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Junge Menschen und Gewalt

Zwei junge Männer attackieren grundlos einen Bezirkspolitiker, Jugendliche vergewaltigen Mädchen, filmen die Szene und stellen die Bilder ins Internet ... Gewalt scheint alltäglich geworden zu sein. Damit lebt die Diskussion nach härteren Strafen wieder auf.

 Gewalt
Mangelnde Zuwendung macht Jugendliche aggressiv.

Foto (Montage): Buenos Dias/photos.com / aboutpixel.de _ wir warns nicht .... © maçka

Anfang der 1960er Jahre wurde in Wien die Justizanstalt Mittersteig gegründet, konzipiert für allgemein „schwierige“ Insassen, sogenannte Haftstörer. Unter Justizminister Broda kamen psychisch Kranke, aber zurechnungsfähige Straftäter – nach §21/1 geistig abnorme zurechnungsfähige Rechtsbrecher –, bei denen ohne Behandlung eine hohe Gefahr besteht, dass sie rückfällig werden. Die Anzahl dieser Personen hat sich seit den siebziger Jahren mehr als verdreifacht. Dr. Patrick Frottier, ärztlicher Leiter der Justizanstalt Mittersteig, im Interview über humanen Strafvollzug, und warum das Strafausmaß nicht abschreckend wirkt.

Was versteht man unter humanem Strafvollzug?
Frottier: Humaner Strafvollzug ist an und für sich ein Widerspruch in sich, weil zwischen human und Strafvollzug ein Spannungsverhältnis besteht, das nicht aufzulösen ist. Ein humaner, menschlicher Umgang mit Strafgefangenen bedeutet, dass auf zwei Aspekte Wert gelegt wird: Erstens müssen die Bevölkerung und das Personal möglichst geschützt werden und zweitens müssen optimale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration des Häftlings in die Gesellschaft nach Verbüßung seiner Strafe geschaffen werden. Demgegenüber steht der harte Strafvollzug, der den zweiten Aspekt vernachlässigt und das gesellschaftliche Bedürfnis nach Bestrafung – oder sogar nach Rache – in den Vordergrund stellt und daher abschreckend wirken soll. Wir wissen allerdings, dass harte Strafen vor allem auf jene Menschen abschreckend wirken, die ohnehin nicht straffällig werden.
Human meint nicht nur „menschlich sein“, sondern auch den Straftäter „menschlicher zu machen“; das geht nur, wenn wir ihm eine Rückkehr in die menschliche Gesellschaft ermöglichen. Wir interessieren uns für die Gründe von Straffälligkeit und für die Menschen und geben ihnen ein Umfeld, in dem sie lernen können, dass es sich nicht rentiert, wieder straffällig zu werden. Hier hat ein Umdenken stattgefunden: Noch Anfang der 70er Jahre durften Beamte und Straftäter nicht miteinander reden. Als dieses Verbot fiel, war es natürlich auch für Beamte nicht leicht, mit dieser neue Situation umzugehen, im Laufe der Zeit hat sich aber gezeigt, dass damit die Beziehung zwischen Beamten und Häftlingen verbessert wurde.

Welche Vorteile sehen Sie noch im humanen Strafvollzug?
Frottier: Es ist im Strafvollzug zwar seit langem bekannt und erwiesen, wird aber von manchen politischen Parteien und Teilen der Gesellschaft nicht wahrgenommen, dass der humane Strafvollzug zu einer geringeren Rückfallquote führt. Demzufolge bedeutet Täterarbeit auch Opferschutz. Wenn es mir in der Täterarbeit gelingt, die Straftäter so zu verändern, dass ich die Rückfallzahlen halbiere, senke ich natürlich auch entsprechend die Zahl der Opfer. Eine intensive Betreuung der Täter, soziale Unterstützung und psychiatrische Betreuung senken die Rückfallquote dramatisch.

