zur Navigation zum Inhalt
 
Psychiatrie und Psychotherapie 4. September 2008

Suizide im Alter

Internationale Trends belegen wiederholt, dass die Suizidrate unter alten Menschen ab 65 Jahren zur höchsten gehört. Wichtige Risikofaktoren umfassen psychische Erkrankungen, niederen sozioökonomischen Status, das Vorhandensein physischer Erkrankungen, schwierige Lebensereignisse bzw. -bedingungen und soziale Isolation. In Österreich stellen Suizide bei alten Menschen ein Drittel der gesamten Suizidhäufigkeit dar1,2.

Nach Schätzungen der World Health Organization (WHO) nimmt sich weltweit pro Jahr etwa eine Million Menschen das Leben. In Europa suizidieren sich 125.000 bis 150.000 Menschen pro Jahr. Jeder Suizid hat dabei Auswirkungen auf durchschnittlich mindestens sechs andere Menschen. In Österreich wie auch in den meisten westlichen Ländern folgen die Suizidziffern dem „ungarischen Muster“, das heißt, mit zunehmendem Alter steigt die Suizidrate, insbesondere bei Männern, deutlich an.
Im Jahr 2006 haben sich in Österreich 322 Männer und 125 Frauen im Alter über 65 Jahre das Leben genommen. Das Verhältnis der Suizidraten zwischen Männern und Frauen beträgt 1:2,6 – dies entspricht dem europäischen Durchschnitt. In einer Suizid-Studie (siehe Kasten), die sich auf den Raum Wien beschränkt, waren Männer hingegen unterrepräsentiert (1:1,6). Als mögliche Faktoren dafür kommen erhöhte medizinische Behandlungswilligkeit beim Vorliegen psychischer Erkrankungen, größere Akzeptanz zur Psychotherapie und Verbesserung der psychosozialen Versorgung in Wien in Betracht.
Weiterhin hat auch die erfolgreiche Suizidpräventionsarbeit der letzten Jahre zu einer stetigen Abnahme der Wiener Suizidfälle geführt, sodass die Bundeshauptstadt seit dem Jahr 1992 zu den Bundesländern mit den niedrigsten Suizidraten zählt.

Motiv psychische Störung

Ein wichtiger Einflussfaktor für die Suizidalität, der auch bei 43 Prozent der Suizidenten des untersuchten Kollektivs zu finden war, ist die depressive Störung. Der Suizidgefahr in Verbindung mit Depressionen kommt im Alter eine besondere Brisanz zu, weil aus psychischen Erkrankungen resultierende Begleitumstände wie soziale Isolierung und Vereinsamung ältere Menschen zusätzlich schwer belasten können. Körperliche Erkrankungen stellen im Bedingungsgefüge der Suizidalität im Alter einen weiteren Einflussfaktor dar, der auch in über 40 Prozent der hier untersuchten Fälle als Suizidmotiv erhoben wurde.
Im Rahmen körperlicher Erkrankungen treten oft Einbußen der Mobilität und Alltagsbewältigung, Schmerzen, Angstsymptome und Abhängigkeiten auf. Diese lassen nicht selten Gefühle des Kontrollverlustes, der Desintegration und Ausweglosigkeit aufkommen, sodass ein Suizid als Ausweg in Erwägung gezogen oder auch ausgeführt wird. Einer Studie von Cattell und Jolley zufolge wirken sich psychische Störungen stärker als gesundheitliche Beschwerden auf Alterssuizidalität aus. Das Autorenteam kam – in Übereinstimmung mit den Wiener Studiendaten – zu dem Schluss, dass sich unter Suizidenten häufiger Verwitwete, Geschiedene oder Ledige befinden.

Methoden und Abschiedsbriefe

Die Ernsthaftigkeit einer Selbsttötung wird durch die Wahl der Suizidmethode verdeutlicht. Bei den = 65-Jährigen überwiegen die „harten“ Methoden, bei denen fast immer die sichere Todesfolge zu erwarten ist. In diesem Kollektiv wählten 110 Suizidenten (72 %) den Tod durch Sturz aus der Höhe und Strangulation. Auch bei Harwood u. Jacoby werden Erhängen (besonders bei Männern), Erschießen (vor allem in den USA, Australien und Finnland), Sturz aus großer Höhe (vor allem in Hongkong und Singapur) und Ersticken als bei Älteren bevorzugt angewandte Suizidmethoden aufgelistet.
Ebenso wie die Wahl „harter“ Methoden auf mehr Entschlusskraft hinweist, kann das Hinterlassen eines Abschiedsbriefes ähnlich interpretiert werden. Der Prozentsatz der Briefhinterlasser in der Wiener Studie ist mit Daten anderer Publikationen vergleichbar. Salib et al. fanden in ihrer Übersichtsarbeit sogar 33 bis 43 Prozent Briefhinterlasser unter den Suizidenten. Ältere Menschen hinterlassen signifikant häufiger Instruktionen, was mit ihrem Hab und Gut zu geschehen hat, als jüngere.

Fazit für die Praxis

Obwohl in den letzten Jahrzehnten ein allmählicher Rückgang der Gesamtsuizidrate belegt werden kann, steigt die Anzahl der Suizide im Alter weiter an. Einflussfaktoren wie psychische und physische Erkrankungen sowie sich daraus oft ergebende soziale Verluste und Beziehungsprobleme lassen das höhere Alter zu einem besonderen Risiko für suizidale Handlungen werden.

