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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Zugedröhnt in Europa

Wie sieht in der Europäischen Union die Betreuung Drogenabhängiger aus? Wie gestaltet sich die Behandlung in den einzelnen Ländern? Welche Präventionsmaßnahmen setzen die verschiedenen EU-Mitglieder ein, und wirken diese überhaupt? Dieser Artikel gibt nicht nur einen Überblick über die Thematik, sondern nennt auch Zahlen und bringt ein Interview mit der Sprecherin des EU-Gesundheitskommissars in Brüssel.

Einer von fünf erwachsenen Europäern (70 Millionen Menschen) hat Erfahrung mit Cannabis, etwa vier Prozent (zwölf Millionen) mit Kokain und drei Prozent (9,5 Millionen) mit Ecstasy. Die Hauptdroge mit etwa 50 Prozent aller Drogentherapie-Nachfragen sind jedoch Opioide; mehr als 585.000 Opioidkonsumenten haben im Jahr 2005 eine Substitutionsbehandlung erhalten. Nach Angaben der EU-Drogenbeobachtungsstelle gibt es in der EU jährlich bis zu 8.000 Drogentote.

Ambulantes Behandlungsnetz

Haravgi-Nina Papadoulaki, Sprecherin von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou (siehe Interview) schilderte der Ärzte Woche die in der EU üblichen Behandlungsmaßnahmen: So werden für Heroinabhängige Substitutionstherapien angeboten und darüber hinaus für Cannabis-, Amphetamin- und Kokainabhängige spezielle Programme entwickelt. Maßnahmen zur Schadensminimierung zielen vor allem auf die Prävention drogenbedingter Todesfälle und die Eindämmung von Gesundheitsschäden wie etwa HIV- oder Hepatitis-C-Infektionen ab. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Behandlung folgt als nächster Schritt die soziale Reintegration, die allerdings aufgrund der schlechten Lebensbedingungen vieler Drogenkonsumenten schwierig ist.
Die Behandlung von Drogenkonsumenten erfolgt EU-weit meist in ambulanten Einrichtungen und hausärztlichen Praxen. In den letzten Jahren wurden die ambulanten Behandlungsnetze ausgebaut. In mehreren Ländern wie etwa Estland, Griechenland, Litauen und Finnland wurde auch die geografische Reichweite der Netze vergrößert. Die Zahl der stationären Einrichtungen blieb dagegen in den meisten Ländern unverändert. Eine deutlich lückenhafte geografische Abdeckung durch spezialisierte Drogenbehandlungs-Einrichtungen weisen unter anderem Lettland, Ungarn, Rumänien und die Slowakei auf. Wartelisten für die Substitutionsbehandlung gibt es nach wie vor in Griechenland, Ungarn sowie Polen. In anderen Ländern wurden wiederum die pharmakologischen Behandlungsoptionen letztens ausgeweitet, beispielsweise in Malta, wo erstmals die Buprenorphin-gestützte Erhaltungstherapie zugelassen wurde.

Erfolgreiche Programme

Doch wie erfolgreich sind diese Bemühungen? Eine britische Studie (National Treatment Outcome Research Study; NTORS) wurde zwischen 1995 und 2000 durchgeführt, um Behandlungsprogramme zu evaluieren. Positive Ergebnisse waren: reduzierter Drogenkonsum, erhöhte Abstinenz von illegalen Drogen, Verringerung der Kriminalität und Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands. Im Fünfjahreszeitraum wurden jedoch auch einige nicht zufriedenstellende Ergebnisse beobachtet: So wurde etwa beim Crack-Konsum nach einer anfänglichen Verringerung nach vier bis fünf Jahren teilweise ein erneuter Anstieg erhoben. Zudem tranken viele Drogenkonsumenten weiterhin übermäßig viel Alkohol (Gossop et al, 2001).
In Irland wurden 2003 im Rahmen der Research Outcome Study (ROSIE) therapierte Opioidkonsumenten über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren begleitet (Cox et al, 2006). Nach einem Jahr registrierten die Studienautoren Rückgänge beim Drogenkonsum, in der Kriminalität und Mortalität sowie verbesserte physische und psychische Beschwerden.

 Was Drogen die Steuerzahler kosten

Wie gut greifen Präventionsstrategien?

Hinsichtlich der Präventionsstrategien zeigte eine schottische Studie zur Überprüfung einer Kampagne gegen Kokainkonsum (Binnie et al, 2006), dass von den befragten Konsumenten 30 Prozent weniger bereit waren, Kokain zu gebrauchen, nachdem sie die Anzeigen gesehen hatten. Allerdings gaben 56 Prozent an, die Kampagne habe sie nicht von ihrer Kokaineinnahme abgebracht. Immerhin elf Prozent behaupteten, sie seien nun sogar eher zum Kokainkonsum bereit. Andere Kampagnen wiederum setzen nicht nur auf Wissenserweiterung, sondern versuchen auch, die Wahrnehmung des Drogenkonsums zu verändern. So ein niederländischer Versuch, der die Botschaft vermittelte: „Du bist nicht verrückt, wenn du kein Cannabis rauchst, denn 80 Prozent aller jungen Menschen rauchen auch nicht.“ In Irland versucht man hingegen, mit einigen Cannabismythen aufzuräumen – wie beispielsweise den Behauptungen, diese Droge sei „biologisch“ und „natürlich“.

