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Walter Hruby: „Die molekulare Bildgebung dürfte vor dem Sprung in die klinische Situation stehen.“
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Walter Hruby: „Die molekulare Bildgebung dürfte vor dem Sprung in die klinische Situation stehen.“

 
Radiologie 4. April 2009

„Nur informiert zu sein, heißt, nicht dabei zu sein!“

Der enorme Zuwachs an Wissen und technischen Neuerungen bedarf der sinnvollen Umsetzung

Im vergangenen Herbst übernahm Univ.-Prof. Dr. Walter Hruby, der Vorstand des Instituts für Röntgendiagnostik im Donauspital des Sozialmedizinischen zentrums Ost (SZO) der Stadt Wien, die Funktion des Präsidenten der Österreichischen Röntgengesellschaft (ÖRG). Mit dem Aufbau des ersten vollständig digital arbeitenden radiologischen Instituts und digital vernetzten Krankenhauses in Österreich leistete Hruby nicht nur österreichweit sondern international Pionierarbeit. Die Vorteile für den Patienten standen und stehen dabei für ihn immer im Mittelpunkt. Diese Tendenz zeigte sich auch verstärkt beim jährlichen Großereignis der Radiologen Amerikas, dem Kongress der RSNA, im vergangenen Dezember in Chicago .

Auf welche Schwerpunkte fokussierte der RSNA-Kongress?

 

HRUBY: Im Vordergrund standen diesmal ganz speziell die patientenzentrierten Abläufe mit sehr gut strukturierten Untersuchungsalgorithmen. Das Bewusstsein ist diesbezüglich in allen Belangen sehr groß: Es gilt ganz genau zu hinterfragen, wann welches Screening bei welcher Gruppe sinnvoll ist. In bestimmten Bereichen wie beispielsweise der virtuellen Kolonographie in Verbindung mit der Kolonoskopie gibt es dazu bereits eindeutige Stellungnahmen: Die virtuelle Kolonographie ist der endoskopischen gleichgestellt – mit der Einschränkung, dass nur mit der endoskopischen auch Therapiemaßnahmen durchgeführt werden können. Ob sie schließlich flächendeckend als Screeningprogramm eingesetzt werden soll, werden die abschließenden Studien zeigen. Diese laufen derzeit noch. Zum CT-Screening erschien Ende vergangenen Jahres eine positive Stellungnahme des Gesundheitsministeriums.

Als zweiter wichtiger Aspekt zog sich kontinuierliches und intensives Lernen – Stichwort: „lebenslanges Lernen“ – durch alle thematischen Bereiche des Kongresses. Der Lernprozess ist für den Mediziner und ganz speziell für den Radiologen mit dem Studium und der Fachausbildung nicht abgeschlossen. Der Wissenszuwachs, der sich alle fünf Jahre verdoppelt, muss in irgendeiner Form erarbeitbar werden. In diesem Zusammenhang sollen die technischen Möglichkeiten weit mehr auch für das Lernen genutzt werden. Das bedeutet: Training mit Simulation. Mit der heute technischen Möglichkeit der Zusammenführung von Bildern und virtuellen Darstellungen kann man reale Situationen bestens simulieren.

 

Welche Neuerungen bietet die Industrie?

 

HRUBY: Die Industrie hat aufgezeigt, dass Themen wie Strahlendosis, Untersuchungszeit, aber auch ganz neue Denkweisen in der Mechanik immer noch Potential zur Weiterentwicklung haben. Auf dem Gebiet der CT-Technologien dachte bis vor kurzem jeder, dass hier die Möglichkeiten schon ausgereizt sind. Doch die Entwicklung ist auch hier noch weitergegangen – was die Zeilenzahl, aber auch was die Geschwindigkeit betrifft und neu sind auch CTs mit luftgelagerter Gantry. Gleichzeitig erfolgte ein technologischer Ausbau des Reifegrads jener Geräte, die 95 Prozent aller Fragestellungen abdecken, die also zwischen 16 und 64 Zeilen aufweisen. Geräte mit 128, 256 oder 320, 640 Zeilen sind für hoch spezialisierte Zentren notwendig, wo es um onkologische Fragestellungen geht, die mittels molekularer CT-Bildgebung bearbeitet werden müssen. Immer häufiger kommen Hybridgeräte zum Einsatz: PET/CT liefert bereits vielversprechende Ergebnisse und lässt sich sowohl einzeln als CT oder PET in der Diagnose verwenden, als auch kombiniert für Synergien. Mit Hilfe spektroskopischer Untersuchungsmöglichkeiten lässt sich nun eine noch höhere Gewebespezifität als bisher erreichen und dies auch schon bei Geräten mit 1,5 Tesla.

