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Radiologie 30. Juni 2005

Einblicke ins Herz: Einst und jetzt

Der European Congress of Radiology (ECR) hat sich im Laufe der Zeit zum größten Kongress Wiens und zweitgrößten Radiologen-Treffen weltweit entwickelt. Beim diesjährigen ECR hielt Prof. Dr. Charles B. Higgins von der California University in San Francisco den Eröffnungsvortrag über Geschichte und Zukunft der kardiologischen Bildgebung. Higgins ist ein Pionier der Radiologie, die Liste seiner Auszeichnungen kann Seiten füllen.

Higgins berichtete zunächst von der ersten historisch-anatomischen Zeichnung eines Herzens. Sie kam, man möchte fast sagen natürlich, vom genialen Leonardo da Vinci. Obwohl seine Skizze eine unglaubliche Exaktheit zeigt, ging er doch von einem falschen Kreislauf aus. Da Vinci glaubte, die Leber treibe als Gegenpart zum Herzen den venösen Antrieb an. Dieser und viele andere Irrtümer konnten schließlich im Jahre 1628 von William Harvey in seinem Werk "De Motu Cordis" (Von den Bewegungen des Herzens) berichtigt werden.

Doch auf eine weitere exakte Abbildung des Herzens musste bis zu den letzten Tagen des 18. Jahrhunderts gewartet werden. Denn ein Jahr nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen wurden bereits grobe Konturen des Herzens dargestellt. Wiederum ein Jahr später, 1897, konnten schon mit Hilfe der Fluoroskopie Herzkrankheiten festgestellt werden.

Ein Harnkatheter fand den Weg zum Herzen

Man kann das Unmögliche nicht möglich machen, wenn man das Undenkbare nicht tut. Nach diesem Motto ging Werner Forßman 1929 vor. Er verstieß gegen die Instruktionen seiner Vorgesetzten, setzte sich mit Hilfe seines Assistenten einen primitiven Herzkatheter, stieg die Treppen zur Radiologie hinauf und ließ sich zum Beweis durchleuchten. Die Belohnung dieser irrwitzigen Tat folgte kriegsbedingt erst 1956: der Nobelpreis. In diesem Jahr teilte Forßman die Auszeichnung mit André Cournand und Dickinson Richards, die das Verfahren der Katheterisierung verfeinerten.

Ein weiterer Meilenstein

1936 folgte ein weiterer Meilenstein in der bildlichen Erforschung des Herzens. Robb und Steinberg konnten, mit reichlich Kontrastmittel, die vier Kammern, Aorta und die großen Lungengefäße darstellen. Den nächsten großen Durchbruch erreichte weder ein Radiologe noch ein Kardiologe. Es war vielmehr ein besonders ideenreicher Chirurg: John Gibbon konnte nach jahrelangem Tüfteln die erste Herz-Lungenmaschine an einem Menschen anwenden. Er legte die Basis für erfolgreiche Entwicklungen in der Angiographie, die nun in einer erstaunlichen Geschwindigkeit anschlossen. Trotzdem blieben Mediziner in den darauffolgenden 25 Jahren von invasiven Methoden abhängig. Erst Mitte der 70er-Jahre kam der Umschwung, besonders die Echokardiographie erlangte stufenweise immer mehr klinische Bedeutung.

Laut Higgins begann die Entwicklung der heutigen Zukunft im Jahre 1983 mit der ersten Herz-MRT. In den letzten Jahren hat sich die Magnetresonanztomographie auf dem Gebiet der Herzdiagnostik drastisch weiterentwickeln können und ist, mittlerweile als etabliertes Verfahren, aus der Kardiologie nicht mehr wegzudenken. Und Higgins muss es wissen, schließlich war er bei der Entwicklung der Kardio-MRT an vorderster Front dabei.

Erste kardiale MRT

Er schilderte beim ECR die Vorgänge der ersten kardialen MRT in der University of California. Ein Mediziner stellte sich damals für einen Selbstversuch zur Verfügung. Die anwesenden Forscher, darunter Higgins, sorgten sich, dass sich die aufgebaute elektrische Spannung womöglich auf die kardiale Erregungsausbreitung auswirken könnte. Higgins betonte, dass die Forschung mit diesem aufregenden Schritt einen besonderen Schub erhielt. Die physikalischen Grundlagen der Bildentstehung sind dabei im Wesentlichen jedoch die gleichen geblieben.

Die Aufnahmetechnik dagegen erfährt eine ständige Weiterentwicklung und eröffnet immer neue Anwendungsmöglichkeiten. Die Begeisterung über die letzte Innovation seiner Fakultät auf diesem Gebiet konnte Higgins bei aller Bescheidenheit kaum verbergen. Das räumliche X/MRT-System, welches mit Hilfe der Philips Medical Systems hergestellt wurde, konnte im November 2001 vorgestellt werden. Dieser kombinierte MR/Röntgenangiographie-Untersuchungsraum ermöglicht eine bessere Beurteilung der Darstellungsergebnisse, da vaskuläre Röntgenbilder mit MR-Aufnahmen überlagert werden können. Der Patient kann innerhalb einer Minute, ohne sich bewegen zu müssen, sanft auf Schienen zwischen den zwei Systemen transferiert werden, die nur durch eine kupferbeschichtete Schiebetür getrennt sind.

"Der aufregendste Aspekt ist", so Higgins, "dass während des gleichen Verfahrens sowohl Röntgenangiographie, die die Struktur der Blutgefäße hervorragend darstellt, wie auch MRT, welche Weichteile und den Behandlungsfortschritt anzeigt, angewendet werden können." Die ersten Kranken, die von dieser neuen Methode profitieren können, sind Angina pectoris-Patienten. Diese mussten bei bisherigen Stent-Eingriffen eine hohe Strahlendosis hinnehmen. Nun wird ein geringer Teil der Behandlung unter Röntgenbelastung gemacht. Dies ist besonders bei Kindern, die auf radioaktive Strahlung auffallend sensibel reagieren, ein dramatischer Fortschritt.

Aber auch Schlaganfallopfer, die einer Thrombolysetherapie unterzogen werden, haben einen Benefit. Mit Hilfe der Röntgenangiographie kann der Katheter an die richtige Stelle navigiert werden, während mit der MRT die optimale Dosis für die Wiederdurchblutung bestimmt und gleichzeitig das Blutungsrisiko gesenkt werden kann. Auf jeden Fall eine interessante Technik, die laut Higgins vor allem deshalb in San Francisco entwickelt wurde, weil diese schöne Stadt so viele kluge Köpfe anzieht.

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