Österreich ist bei der Gemeinschaftsinitiative dabei

Nach Prävention und Behandlung wird ein dritter Faktor in der EU-Drogenpolitik groß geschrieben: die soziale Reintegration. „Nur sie führt zu langfristigen Erfolgen“, betont Papadoulaki, „daher wird dieser Thematik in einigen Ländern zunehmend politische Aufmerksamkeit geschenkt.“ Beispielsweise haben in Dänemark die Ministerien für Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten neue Programme für gefährdete Gruppen aufgelegt und die norwegische Regierung (Norwegen liefert ebenfalls Daten, obwohl nicht in der EU, Anm.) setzt auf eine Strategie zur Prävention und Bekämpfung der Obdachlosigkeit. Dabei rücken messbare Zielsetzungen wie die Reduzierung von Zwangsräumungen und verbesserte Zugänge zu dauerhaftem Wohnraum in den Blickpunkt. Bulgarien, die Tschechische Republik, Griechenland und Slowenien setzen auf strukturierte Reintegrationsprogramme, die allerdings ausschließlich im Anschluss an eine erfolgreich abgeschlossene abstinenzorientierte Drogentherapie angeboten werden – für Patienten, die sich hingegen einer Drogenerhaltungstherapie unterziehen, sind in diesen Ländern derzeit keine spezifischen Reintegrationsmaßnahmen verfügbar. Österreich, Griechenland, Frankreich, Italien, Litauen, Portugal und die Slowakei beteiligen sich darüber hinaus an der Gemeinschaftsinitiative EQUAL zur Förderung von Beschäftigung und sozialer Eingliederung.
Alles in allem sieht Marcel Reimen, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Europäischen Behörde für Drogen und Drogensucht: „Die Behandlung Drogensüchtiger und -abhängiger ist effektiv, wenn sie strukturiert ist, multi-professionelle Teams integriert und ein individuelles Management beinhaltet. Dies ist zwar zeit- und ressourcenaufwändig, aber im Endeffekt kosteneffektiv.“

 Fakten


Interview

Ein Gespräch mit Haravgi-Nina Papadoulaki, Sprecherin von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou.

Die neueste EU-Drogen-Strategie ist voller Vorschläge. So will die EU etwa „die Aktionen der einzelnen Mitgliedsstaaten bei der Verminderung von Drogen-assoziierten Gesundheitsschäden komplementieren“. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Papadoulaki: Ein wesentlicher Aspekt ist der EU-Aktionsplan gegen Drogen 2005–2008. Hier sind sehr genau Ziele, Aktionen, Zeitplan und die Evaluierung dieser Programme vorgeschrieben. Das reicht von der Verbesserung der Koordination zwischen den einzelnen Ländern und der EU über Richtlinien, wie und welche Präventionsprogramme an den Schulen angeboten werden, bis hin zu der Frage, wie man verstärkt Gender-Unterschiede ansprechen kann. Außerdem soll der Zugang zu Behandlungsprogrammen erleichtert und deren Qualität verbessert werden. Dann gibt es noch das EU-Programm für Öffentliche Gesundheit, das Hauptinstrument der Europäischen Kommission, um die europäische Gesundheitsstrategie umzusetzen. Das aktuelle Programm 2003–2008 hat ein Budget von 353,77 Millionen Euro, um Projekte im Bereich von Gesundheitsinformation, Gesundheitsgefahren und Gesundheitsfaktoren zu unterstützen. Bei den Gesundheitsfaktoren liegt der Schwerpunkt auf der Schadensbegrenzung durch Drogenkonsum, vor allem bei Jugendlichen.

Bei allem Respekt vor EU-weiten Aktionsprogrammen – aber ist es in der Praxis nicht so, dass jedes Land seinen eigenen Weg geht?
Papadoulaki: Alle Mitgliedsstaaten haben durch den Rat der Europäischen Union zugestimmt, dass es nationale Strategien und einen oder mehrere Aktionspläne geben soll, die im Einklang mit der EU stehen. Derzeit haben manche Länder sowohl eine nationale Drogenstrategie als auch einen Aktionsplan, manche haben nur eine Strategie und keinen Plan oder umgekehrt, und einige keines von beiden. Doch die Vorhaben der überwiegenden Mehrzahl der Länder sind in Übereinstimmung mit den jeweiligen EU-Konzepten, und die übrigen Mitgliedstaaten werden die entsprechenden Strategien und Pläne zwischen 2007 und 2009 einführen. Grundsätzlich kann man beobachten, dass sowohl die Struktur – eine Strategie und einen oder mehrere Aktionspläne – als auch der Inhalt sich immer mehr an die EU-Pläne annähern.

Gibt es wirklich neue EU-Antidrogen-Strategien?
Papadoulaki: Es sollten bessere Informationen über die neuesten Tendenzen und Muster von Drogenkonsum und Drogenmärkten geben. Im Frühjahr 2008 will die Kommission schließlich ein Arbeitspapier über die EU-Richtlinien und Mechanismen für das Aufspüren und Überwachen und die Reaktionen auf neu entstehende Trends veröffentlichen.

Unger-Hunt, Ärzte Woche 9/2002

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