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Außer Gefühlskontrolle

Wer kennt nicht das Gedankenspiel mit dem roten Knopf: Drückt man ihn, so wird automatisch ein beträchtliches Vermögen auf das eigene Konto überwiesen, jedoch für den Preis eines unbekannten Lebens. Bei einem Großteil der Menschen wird reflexartig die moralische Reißleine gezogen. Bei rund ein bis drei Prozent bleiben die Gewissensbisse jedoch aus.

 flickr.com / cayusa

Foto: flickr.com / cayusa

Das sind Personen, die sich durch eine beängstigende Gewissenlosigkeit auszeichnen und die für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Extremfall selbst über Leichen gehen. Diese Meister der Amoral sind jederzeit und nur für Nichtigkeiten bereit, die grundlegendsten Standards zu brechen, die ein soziales Miteinander erst ermöglichen. Dabei hilft es, dass sie es nicht schaffen, ihre Mitmenschen als denkende und vor allem fühlende Wesen wahrzunehmen.
Psychopathen – Soziopathen – Personen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung: das sind drei synonym verwendete Begriffe für diesen Menschenschlag. Beunruhigend ist, dass sie in der Masse gut untertauchen, da sich ihre Persönlichkeitsstörung den meisten spät offenbart.

Tarnen und täuschen

Sie beherrschen die Kunst des Tarnens und Täuschens, weshalb sie ein hervorragendes Talent zum Betrug mitbringen. Der erste Eindruck zählt! – ein Grundsatz, der vielen im Umgang mit Psychopathen zum Verhängnis wird. Denn der Psychopath ist ein Säbelzahntiger im Wolfspelz und hat im ersten Moment durchaus ein einnehmendes Wesen. Dank seines oberflächlichen Charmes, verbunden mit einer chamäleonartigen Anpassungsfähigkeit und einem ausgezeichneten Sinn für Manipulation, hat der Soziopath kein Problem, neue Kontakte zu knüpfen.

Reale Unholde

Der Psychopath ist für die Rolle des Bösewichtes wie geschaffen: Skrupelloser Geschäftsmann, Heiratsschwindler, Halsabschneider – kaum ein Film oder Roman kommt ohne ihn aus. Aber auch im realen Leben ist der Soziopath keineswegs selten: Je nach Quelle sind es ein bis drei Prozent. Die Psychologin Martha Stout, klinische Dozentin an der psy­chiatrischen Abteilung der Harvard Medical School, schreibt in ihrem Buch Der Soziopath von nebenan (Springer WienNewYork) sogar von vier Prozent und bezeichnet die Verbreitung antisozialer Persönlichkeitsstörung als fast epidemisch. Erwartungsgemäß steigt die Wahrscheinlichkeit, einen Psychopathen im Gefängnis zu treffen, deutlich an: um fast 25 Prozent! Für die einen überraschend, für andere nicht, sind sie auch überrepräsentativ in Anwaltskanzleien, in der Politik und in den Medien anzutreffen. Die Möglichkeit, andere Menschen zu manipulieren und Macht über sie zu haben – auch wenn sie nur geringfügig ist –, zieht Soziopathen scheinbar magisch an.

Jederzeit und überall böse

Es ist allerdings falsch zu glauben, dass sich soziopathische Anlagen ausschließlich auf wenige bestimmte Berufe beschränken. Und umgekehrt leidet der knallharte Börsenhai, der im Geschäftsleben hart durchgreift, nicht unbedingt an einer Störung. Er kann zuhause bei der Familie durchaus ein liebevoller Vater und sanfter Ehemann sein. Das ist beim Sozio­pathen anders! Seine Skrupellosigkeit zieht sich ausnahmslos durch alle Lebensbereiche.