Am Schallsektor präsentierte eine Firma die Funktion der Mikrokalkerkennung bei der Mammasonographie mit 3D-Darstellung. Diese Technologie wäre für die schallgezielte Biopsie indiziert.

Weitere Themen sind derzeit die Mikrochiptechnololgie, neue Energiequellen sowie die Photonenzählung zur Bildberechnung, die den Schwächungskoeffizienten ersetzen könnte. Die ersten Ansätze gibt es schon dazu, diese Technologie könnte der Meilenstein in der Entwicklung der Bildgebung der nächsten Jahre sein. Ich bin überzeugt, dass diese Denkansätze auf unsere gesamte Fächergestaltung und unser Berufsbild Einfluss nehmen werden. Die Zusammenarbeit mit Biologen, Molekularbiologen, Humangenetikern usw. bekommt eine immer größere Notwendigkeit und Bedeutung.

 

Welche Rolle wird die MR für die Brustkrebsfrüherkennung spielen?

 

HRUBY: Die Industrie bietet nun zahlreiche hochspezifizierte MR-Geräte an, z. B. MR-Mamma. In der Diagnostik stehen uns heute die Mammographie, der Ultraschall, die MR, die Biopsie und eventuell auch die digitale Tomosynthese, die im Gegensatz zur zweidimensionalen Projektionsbildgebung der Mammographie Schichtaufnahmen der Brust liefert, zur Verfügung. Die MR wird in der Mamma-Bildgebung mit Sicherheit einen noch weitaus höheren Stellenwert bekommen – auch für die MR gezielten Mammabiopsien. Diesen speziellen Anforderungen haben viele Firmen bereits Rechnung getragen. Lebensalter spezifische Spezifizierungen der Modalitäten wie z. B. bei kinderradiologischen Fragestellungen werden von der Industrie nun auch verstärkt berücksichtigt.

 

Wie weit ist die molekulare Bildgebung nun tatsächlich?

 

HRUBY: Im Bereich der molekularen Bildgebung dürften wir nun wirklich vor dem Sprung von der Labor- in die klinische Situation sein. Nicht nur für die Diagnose wäre dies ein enormer Schritt, sondern unter anderem auch in der Steuerung der Medikamentenapplikation. Die Rolle der Nanotechnologie in der Bildgebung ist sehr vielversprechend. Radionuklide für die PET- und SPECT-Bildgebung können an Nanopartikel ebenso gebunden werden wie Sonden für die optische Bildgebung oder metallhältige Kontrastmittel für MR-Untersuchungen. Die Pharmakokinetik des Nanopartikels kann darüber hinaus an die jeweilige Bildgebungstechnologie angepasst werden.

 

Welche Schwerpunkte möchten Sie als neuer Präsident der Österreichischen Röntgengesellschaft innerhalb Österreichs setzen?

HRUBY: Ganz wichtig ist mir: Wir sehen uns als Kooperationspartner mit den Fachärzten der anderen Richtungen im Dienste des Patienten. Wir haben unserem Bestreben des „Lifelong Learning“ folgend, beschlossen, eine Akademie für alle in Ausbildung Befindlichen als von der ÖRG finanzierte, also für die Teilnehmer kostenlose, aber obligate Vorbereitung zur Facharztprüfung zu gründen. Diese Akademie soll auch als Basis dienen, Krankenhausträgerübergreifende Rotationen österreichweit mitzugestalten. Weder von Seiten der Träger noch von Seiten der Kammer ist dies derzeit geklärt. Wir haben eine Arbeitsgruppe zur Entwicklung von Pilotprojekten, die sich jetzt konstituiert. Wir sind dabei, die drei subklinischen Spezialitäten: interventionelle, Neuro- und Kinderradiologie als subklinische Spezialitäten anerkennen zu lassen.

