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Radiologie 31. Jänner 2012

4 P-Radiologie: prädiktiv, personalisiert, partizipativ, präventiv

Vorbeugung und Frühintervention werden zunehmend wichtig. Dazu tragen auch die Fortschritte der bildgebenden Verfahren bei. Finanzierbarkeit der Innovationen, aber auch deren Sinnhaftigkeit stehen auf dem Prüfstand.

Das Ziel einer prädiktiven Medizin ist es, sowohl in Individuen als auch in Gruppen zukünftige Gesundheitsprobleme vorherzusehen und damit die Möglichkeit für Frühinterventionen und Prävention zu schaffen. Eine im Vorjahr publizierte Studie über die Früherkennung von Lungenkrebs mithilfe der Low-Dose-CT hat eine Debatte über die Sinnhaftigkeit eines Screenings unter starken Rauchern entfacht. Erstmals gab es ermutigende Ergebnisse. Als Problem sehen die Radiologen die CT- und MRT-Deckelung und die daraus folgenden Wartezeiten.

 

Die Rolle der Radiologie in der Frühdiagnostik und ihr Beitrag zur früheren und genaueren Therapie zu verdeutlichen, ist das Ziel der Österreichischen Röntgengesellschaft Gesellschaft für Medizinische Radiologie und Nuklearmedizin (ÖRG). Gleichzeitig wolle man diese Rolle an die Verantwortlichen im Gesundheitssystem herantragen.

„Zurzeit werden etwa drei Viertel der heimischen Gesundheitskosten zur Betreuung chronisch kranker Patienten aufgewendet“, betont Prof. Dr. Christian Herold, Universitätsklinik für Radiodiagnostik, MedUni Wien. Schon allein aus ökonomischen Gründen müsse daher ein Umdenken in Richtung vorhersehender und verhütender Medizin stattfinden. Die Radiologie könne wesentliche Beiträge zur „4P-Medizin“ leisten, so Herold, also zu Prädiktion, Personalisierung, Partizipation und Prävention. Die personalisierte Medizin könne nicht nur zur Beurteilung des Erkrankungsrisikos und für den individuell maßgeschneiderten Therapieansatz eingesetzt werden. Sie sei auch für Patienten mit bestehenden Erkrankungen möglich und notwendig, so Herold. Für die prädiktive Medizin seien Screeningprogramme nicht mehr wegzudenken und eine präventive Medizin sei nicht ohne bestimmte Biomarker in der Bildgebung (Imaging Biomarker) möglich, welche für Erkrankungen sensitive und spezifische Nachweismethoden ermöglichen.

Low-dose Computertomografie

Eine große amerikanische Studie, The National Lung Screening Trial (NLST) Research Team, kommt zu einem klaren Schluss: Lungenkrebs-Screening mit Low-Dose-CT senkt die Sterblichkeit (Mortalität). Endlich sei der Beweis erbracht, dass das Lungenkrebs-Screening (bei starken Rauchern) funktioniere, so Prof. Dr. Wolfgang Dock, Röntgenordination Dock, Mendel, Privatklinik Josefstadt, Confraternität Wien. Problematisch bleibt jedoch (die Ärzte Woche berichtete) der große Anteil falsch-positiver Resultate der Low-Dose-CT. Lediglich 3,6 Prozent der positiven Screening-Untersuchungen entsprachen letztendlich einem bösartigen Lungenkarzinom. Auf der anderen Seite steht die psychische Belastung der Patienten und eine Mortalität durch weiterführende invasive Abklärung.

Ein Thema ist freilich auch die Strahlenbelastung durch die CT. Eine Studie aus 2004 ergab, dass bei einer jährlichen Normaldosis-CT zwischen dem 55. und 75. Lebensjahr maximal 5,5 Prozent der Studienteilnehmer an einem strahleninduzierten Karzinom sterben. Der Vorteil eines jährlichen Screenings würde also durch diese Mortalität eingeschränkt. Da diese Studie bereits vor zehn Jahren begonnen wurde, sei jedoch davon auszugehen, dass auf Grund der stetigen Weiterentwicklung im Bereich der CT-Geräte heute eine verringerte Strahlenbelastung zu erwarten sei. Prof. Dr. Gerhard Mostbeck vom Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie, Wilhelminenspital und Röntgeninstitut Otto Wagner Spital, Wien, meint daher zur Frage des Lungenkarzinom-Screenings: „Es ist aus heutiger Sicht zu sagen, dass ein generelles, systemisiertes Lungenkarzinom-Screening mit Niedrig-Dosis-CT nicht empfohlen werden kann. Sollte man sich dennoch dazu entschließen, ein solches unter Studienbedingungen durchzuführen, dann sollten nur Personen mit einem deutlich erhöhten Karzinomrisiko untersucht werden.“

Problem Kostendeckelung

Seit zwei Jahren besteht ein Vertrag zwischen der Sozialversicherung und der Wirtschaftskammer, der die aufzuwendende Summe für CT- und MRT-Untersuchungen auf dem Niveau von 2009 einfriert. Gleichzeitig besteht aus medizinischer Sicht die Notwendigkeit einer Frequenzzunahme von etwa zwei Prozent bei CT und fünf Prozent bei MRT, so der Vorsitzende der Bundesfachgruppe Radiologie der Ärztekammer, Doz. Dr. Frühwald vom Institut Frühwald St. Pölten. Die Folge: längere Wartezeiten. So führe die vermeintliche Kosteneinsparung zur Kostenvermehrung, weil auf den Termin wartende Patienten sehr häufig in Krankenstand seien. Frühwald: „Es ist einfach nicht sinnvoll, die Bilddiagnostik-Ambulatorien durch ,Knebelverträge‘ an der Arbeit zu hindern, dabei vergleichsweise geringe Geldsummen einzusparen und gleichzeitig einen hohen Schaden bei allen Arbeitgebern Österreichs zu verursachen. Insgesamt werden während der vierjährigen Laufzeit der Deckelverträge etwa 436 Millionen Euro pro Jahr durch die unnötigen zusätzlichen Wartezeiten im Bereich CT/MRT verursacht. Unsere Forderung ist, diese Deckelungsregelung umgehend aufzuheben, um die angemessene medizinische Behandlung der Österreicher nicht zu behindern und die österreichischen Arbeitgeber von unsinnigen Krankenstandskosten zu entlasten.“

Quelle: Pressegespräch vom 25. Jänner 2012 der Österreichischen Röntgengesellschaft, Gesellschaft für Medizinische Radiologie und Nuklearmedizin (OERG) in Wien.

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