So mancher Roman lässt die Grautöne vermissen. Die Helden strahlen übermäßig und die Bösewichte sind zu gewissenlos. Langweilig! Umso schockierter sind wir, wenn wir real einem Psychopathen begegnen. Zunächst merken wir es kaum. Es ist unterhaltend, mit einem zu sprechen, denn die gestörte Psyche bleibt unter Witz und Charme verborgen. Manche sind vielleicht vom unbeirrbaren Selbstvertrauen des Gegenübers etwas irritiert, andere mögen aber die mitreißende Art, auch mal ein Risiko einzugehen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – ein im Zusammenhang mit Psychopathen fataler Ansatz. Denn dieser verführt die Menschen und plündert sie aus: Konten, Emotionen, Geheimnisse, nichts ist sicher.
Auf die Frage, ob diese Menschen überhaupt erkennen, dass ihre Gewissenlosigkeit sie anders macht, muss Prof. Dr. Thomas Stompe von der Abteilung für Sozialtherapie der MedUni Wien zunächst lachen: „Eher nicht, denn sie sehen ihre Veranlagung als Gabe und brüsten sich, andere Menschen leicht übers Ohr hauen zu können.“
Stompe, der auch in der Justizanstalt Göllersdorf tätig ist, hat in seinem Leben bereits unzählige Gespräche mit Soziopathen geführt. Daher weiß er gut, zwischen Soziopath/Psychopath und Antisozialer Persönlichkeitsstörung zu differenzieren. Die ersten beiden Begriffe lassen sich weitgehend synonym verwenden, aber es gibt Zweifel, ob die Antisoziale Persönlichkeitsstörung wirklich eine Störung per se ist oder diese Menschen nur eine Neigung zu delinquenten Verhaltensweisen haben. Psychopathen zeigen hingegen Persönlichkeitsanteile, die nicht unmittelbar mit der Delinquenz zusammenhängen und spezifisch sind (Verantwortungslosigkeit, flache Emotionen, fehlende Empathie usw.). Sie sind ein Teil jener Eigenschaften, die der renommierte Forscher Robert Hare, Ph.D., Professor für Psychologie in Vancouver, in seiner 20 Punkte umfassenden Psychopathy-Checklist (PCL-R; siehe Liste) aufgenommen hat. „Was die deliquenten Punkte betrifft, so wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, diese in eine Persönlichkeitsdiagnose zu integrieren. Letztlich gibt es auch Psychopathen, die nicht kriminell sind und Erfolg haben“, erläutert Stompe. Gute Karrierechancen gibt es für Psychopathen etwa im Umfeld von Kunst, Design und Theater, also dort, wo es opportun ist, gesellschaftliche Normen zu sprengen.
Warum einige Psychopathen nicht kriminell werden, erklärt Stompe mit den Umständen in der Kindheit: „Heute wissen wir, dass Heimaufenthalte oder früher Substanzmissbrauch den Abstieg ins kriminelle Milieu fördern. Ebenso kann außerordentliche Intelligenz die Deliquenzneigung abfedern.“
Spannend ist die Frage, ob ein fehlendes Gewissen nicht sogar einen „Wettbewerbsvorteil“ bietet, der Soziopath quasi der Hecht im Karpfenteich ist. Prof. Dr. Hans-Peter Kapfhammer, Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie, kann sich das vorstellen: Etwa wenn diese Eigenschaften in Gesellschaften, die diese Merkmale in ihren Ziel- und Wertevorstellungen erkennen lassen oder gar implizit einfordern (z.B. in der Wirtschaft), soziale Vorteile bringen und zu größerem Erfolg führen. Doch könne keine Gesellschaft, speziell mit einer demokratischen Verfassung und einem unveräußerlichen Werte- und Normenkonsens, lange existieren, wenn sie diese dissozialen Eigenschaften nicht verurteilen würde und mit juristischen und begrenzt auch mit psychiatrischen Methoden nicht einzuengen versuchte, warnt Kapfhammer. Freilich gab es immer wieder Zeiten in der Geschichte, in denen infolge ungünstiger Konstellationen Psychopathen hoch geschwemmt wurden. Glücklicherweise, sagt Stompe, sind nur wenige Soziopathen imstande, die ganz große Karriere zu machen. Letztlich fehlt ihnen hierfür die Fähigkeit zur langfristigen strategischen Planung. Zu den Ausnahmen zählen jene psychopathischen Berühmtheiten, bei denen neben glücklichen Umständen auch eine gehörige Portion Intelligenz mitspielte. „Andererseits sollte zwischen Psychopathie und psychopathischen Persönlichkeitszüge differenziert werden. Jeder von uns bekommt so einige Punkte in Hares PCL-R-Skala. Nedopil, der ,Papst der Gutachterei‘ (Anm.: Prof. Dr. Norbert Nedopil, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie an der Universität München) sagte einmal: ‚Mit Menschen, die keine fünf Punkte auf der PCL-R schaffen, lohnt es sich nicht, einen ganzen Abend zu verbringen‘. Kurzum, so manche geschichtliche Berühmtheit hätte fraglos eine Menge Punkte auf ihr Konto geladen, ohne in vollem Umfang als Psychopath zu gelten“, sagt Stompe und schmunzelt.