Das Wissen wächst exponentiell, wie lässt sich dies in der Praxis umsetzen?

 

HRUBY: Wissenstransfer und Wissensaustausch müssen intensiviert und vermehrt eingesetzt und genutzt werden.

 

Sind die Radiologen zur fächerübergreifenden Kooperation und beständiger Weiterbildung bereit?

 

HRUBY: Wenn das Engagement da ist, ist das untrennbar damit verbunden. Das Mehr an Wissen setzt natürlich auch mehr an Bereitschaft und Engagement zur Umsetzung voraus. Nur informiert zu sein, heißt nicht dabei zu sein. Es gibt Überlegungen, die physische Präsenz in den Häusern zu verstärken, d. h. dass man sieben Tage 24 Stunden versucht, so wie der Chirurg, der Unfallchirurg, der Internist da zu sein. Das kann man nur vernünftig weiterentwickeln. Kleinere Spitäler können durch eine strukturierte Kooperation in der Region sicherstellen, dass Fachärzte verfügbar sind. Österreich ist überschaubar und auch klein genug, dass man das umsetzen kann und die technischen Möglichkeiten stehen grundsätzlich zur Verfügung.

Aber man kann die Technik nur nutzen, wenn man sich lange und intensiv vorher damit beschäftigt. Wer mit entsprechenden Argumenten kommt, bekommt auch die entsprechende personelle Ausstattung. Die ist vorher herzustellen. Dieses Bewusstsein werden wir schärfen.

 

Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre als ÖRG-Präsident gesetzt?

 

HRUBY: Das Fach muss sich für alle zukünftigen und neuen Aufgaben aktiv einbringen und vorbereiten. Sodass alles was zur Zeit wissenschaftlich und im Laborhorizont vorhanden ist, auch klinisch von uns wahrgenommen wird – dort, wo Evidenz gegeben ist. Die Ausbildung ist auf die Zukunft hin permanent zu adaptieren, um diesen Aufgaben gerecht zu werden und jedem Einzelnen, der dieses Fach ergreift, sollte klar sein, dass er nur dann seine Aufgaben in einer humanen medizinischen Sichtweise erfüllen kann, wenn alles, was er macht und plant im Interesse des Patienten ist. Daher engagieren wir uns auch gesellschaftlich, sozioökonomisch und politisch, wenn die Entwicklung gegen das Patientenwohl läuft.

Für den Patienten möchten wir eine Patienteninformation entwickeln, die ausschließlich auf die Untersuchung hin so informiert, dass er weiß, was ihn erwartet, wenn er diese spezielle Untersuchung mit der ganz speziellen Fragestellung bekommt – in einer klaren, verständlichen Sprache. Wir eröffnen ihm damit eine verständliche Welt, die ihm seine Möglichkeiten aufzeigt.

Übergeordnetes Ziel ist die Einbeziehung aller: In der Wissenschaft, in der Forschung, in der Fort- und Weiterbildung – natürlich immer für alle im Fach Tätigen. Die ersten Wochen haben gezeigt, dass es viele neue Pläne gibt. Die ÖRG ist bereits aktiv an der Umsetzung eines flächendeckenden, qualitätsgesicherten, österreichweiten Mammographiescreenings eingebunden. Es gibt von vielen Seiten und Ebenen einen Neubeginn der Gespräche. Ermöglichen und für etwas eintreten – das ist auch heute noch mein Weg.

Informationen: www.oerg.at

* Päsident der Österreichischen Röntgengesellschaft (ÖRG) und Vorstand des Instituts für Röntgendiagnostik im Donauspital Sozialmedizinisches Zentrum Ost (SZO), Wien

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Walter Hruby*, Wiener Klinisches Magazin 1/2009

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