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Radiologie 29. März 2006

Die Präarthrose im Blickpunkt

Degenerative Gelenks- und Weichteil-erkrankungen nehmen stark zu, wie Dr. Iris Nöbauer-Huhmann und Prof. Dr. Herwig Imhof, Klin. Abteilung für Osteologie, Wiener Univ.-Klinik für Radiodiagnostik, im Gespräch mit NETWORK RADIOLOGIE betonen.

Nicht selten leiden heute bereits 40-Jährige oder noch jüngere Patienten an einer Arthrose. „Während der Begriff der Arthrose auch der breiten Öffentlichkeit bekannt ist, trifft dies auf die Präarthrose nicht zu“, so Imhof. Daher müsse die Präarthrose mehr in den Vordergrund gestellt werden, und es müsse beim einzelnen Patienten alles getan werden, um der Entwicklung einer Arthrose entgegenzuwirken.

Was sind die Ursachen für die Zunahme an degenerativen Gelenks- und Weichteil- erkrankungen?
Nöbauer-Huhmann: Der Anstieg ist einerseits durch das Altern der Bevölkerung bedingt. 30 bis 50 Prozent der 50- bis 60-Jährigen haben arthrotische Veränderungen. Allerdings ist nur ein relativ geringer Prozentsatz von ihnen symptomatisch. Weiters sind berufsbedingte chronische Überlastungen zu nennen, etwa bei Sekretärinnen, die viel tippen müssen, oder bei Bauarbeitern. Und wenn Menschen nur am Wochenende Sport betreiben und dabei ihren Körper, der nicht wirklich darauf eingestellt ist, überlasten, bedeutet dies ebenfalls ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Arthrose.

Welche prädisponierenden Faktoren gibt es noch?
Nöbauer-Huhmann: Prädisponierend wirken auch Übergewicht, angeborene oder erworbene Fehlstellungen beziehungsweise Fehlhaltungen, die Imbalance von Muskeln und Sehnen, genetische Faktoren und Metabolismusstörungen.

Welche Rolle spielt die Inkongruenz von Gelenkflächen bei der Entwicklung einer Arthrose?
Imhof: Eine Inkongruenz der Gelenkflächen kann durch repetitive Mikrotraumen zu einer Arthrose führen. Beispielsweise wird der Acetabulumerker immer wieder traumatisiert, wenn der Hüftgelenkskopf nicht rund ist (Nockenwellenphänomen). Dementsprechend finden sich an dieser Stelle häufig Arthrosen, während das Labrum – das für die Stabilität und Funktion des Hüftgelenks sehr wichtig ist - frühzeitig Risse bekommt. Diese Risse kann man nur in der MRT sehen. Wenn der Hüftgelenkskopf völlig rund ist, stellt dies auch keine ideale Situation dar, da das (durch leichte Inkongruenzen bedingte) Durchwalken des Knorpels wichtig für seine Ernährung ist. Ein Übersichtsartikel unserer Abteilung zur „Koxarthrose“ kann übrigens in der Zeitschrift „Der Radiologe“ (Juni 2002) nachgelesen werden.

Was versteht man genau unter einer Präarthrose?
Nöbauer-Huhmann: Man versteht darunter frühe Veränderungen der am Gelenk beteiligten Skelettabschnitte und/oder der Weichteile, die mit hoher Wahrscheinlichkeit 5 bis 10 Jahre später zu einer Arthrose führen. Das frühzeitige Erkennen präarthrotischer Zustände ist daher enorm wichtig. Ein Beispiel für präarthrotische Veränderungen sind ganz geringe Rotationsabweichungen der Wirbelsäule; Ausdruck dafür ist der unterschiedliche Abstand der Wirbelkörper-Seitenkanten zum Processus spinosus. An sich sollte man hier bereits eingreifen und in interdisziplinärer Zusammenarbeit die entsprechenden Muskelgruppen kräftigen.

Imhof: Leider erfolgt aber im Allgemeinen zu diesem Zeitpunkt noch keine Therapie – außer der Verschreibung von Schmerzmitteln. Erst wenn ausgeprägte degenerative Änderungen, etwa Randzacken, sichtbar sind und die gesamte Wirbelsäule schief ist, wird der Patient oder die Patientin, jetzt notwendigerweise ständig in fachärztlicher Behandlung, zur Kur geschickt. Problematisch ist auch, dass sich Menschen an Schmerzen adaptieren und die betroffenen Gelenke schonen. Aber auch für Gelenke gilt: Use or loose.

