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Radiologie 21. Juni 2012

Kopfball: Schlecht fürs Hirn

Wiederholte Kopfball-Manöver können auch bei Amateurfußballern zu Gehirnschäden und sogar kognitiven Beeinträchtigungen führen.

Die Stärke eines einzelnen Ball-Aufpralls auf den Kopf ist nicht entscheidend, wie eine New Yorker Studie zeigt. Vielmehr ist es die Summe wiederholter Kopfball-Manöver, die die weiße Hirnsubstanz schädigt.

Das fanden Radiologen um Dr. Michael L. Lipton vom MRT-Zentrum am Montefiore Medical Center und am Albert Einstein College in New York heraus. Lipton präsentierte die Ergebnisse einer Untersuchung mit 38 Amateurfußballern auf einer Pressekonferenz beim Radiologenkongress RSNA in Chicago.

Diffusion Tensor Imaging bringt es an den Tag

Die Gehirne von 38 Amateurfußballern, die zum Zeitpunkt der Untersuchung im Mittel 31 Jahre alt waren (21 bis 44 Jahre) und seit ihrer Kindheit Fußball spielten, wurden mittels Diffusion Tensor Imaging (DTI) untersucht. Mit dieser Technik können die Bewegung von Wassermolekülen entlang der Axone in der weißen Substanz gemessen werden (Fractional Anisotropy, FA). In gesunden Gehirnen ist diese Wasserbewegung konstant und verläuft in einer Richtung. Resultat ist eine hohe FA.

Doch die FA-Werte sinken, wenn die Wasserbewegung ungerichtet und chaotisch wird – und genau das ist der Fall, wenn die weiße Substanz geschädigt ist. Das kennen Radiologen von Hirnverletzungen etwa nach Unfällen. Was Radiologen und Neurologen auch schon wissen: „Betroffene mit pathologisch niedriger FA haben kognitive Störungen“, sagt Lipton.

Studiendesign

Bei den 38 Probanden der Studie, darunter auch fünf Frauen, wurde mittels eines standardisierten Fragebogens die Zahl der Kopfbälle im Jahr vor Studienbeginn geschätzt. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen mit weniger als 1.320 Kopfballmanövern pro Jahr und mehr als 1.320 eingeteilt. Diese Grenze ergab sich aus den von den Teilnehmern geschätzten Kopfball-Manövern sowohl im Spiel als auch im Training.

Alle Teilnehmer erhielten jeweils eine DTI, und es wurden im Gehirn bestimmte Regionen in der weißen Hirnsubstanz definiert (Region of Interest, ROI), bei denen die FA bestimmt wurde. Das waren die Bereiche, die bei Kopfbällen besonders betroffen sind, nämlich temporo-okzipital und frontal.

Kognitive Funktionen waren messbar schlechter

Zwischen den beiden Gruppen gab es signifikante Unterschiede in der FA in fünf Hirnregionen im Frontallappen und im temporo-okzipital-Bereich. Diese Regionen sind unter anderem wichtig für Aufmerksamkeit, Erinnerung und die komplexe Verarbeitung von visuellen Eindrücken. Spieler der Gruppe mit vielen Kopfballmanövern hatten signifikant niedrigere FA in diesen Hirnbereichen.

Und in Tests, die kognitive Funktionen wie Gedächtnisleistung, Rechen- und Verarbeitungsgeschwindigkeit prüften, schnitten nach Angaben von Lipton Spieler mit einer hohen Anzahl an Kopfbällen um 20 Prozent schlechter ab.

Symptome werden oft falsch interpretiert

Für Lipton ist das ein wichtiger Hinweis, dass auch Amateurfußballer von Hirnschädigungen betroffen sein können. Sein Rat deshalb: „Spieler sollten weniger als 1.300 Kopfball-Manöver im Jahr machen – egal ob im Spiel oder im Training. So können sie ihr Risiko für Schäden der weißen Substanz reduzieren.“ Denn immerhin prallen im Amateurbereich Bälle mit Geschwindigkeiten bis zu 56 km/h auf den Kopf; im Profifußball werden sogar Geschwindigkeiten von über 96 km/h erreicht.

Die weiße Hirnsubstanz ist mit ihren Axonen sozusagen das Netzwerk des Gehirns. Kleinere Schäden bleiben auch nach Unfällen häufig unentdeckt, wenn man nicht gezielt danach sucht. „Die Symptome werden häufig nicht erkannt oder falsch interpretiert“, sagt Lipton, beispielsweise als Konzentrationsstörung durch Überlastung.

Eine DTI als Screening bei Amateurfußballern oder fußballspielenden Kindern hält Lipton wegen des Aufwands und der Kosten für nicht durchführbar. Aber vielleicht könnten einfachere Screeningtools wie kognitive Tests gemacht werden.

Lipton will seine Studie nicht als Grundlage für ein Fußballverbot oder Regeländerungen wie Verbot von Kopfbällen verstanden wissen. Er sieht sie vielmehr als „Augenöffner“. Es sei wichtig, zum Beispiel zurückhaltender zu sein mit Kopfball-Training, und einfach daran zu denken, dass Kopfbälle – vor allem, wenn viele kurz hintereinander erfolgen – nicht harmlos sind.

springermedizin.de/gwa , Ärzte Woche 25 /2012

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