Raoul Mazhar


Tabu „Sexueller Missbrauch“

Der unfassbare Fall von Amstetten kann auch Ausgangspunkt für einen neuen multidisziplinären Umgang bei der Unterstützung von Opfern sein.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher

Die intensive Berichterstattung rund um die Vorfälle in Amstetten kann auch Retraumatisierungen oder erstmals Auseinandersetzung mit dem Tabuthema sexueller Missbrauch in der Familie auslösen.
„Wenn ein selbst erlebtes Inzestereignis gut verarbeitet ist, können Medienberichte wie jene zu Amstetten unangenehme Erinnerungen wecken. Diese haben im Normalfall aber keine massiv negativen Auswirkungen. Andererseits kann es auch zu einem Flashback kommen“, analysiert der Wiener Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ernst Berger. Fakt ist, dass sich derzeit verstärkt Menschen mit Berichten über eigene Inzesterfahrungen an Ärzte, Therapeuten, Psychologen oder Beratungsstellen wenden.
In den Medienberichten geht es mitunter um die Frage, inwieweit etwa Ärzte den sexuellen Missbrauch hätten früher wahrnehmen können bzw. ob sie dann adäquat reagiert hätten. Berger: „Die Symptome eines Flashbacks oder die Auswirkungen eines aktuellen Missbrauchs sind meist unspezifisch.“ So können etwa vegetative Störungen wie Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen auftreten. Des Weiteren werden Lernstörungen und/oder Antriebslosigkeit provoziert. „Ebenso zeigen sich teils starke Erregungs- und Angstzustände, eventuell in Form von Panikattacken“, ergänzt Berger. Bei Kindern können außerdem Änderungen im Hygieneverhalten sowie Bettnässen und ein plötzlicher sozialer Rückzug bzw. ein anderer Sprachgebrauch Hinweise geben. Berger unterstreicht, dass es familiären sexuellen Missbrauch in allen sozialen Schichten gibt.
„Beim Curriculum für den Facharzt für Allgemeinmedizin bemühen wir uns derzeit, Impulse zur Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen einzubringen, sowie für diverse Missbrauchsanzeichen zu sensibilisieren. Wichtig ist, dass Ärzte schnell für eine Überweisung zu kompetenten Beratungsstellen und Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie sorgen“, so Berger. Schulungen und Fortbildungen zum sexuellen Missbrauch bietet „Die Möwe“ (Helpline 0800 80 80 88) an, die fünf Kinderschutzzentren in Wien und Niederösterreich betreibt.
„Sehr stark ausgeprägt ist beim Thema Inzest und sexueller Missbrauch innerhalb der Verwandtschaft das Geheimhaltungssyndrom“, betont Mag. Hedwig Wölfl, fachliche Leiterin der Möwe-Kinderschutzzentren. Sie stimmt mit Berger überein, „dass es in den kommenden Wochen gerade für Ärzte wichtig ist, noch sensibler zu agieren, wenn verstärkt Symptome auftauchen, für die es keine organische Evidenz gibt.“ Wichtig ist für Wölfl ebenso eine intensivere inter- und multidisziplinäre Zusammenarbeit. In vielen Krankenhäusern gibt es mittlerweile Kinderschutzgruppen und in vielen Regionen Kinderschutzzentren – diese sind auch Anlaufstellen, wenn Ärzte Fragen zu möglichen Symptomen und Auswirkungen sowie zu therapeutischen Möglichkeiten eines sexuellen Missbrauchs haben. Im Kontakt mit Expertinnen und Experten wie Klinischen Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern kann eine gemeinsame Vorgangsweise erarbeitet werden. Bei der interdisziplinären Kooperation geht es für Berger zudem um das grundsätzliche gesellschaftspolitische Anliegen, dass Kinder und Jugendliche nicht als Subjekte wahrgenommen werden, „sondern als eigenständige Personen, die in ihrem Selbstwertgefühl und Mut, auch Unangenehmes offen anzusprechen, gezielt bestärkt und begleitet werden müssen. Einseitige Forderungen nach schärferen Strafen für Sexualstraftäter sind jedenfalls der falsche Weg. Genauso wichtig wie der umfassende Opferschutz ist die Tätertherapie.“
Aber auch bei Ärztinnen und Ärzten und ihren Mitarbeitern können durch die aktuellen Berichte bzw. Patientenschilderungen Verdrängtes oder nicht ausreichend Verarbeitetes auftauchen. „Das kann auch die eigene Wahrnehmung trüben – ein wichtiges Thema für Balintgruppen“, mahnt Wölfl.

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