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Radiologie 30. Juni 2005

Spracherkennung für Befunde

Das Diagnosezentrum Urania in der Wiener Innenstadt gehört zu den größten privaten radiologischen Anstalten des Landes. "An die 1.200 Patienten", erzählt OA Dr. Wolfgang Drahanowsky, einer der sechs Radiologen, "werden wöchentlich untersucht." Die Ordination hat sich im Laufe der Jahre auf mehrere Stockwerke und eine Vielzahl von Wohnungen ausgedehnt und man kann sich vorstellen, dass es einer Unzahl von gestressten Sekretärinnen bedurfte, um die Berichte den Patienten so rasch zur Verfügung zu stellen, wie es heute erwartet wird. "Bedurfte" - denn "seit letztem Jahr gibt es bei uns keine abgetippten Berichte mehr", erzählt Drahanowsky.

Die Skepsis ist gewichen

Das Diagnosezentrum ist eine jener 50 radiologischen Praxen in Österreich, die auf ein neues Spracherkennungssystem umgestiegen sind, das die Abtipperei in Sekundenschnelle übernehmen soll. Es handelt sich dabei um das Programm Speech Magic 4 von Philips. "Am Anfang waren wir skeptisch", so der Radiologe, was nicht wundert, wenn man weiß, wie lange schon nach einem praktikablen Spracherkennungssystem gesucht wird. Nach einem Testlauf war man aber überzeugt.

Die Präsentation des Systems im Rahmen des ECR 2002 in Anwesenheit von Firmenvertretern hielt, was der Arzt versprach. Das Programm ist in einem Standard-PC installiert. Zunächst liest Drahanowsky die Patientendaten über einen Strichcode ein, dann kann es losgehen. Über ein Diktaphon-ähnliches Gerät wird der Text in normaler Sprechgeschwindigkeit und Aussprachedeutlichkeit eingegeben. Am Bildschirm kann man mitverfolgen, wie der Computer die Worte in Schrift umsetzt - ruckweise, aber absolut der Geschwindigkeit des Arztes gewachsen. Dann ein kurzer Blick nach "Tippfehlern" - und der Bericht wird ausgedruckt. 

"Wir haben einen kleinen Sport daraus gemacht", erzählt der Radiologe, "mit dem Bericht schneller zu sein als der Patient zum Anziehen braucht." Das trifft jedenfalls auf Ultraschalluntersuchungen und Mammographien zu. Bei CTs und MRs dauert es naturgemäß etwas länger. Hier ist es auch möglich, den Text nicht gleich auszudrucken, sondern erst zur Kontrolle an die Sekretärin zu schicken. Das Programm ist gut in dieandere Ordinationssoftware integriert, es versteht so genannte Keywörter und reagiert entsprechend, also z.B. "Formatierung" oder "Absatz". Generell tut sich die Spracherkennung auch bei Fachvokabeln leicht, weil es die meisten schon mitbringt. 

Pro Arzt ein Sprechmodul

Im Diagnosezentrum gibt es für jeden Arzt ein eigenes Sprechmodul, das er einige Wochen trainieren musste. Zusätzliche Vokabeln mussten gelernt werden, das Programm gewöhnte sich an die Aussprache des betreffenden Arztes; und das so gut, dass auch eine Verkühlung die Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt. Um den jetzigen, beinahe perfekten Stand zu erreichen, brauchte es zwei Monate. "Jetzt gibt es kaum noch Fehler", freut sich Drahanowsky. 
In der Zwischenzeit, verspricht die Herstellerfirma, geht die Gewöhnungsphase noch schneller. Das System sei für alle Anwendungen im medizinischen Bereich geeignet. Wichtig ist allerdings ein "eingeschränkter Wortschatz": poetische Texte oder auch persönliche Briefe würden es noch überfordern.

Aber was geschieht mit denSekretärinnen? "Wir haben keine einzige Sekretärin entlassen", so Drahanowsky, "sondern setzen sie jetzt anders, vor allem in der Patientenbetreuung ein." Der Hauptgrund für die Umstellung war auch nicht die Kostenersparnis, sondern das Kundenservice: "Es gehörte immer schon zu unserem Image, schnell die Befunde zu liefern. Als wir immer größer wurden, wurde das zum Problem. Wir mussten uns immer wieder von Sekretärinnen trennen, weil sie dem Druck auf Dauer nicht stand hielten."

Was kostet das System? Für die Urania mit den sechs Sprechmodulen und inklusive Einschulung und Training "knapp eine Million Schilling", so Drahanowsky. Als Einzelanschaffung ist mit etwa 250.000 Schilling zu rechnen. "Die Patienten jedenfalls sind begeistert", so der Radiologe. Das soll es auch ermöglichen, in Zukunft die Öffnungszeiten drastisch auszuweiten. Geplant ist Ordinationsbetrieb auch nachts und am Sonntag, und auch dann mit sofort fertigen Befunden.

Mag. Kurt Sattlegger, Ärzte Woche 42/2001

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