Prof. Dr. Brigitte Eisenwort ist am Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien, tätig

Die Originalarbeit erschien in Rechtsmedizin 2007, DOI 10.1007/s00194-007-0472-9
© Springer Medizin Verlag


Suizide in Wien

In einer dreijährigen Studie des Departments für Gerichtsmedizin und des Instituts für Medizinische Psychologie wurden Suizide in Wien einer genauen Analyse unterzogen.

In der vorliegenden Studie wurde eine fortlaufende Serie von 454 Suizidfällen zwischen Mai 2002 und April 2005 untersucht. 52 Suizidenten waren = 65 Jahre alt, von diesen hinterließen 52 handschriftlich verfasste Abschiedsbriefe. Von 25 der Briefhinterlasser erteilten die Angehörigen die Erlaubnis, die Schriftstücke auszuwerten. Die Daten umfassen neben demographischen Faktoren, Suizidmotiven und -methoden auch vorliegende psychische Erkrankungen und entsprechende ärztliche Behandlungen.
Während offizielle Statistiken lediglich Daten über Alter, Geschlecht und Suizidmethode beinhalten, ist bei obduzierten Suizidfällen neben einer Erfassung demographischer Faktoren auch die Einbeziehung vorhandener Abschiedsbriefe möglich. In Österreich werden 29 Prozent aller älteren Suizidenten obduziert.

Kontakt mit den Hinterbliebenen

Ein oder mehrere Angehörige des Suizidenten wurden im Laufe der ersten drei Monate nach dem Suizid schriftlich kontaktiert und zu einem Gespräch über den Verstorbenen eingeladen. Dem Schreiben wurde ein Informationsfolder des Kriseninterventionszentrums Wien beigelegt. Weiters wurde das Studiendesign erklärt und eine telefonische Kontaktaufnahme angekündigt. Letztere wurde von der Erstautorin durchgeführt. Dabei wurde versucht, die Angehörigen zur Teilnahme an einem Gespräch über den Verstorbenen zu motivieren, und gleichzeitig wurden diese um ihr Einverständnis zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Abschiedsbriefes gebeten.

Interviews mit Hinterbliebenen

Die Gespräche wurden von zwei der Autorinnen unter Supervision der Seniorautorin und einem Psychiater und Psychotherapeuten (Individualpsychologie) durchgeführt. Ziel des Interviews war die Erfassung des Lebensweges des Verstorbenen in einer biopsychosozialen Perspektive, orientiert am Verfahren der „psychologischen Autopsie“.
Die Angehörigen wurden dabei angeleitet, Erinnerungen an den Verstorbenen zu finden und ihre Gefühle auszudrücken. Die Gespräche wurden über weite Strecken nondirektiv geführt. Dabei wurde eine empathische und akzeptierende Beziehungsgestaltung angestrebt. Gegen Ende des Gespräches wurden bis dahin noch nicht angesprochene Themen fokussiert. Die Gesprächsdauer betrug zwischen einer und drei Stunden.
Die Abschiedsbriefinhalte und demographischen Faktoren der Briefhinterlasser wurden für die weitere Bearbeitung in eine Access-Datenbank integriert. Diese ermöglichte die Verwaltung und weitere Analyse der Abschiedsbriefe sowie aller Zusatzinformationen verschiedenster Datenquellen, wie Informationen aus Polizeiakten, Gesprächsprotokollen mit Angehörigen und Obduktionsberichten.

Studienergebnisse

  • Zwei Drittel der 454 Suizidenten waren zwischen 16 und 64 Jahre alt. Die restlichen 152 Suizidenten waren zwischen 65 und 95.
  • 62 Prozent waren männlich, 38 Prozent weiblich. Das Verhältnis von Männern zu Frauen in der Altersgruppe = 65 Jahre betrug 1,6:1, bei den Suizidenten zwischen 25 und 64 Jahren hingegen 2,5:1 und bei den = 24-Jährigen 7:1.
  • Bei 41 Prozent der älteren und nur 18 Prozent der jüngeren Suizidenten (p < 0,001) wurden gesundheitliche Probleme bzw. physische Erkrankungen als Motiv von den Hinterbliebenen oder in den Abschiedsbriefen angegeben. Als weitere Motive wurden bei den = 65-Jährigen psychische Probleme und familiäre Konflikte genannt.
  • Den Angaben Angehöriger oder behandelnder Hausärzte zufolge litten 43 Prozent der älteren Suizidenten an Depressionen. Nur 26 Prozent befanden sich jedoch in psychiatrischer Behandlung.
  • Ältere Suizidenten wählten „harte“ Methoden (Sturz aus der Höhe, Erhängen, Erschießen). Jüngere Suizidenten bevorzugten „sanfte“ Methoden wie Medikamenten-überdosierungen (p < 0,01).
  • Die Themenwahl in den Abschiedsbriefen zeigte einen eindeutigen Zusammenhang mit dem Alter. Das Thema „Hinterlassenschaft“ wurde von = 65-Jährigen signifikant häufiger gewählt (p < 0,01) als von über 65-Jährigen. Die Thematik war signifikant von den Suizidmotiven abhängig (p < 0,01). Beim Vorliegen psychischer Probleme wurde hauptsächlich über Gefühle geschrieben. Hingegen standen bei Suizidenten mit erheblichen physischen Erkrankungen Regelungen der Hinterlassenschaft im Vordergrund.
  • Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

    Medizin heute

    Aktuelle Printausgaben