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Wie wird eine Präarthrose diagnostiziert?
Nöbauer-Huhmann: Wichtig ist die Beurteilung aller am Gelenk beteiligten Strukturen – Knochen, Knorpel, Bänder, Muskeln, Synovia, Synovialis. In der Ära der konventionellen Radiologie wurden vor allem die Zeichen der bereits eingetretenen Arthrose beschrieben. Heute, im Zeitalter der Schnittbildverfahren wie MRT und CT, können Asymmetrien und Achsenfehlstellungen besser erfasst werden.
Auch Muskelatrophien, Bandlaxitäten oder beginnende Knorpelschäden können mittels MRT dargestellt werden. Die Möglichkeit, ein Knochenmarködem darzustellen, hilft nicht nur, Schmerzen (etwa bei einer Spondylolyse) zu erklären, sondern auch bereits im Stadium des Ödems einzugreifen. Die Spondylolyse, die fast immer eine erworbene Erkrankung und damit vermeidbar ist, stellt die häufigste Ursache für lumbale Schmerzen bei sportlichen Kindern und Jugendlichen dar. Untersuchungsmethode der Wahl ist die MRT.

Imhof: Allerdings kann man natürlich nicht alle Kinder mit Rückenschmerzen mittels MRT untersuchen. Hier muss noch ein entsprechender Algorithmus für das diagnostische Vorgehen entwickelt werden.

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Welche Rolle spielt der Ultraschall bei der Diagnose der (Prä-)Arthrose?
Imhof: Mit Hilfe der Sonographie können Muskeln, Sehnen und Ergüsse gut dargestellt werden; über Knochen und Knorpel kann man freilich nichts sagen.

Wie kann verhindert werden, dass aus einer Präarthrose eine Arthrose wird?
Nöbauer-Huhmann: Das Um und Auf ist die enge Zusammenarbeit des Radiologen mit dem zuweisenden Praktiker, Orthopäden oder Unfallchirurgen sowie dem Facharzt für physikalische Medizin. So kann interdisziplinär die Ursache einer Überlastung biomechanisch abgeklärt und Fehlstellungen, beispielsweise eine lateralisierte Patella, falsches Muskeltraining mit konsekutiver Muskelasymmetrie oder ungünstige Bewegung können vermieden werden. Weiters kann ein gezieltes Training mit angepasster Stärkung der Muskulatur eingeleitet werden (z. B. Schwimmen).
Auf diese Weise ist es möglich, eine manifeste Arthrose hinauszuzögern oder sogar zu vermeiden. Dem Patienten wird dadurch viel Leid erspart, und es kann eine enorme Reduktion der Kosten (etwa für Diagnostik und Therapie) erreicht werden. Seit langem ist durch Studien der Arbeitsgruppe von Prof. Tilscher bekannt, dass die Kosten der Therapie von Erkrankungen des Bewegungsapparates bei weitem die Kosten anderer Erkrankungen übersteigen.

Seit etlichen Jahren erfreut sich Laufen großer Beliebtheit. Ist dadurch mit einer Zunahme von Kniegelenksarthrosen zu rechnen?
Imhof: Nach einem Marathonlauf ist die Gelenksflüssigkeit im Knie vermehrt. Dadurch wird der Gelenksknorpel nicht optimal versorgt. Im Normalfall wird der Erguss wieder resorbiert. Falls aber weiter belastet wird, ist der Knorpel weniger widerstandsfähig, und es könnte sich ein richtiggehender Circulus vitiosus in Richtung einer Arthrose entwickeln. Prinzipiell dürfte der Mensch aber für das Laufen recht gut geeignet sein.

Könnten Sie einige Gelenksprobleme nennen, die bei bestimmten Sportarten typischerweise auftreten?
Imhof: Am bekanntesten ist wohl der Golfer- und der Tennisarm. Darüber hinaus können Über-Kopf-Sportarten zu Schulterproblemen führen, während bei Ringern vor allem die Wirbelsäule und bei Turnern verschiedene Gelenke betroffen sind. Schifahrer leiden bekanntlich nicht selten unter Kniebeschwerden, und Reiter können im Bereich der Hüftgelenke Probleme bekommen. Auch Brustschwimmen tut den Gelenken nicht gut. Generell sind wir heute aber eher mit dem Problem konfrontiert, dass sich die Menschen zu wenig bewegen. Die Kinder werden immer dicker und bewegen sich kaum mehr, sodass wir in zwei bis drei Jahrzehnten mit einer richtigen Arthrose-Epidemie zu rechnen haben. Wichtig ist, zwei- bis dreimal pro Woche etwas für den Körper zu tun. Einmal pro Woche sich im Fitnesscenter abzurackern, bringt nichts; dies ist vielmehr kontraproduktiv. Weiters sind Trainingsphasen, die kürzer als 20 Minuten dauern, sinnlos.

Wie lautet Ihre „Take-home-Message“ für unsere Leser?
Nöbauer-Huhmann: Wir müssen über die deskriptive, auf rein mechanischen Überlegungen beruhende radiologische Betrachtung der bereits eingetretenen Arthrose hinaus gelangen. Sehr wichtig ist eine funktionelle Betrachtungsweise, die präarthrotische Bilder frühzeitig erkennt und so zur Prävention beitragen kann. Ein darauf aufbauendes gezieltes Training mit angepasster Stärkung der Muskulatur kann die Entwicklung von der Präarthrose zur Arthrose hinauszögern oder vermeiden.

Imhof: Der Weg dahin ist zwar noch weit, wir sind aber voller Hoffnung.

Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 38/2001

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