen werden die besseren Möglichkeiten auch Leben retten.
Die zweite große Herausforderung betrifft kardiovaskuläre Erkrankungen und atheromatöse Veränderungen der Gefäße. Ein Drittel der Herzinfarkte verlaufen ohne Symptome, die MRI kann durch Darstellung der kardialen Durchblutung Risikopatienten identifizieren helfen. Bei den atheromatösen Plaques ist das Erkennen von Hochrisiko-Patienten das Ziel der bildgebenden Diagnostik.
Auch bei entzündlichen und degenerativen Erkrankungen können MR-Kontrastmittel, die von Makrophagen aufgenommen werden, entzündete Areale identifizieren. Das trifft zum Beispiel auf Multiple Sklerose, aber auch Alzheimer und degenerative Gelenkserkrankungen zu.

Wir haben gehört, dass Lipiodol von Guerbet auch als Therapeutikum verfügbar ist. Wo und in welcher Indikation wird dieses Produkt eingesetzt?

DECAZES: Lipiodol wird heute nicht mehr nur in der Bildgebung verwendet. Es kommt auch als einziges Mittel mit Langzeitwirkung zur Vorbeugung gegen Jodmangel bzw. als Therapeutikum gegen Struma zum Einsatz. Auch die Weltgesundheitsorganisation wird von Guerbet damit beliefert.

Können Sie uns etwas über die Unternehmensphilosophie von Guerbet erzählen? Gibt es ein "Mission Statement"?

DECAZES: Guerbet hat immer in der bildgebenden Diagnostik gearbeitet und in die Forschung investiert - das wird auch weiterhin so sein. Unser erstes Bekenntnis dabei ist das Bemühen um die Weiterentwicklung diagnostischer Hilfsmittel für weit verbreitete Erkrankungen. Der Stellenwert der Diagnostik in der Medizin wird in Zukunft noch bedeutender werden.
Als zweiten Auftrag sieht Guerbet die Unterstützung von Radiologen und Kardiologen mit einem breiten Angebot an innovativen und effektiven Kontrastmitteln. Bestmögliche Voraussetzungen zur Erfüllung der ärztlichen Aufgaben, aber auch optimale Bedingungen für die Patienten stehen dabei im Mittelpunkt der Firmenaktivitäten.
Drittens wollen wir auch bei der Lösung der Kernprobleme von Gesundheitssystemen unterstützend wirken.
Guerbet arbeitet aktiv an der Verbesserung der Diagnose wesentlicher Krankheiten im kardiovaskulären Bereich, bei Krebs und bei neurodegenerativen Prozessen. Wir stellen Radiologen und Kardiologen eine komplette Palette von Kontrastmitteln zur Verfügung, um ihre Arbeit im Sinne der Patienten zu unterstützen. Durch diesen Beitrag zur verbesserten Prognose spielt Guerbet eine wichtige globale Rolle bei der Lösung zukünftiger Gesundheitsfragen.
Unser Ziel ist es, Guerbet zu einem "key player" in der bildgebenden Diagnostik zu machen und zwar durch:

  • eine wichtige Stellung bei MRI-Innovationen,

  • eine führende Position für Guerbet in Europa,

  • eine klare weltweite Präsenz und die Entwicklung zur optimalen Firma in den Augen unserer Kunden und Stakeholder.

Die meisten europäischen Gesundheitssysteme klagen über Kostenprobleme. Wie geht Guerbet als Industriepartner im System damit um?

DECAZES: Wünschenswert ist, immer mehr Menschen die Möglichkeiten der modernen Diagnostik zugänglich zu machen, was entsprechende Geldmittel erfordert. Ständig verbesserte und innovative Diagnostik ist allerdings von großem zusätzlichen Wert und hilft Kosten im therapeutischen Bereich zu sparen. Jedenfalls bergen verbesserte diagnostische Möglichkeiten die Chance, neue kostensparende Strategien für Gesundheitssysteme zu entwickeln. Wenn wir den Fortschritt gut steuern, wird die globale Kostenentwicklung der Medizin Schritt halten mit der Wirtschaftsentwicklung und so auch weiterhin jedermann ein besseres und längeres gesundes Leben ermöglichen.

Sie blicken also optimistisch in die Zukunft?

DECAZES: Ja. Vor zehn Jahren schienen manche Probleme unlösbar, die heute gelöst sind. Das wird auch in zehn Jahren wieder so sein. Es ist wie ein Rennen, aber Guerbet hat gute Voraussetzungen, um mithalten zu können.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 23/2002

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