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Radiologie 7. April 2014

Jede dritte Bildgebung ist vermeidbar

EDV-basiertes Diagnose-Tool hilft bei Rückenschmerzen.

Glaubt man den Daten einer vor einem Jahr veröffentlichten kanadischen Studie, dann ist jede zweite lumbale MRT aufgrund von Rückenschmerzen eigentlich überflüssig und entspricht nicht den Kriterien einer leitliniengerechten Diagnostik. Diese raten von einer Routineuntersuchung per MRT ab, nachdem es in großen Studien kaum eine Korrelation zwischen Schmerzen und MRT-Befunden gab.

Trotz entsprechender Empfehlungen nimmt in den USA die Zahl der lumbosakralen MRT beharrlich zu – eine Vergeudung wertvoller Ressourcen, argumentieren Wissenschaftler um Dr. Ivan Ip vom Zentrum für Evidenzbasierte Bildgebung der Harvard Medical School in Boston. Das Team um Ip hat nun eine EDV-basierte Entscheidungshilfe für Klinikärzte entwickelt und in den Ablauf einer Klinik implementiert, die Überweisungen von etwa 1.200 Ärzten erhält – hauptsächlich Allgemeinmedizinern.

Sämtliche Überweisungen der Klinik werden über ein elektronisches System erfasst. Dabei geben die Überweiser wichtige Patientendaten und Krankheitssymptome an. Für die Studie wurde nun ein Programm zwischengeschaltet, das bei Patienten mit Rückenschmerz die Angaben auswertet und anschließend Vorschläge für eine leitliniengerechte Diagnostik macht. Konnte das Programm in den Daten keine Warnsignale, „rote Flaggen“, entdecken, die ein MRT rechtfertigten, dann empfahl es, auf die Bildgebung zu verzichten. Die Klinikärzte konnten die Empfehlung zwar ablehnen und trotzdem die Patienten zur MRT einbestellen, wurden dann aber sofort von einem erfahrenen Radiologen oder Internisten angerufen, dem sie ihre Entscheidung erläutern mussten.

Zwei Jahre lang beobachtet

Das Team um Ip schaute sich zunächst knapp zwei Jahre lang die MRT-Raten bei Rückenschmerz an, bevor sie die elektronische Entscheidungshilfe implementierten. In dieser Zeit suchten knapp 8.500 Patienten wegen lumbaler Rückenschmerzen einen Allgemeinmediziner im Einzugsbereich der Klinik auf. 5,3 Prozent wurden zur MRT-Diagnostik überwiesen. In der Phase nach der Implementierung wurden 13.000 Arztbesuche aufgrund lumbaler Rückenschmerzen registriert. Von diesen erhielten aber nur noch 3,7 Prozent eine MRT – ein Rückgang um 30 Prozent. Unter Berücksichtigung einer Reihe von Faktoren wie Alter und Geschlecht ergab sich sogar ein Rückgang um ein Drittel.

Nun schaute das Team, wie sich im gleichen Zeitraum die MRT-Rate bei Rückenschmerz in anderen Regionen veränderte. Dazu werteten die Wissenschaftler Daten eines repräsentativen nationalen Survey aus. Hierbei zeigten sich jedoch keine signifikanten Unterschiede, die MRT-Rate schwankte lediglich zwischen 5,3 und 5,6 Prozent. Die Studienautoren nehmen also an, dass der Rückgang bei der Bildgebung in der Studienklinik aufgrund der EDV-basierten Entscheidungshilfe erfolgte.

Zuvor hatten bereits andere Kliniken mit ähnlichen Systemen gute Erfahrungen gemacht, berichten Ip und Mitarbeiter, allerdings kam es dabei zu einem geringeren Rückgang der MRT-Anwendungen bei den Rückenschmerzpatienten. Ihre recht große Reduktion um ein Drittel erklären sich die Autoren vor allem durch die Kombination von EDV-basierten Entscheidungshilfen und einem persönlichen Gespräch, falls diese nicht berücksichtigt werden.

Rote Flaggen

Bei der Diagnostik und Therapieplanung kann ein Flaggenmodell hilfreich sein. Als „rote Flaggen“ gelten Begleitsymptome und Vorerkrankungen, die auf eine spezifische Ursache und eine dringende Behandlung weisen. Sie können eine diagnostische Bildgebung rechtfertigen. Zu den roten Flaggen zählen Tumorleiden in der Vorgeschichte; allgemeine Symptome wie Gewichtsverlust, rasche Ermüdbarkeit; starker nächtlicher Schmerz; kürzlich aufgetretenes Fieber, Schüttelfrost; bekannte bakterielle Infektion; Frakturen, Unfälle, Bagatelltraumata; straßenförmig, in ein oder beide Beine, ausstrahlende Schmerzen, oft verbunden mit Taubheitsgefühlen; zunehmende Lähmung, Sensibilitätsstörung der unteren Extremitäten (Quelle: Robert-Koch-Institut).

 

Originalpublikation: Ip IK et al. The American Journal of Medicine 2014, doi: 10.1016/j.amjmed.2014.01.024

springermedizin.de, Ärzte Woche 15/2014

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