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Foto: Thurnherr
Progressive multifokale Leukoenzephalopathie(PML) und Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS) bei einem männlichen Patienten mit AIDS. Kontrastmittel-verstärkte T1-betonte MR Sequenz in axialer (A) Ebene zeigt eine hypointense Läsion in der weißen Substanz des
 
Radiologie 21. März 2012

Der Radiologe als Gatekeeper

Die künftig notwendige Subspezialisierung in klinische Fächer zeigte sich auch beim diesjährigen ECR.

Mehr intelligente Technologie und Roboter sollen in Zukunft auch in der Medizin weniger Platz für menschliche Fehler und eine bessere Diagnose zur Folge haben. Die Rolle des Radiologen in diesem Zukunftsszenario ist für András Palkó, Vorstand der radiologischen Abteilung der Universität Szeged und Präsident der Europäischen Radiologie Gesellschaft (ESR), klar: „Er wird seine Expertise als Gatekeeper einbringen und ist Teil des interdisziplinären Konsultationsteams.“ Die neuesten Entwicklungen des Fachs Radiologie sowohl technisch als auch methodisch und vor allem im interdisziplinären Zusammenspiel standen vom 1. bis 5. März im Mittelpunkt des Europäischen Radiologenkongresses (ECR) in Wien.

 

Kürzere und billigere Wege zur Diagnose werden mithilfe der Informationstechnologien wie Cloud Computing und Datamining und einer Vernetzung nationaler und internationaler Krankengeschichten-Datenbanken möglich – welche Untersuchungen schließlich am zielführendsten sind, kann der Radiologe mit klinischem Hintergrundwissen effizient entscheiden. Die Beschäftigung und Integration der neuen Rahmenbedingungen in die eigene Arbeit ist dafür ebenso notwendig wie eine Subspezialisierung, so Palkó. Allerdings geht es dabei nicht um die technischen Modalitäten, sondern um die klinischen Fächer. Dementsprechend strukturiert zeigte sich auch der ECR 2012. Einen der Schwerpunkte stellte die Bildgebung der weiblichen Brust mit den unterschiedlichen Kontroversen darüber dar.

„Je mehr Informationen wir haben, desto mehr Interpretationen sind möglich“, stellte Matthew G. Wallis, Cambridge University Hospitals, fest. Es gehe um die Balance zwischen Vor- und Nachteilen. Dazu zähle beispielsweise der Einsatz von Ultraschall im Brustkrebsscreening. „Um eine Krebserkrankung zu finden, müssen von 1.000 Frauen 100 weitergehend untersucht werden, so Wallis, „weil irgendetwas gefunden wird, aber niemand weiß, ob die Konsequenz eine Bedeutung für die betroffene Frau hat.“ Fest stehe, so Wallis, dass beispielsweise mit einem Screening für Frauen unter 50 Jahren mehr Brusterkrankungen diagnostiziert werden, allerdings würde dadurch auch die Zahl falsch positiver Befunde deutlich erhöht werden. Ein Screening von Frauen zwischen 40 und 50 Jahren reduziert die Mortalität über einen Zeitraum von 25 Jahren um 19 Prozent. Das bedeutet, dass 1.000 Frauen gescreent werden müssen, um drei Frauen mit Brustkrebs zu finden. Pro drei Patienten wird allerdings eine Frau nicht gefunden, die erkrankt ist. „Die Paranoia des Radiologen ist, jene Patientin nicht zu finden“, erklärte Wallis und stellte klar: „Die behandelnden Radiologen müssen akzeptieren, dass ihre Tätigkeit nie mit der absoluten Sicherheit verbunden ist, jede einzelne Krebserkrankung zu erkennen.“

Daher sei auch die Kommunikation sowohl mit der Patientin als auch mit den Kollegen ein wesentlicher Aspekt des Patientenmanagements. Neueste Technologien ermöglichen nun bereits wesentlich bessere Differenzierungen der Läsionen, allerdings sei es weiterhin nicht möglich, vorherzusagen, wie sich der individuelle Tumor entwickelt, schränkte Wallis ein: „Manche sind hoch aggressiv, manche entwickeln sich langsam und wenig aggressiv. Wir müssen alle behandeln.“

HI-Virus vier Tage nach Infektion im Gehirn

Die Therapie von HIV/AIDS hat sich zwar in den vergangenen zehn Jahren durch die antiretroviralen Medikamente wesentlich verbessert, mit 33,3 Millionen Infizierten weltweit im Jahr 2009 sei die Epidemie aber weiterhin nicht unter Kontrolle, stellte Prof. Dr. Majda M. Thurnher, Medizinische Universität Wien, fest. Allerdings haben sich in den Manifestationen im Gehirn Veränderungen ergeben, die für die Interpretation der Bildgebung von Bedeutung sind. Von den früher häufig aufgetretenen opportunistischen Infektionen haben sich die Folgen der HIV-Infektion in Richtung steigende Zahl an neurologischen und kognitiven Störungen verschoben. Bereits vier Tage nach Infektion, so Thurnher, finde sich das HI-Virus im Gehirn: „Die anitretrovirale Therapie stoppt die Hirninfektion nicht, aber sie verlangsamt sie.“ Manche Läsionen können eine Reaktion des Immunsystems auf eine antiretrovirale Therapie sein, daher sei manchmal ein Abwarten sinnvoll. Herkömmliche und fortgeschrittene MR-Techniken wie Spektroskopie, Perfusions MR, funktionelle MRT und die Diffusionsbildgebung sollten in Zukunft die möglichst frühe Erkennung neurologischer, durch HIV verursachter Störungen ermöglichen. Aber, so Thurnher: „Es gibt keine einzelne beste Technik der Bildgebung. Das Konzept ist immer multimodal.“ 

 

Quelle: Pressekonferenz ECR 2012

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