Welche Straftaten sind die häufigsten, welche von den Mittersteig-Häftlingen begangen wurden?
Frottier: Die überwiegende Anzahl, knapp 40 Prozent, sind Sexual­straftaten, wovon wiederum der Großteil auf Vergewaltigung und pädosexuelle Delikte entfällt. Ein zweiter großer Teil sind schwere Gewaltdelikte – gegen Leib und Leben –, schließlich Raub, Brandstiftung und Betrug. Dass diese Leute nicht in den Normalvollzug kommen, darüber entscheiden zwei Kriterien: die Gefährlichkeit, assoziiert mit der geistigen Abnormität. Darunter versteht man den Abstand zu einem Normal- oder Mehrheitsverständnis, der ausreichend groß ist, sodass Delikt und Persönlichkeit so weit von einem Normalverhalten entfernt sind, dass zu befürchten ist, dass der Straftäter gerade aufgrund dieser Abnormität gefährlich ist. Das heißt, nicht die Umstände waren für die Tat entscheidend, sondern die Persönlichkeit des Täters.

Welche konkreten Maßnahmen werden in der Therapie angewandt?
Frottier: Wir haben am Mittersteig eine Begutachtungsabteilung: Jeder Straftäter Österreichs, der für die Maßnahme vorgesehen ist, kommt zuerst für vier bis sechs Wochen zu uns. In dieser Zeit wird er von Psychologen, Sozialarbeitern und Psychiatern, die ein Gesamtgutachten erstellen, untersucht und befragt. Als zweite Säule haben wir die soziale Funktionssäule mit Hauptaugenmerk auf den sozialen Fertigkeiten. Wir haben viele Häftlinge, die erhebliche Defizite in der sozialen Funktion aufweisen, ohne dass sie an einer hochrelevanten psychiatrischen Erkrankung leiden. Für diese Personen gibt es spezielle soziale Kompetenztrainings und soziale Wohngruppen, in welchen sie lernen, ihren Alltag zu bewältigen. Der dritte Teil umfasst die psychologische Begutachtung, die uns hilft, die Schwere der Persönlichkeitsstörung zu beschreiben und die Therapiefähigkeit und -motivation des Straftäters festzustellen. Darauf basiert schließlich die Therapie, die auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten ist; außerdem haben 50 Prozent ein Alkohol- oder Substanzproblem.

Hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren etwas geändert?
Frottier: In den 80er und 90er Jahren wurden viele schwierige Fälle – Personen, die sich bei gleichzeitig sehr hohem Risiko kaum verändern – in Therapieprogramme eingegliedert, weil das Psychiater vom fachlichen Standpunkt aus betrachtet reizvoll fanden. Das hat sich durch die Möglichkeiten der Kriminalprognose sehr verändert.
Man unterscheidet grundsätzlich drei Gruppen: Leute mit hohem Rückfallrisiko in ein schweres Delikt, mit hohem Rückfallrisiko in ein minderschweres Delikt und mit einem geringen Rückfallrisiko in ein schweres Delikt. Bei der zweiten Gruppe muss man sich überlegen, ob es – auch moralisch – vertretbar ist, so einen Menschen für beispielsweise 20 Jahre im Gefängnis zu behalten. Übrigens: Die Rückfallquote für Personen in der Maßnahme beträgt in Österreich unter fünf Prozent.

Wie könnte die Zukunft für den Strafvollzug aussehen?
Frottier: Das ist immer auch eine gesellschaftliche Frage. In den 70er Jahren ging man davon aus, dass alle Straftäter therapierbar seien. Diese Einstellung hat sich im Laufe der Zeit geändert. Man hat erkannt, dass Therapie alleine nichts nützt, man braucht auch soziale Kontrolle und vieles andere mehr. Spektakuläre Rückfälle von Straftätern – auch in Österreich – untermauerten diese These. In den 90er Jahren wurde daher dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit geschenkt, weniger Häftlinge wurden vorzeitig entlassen. Jetzt gibt es wieder einen Gegen­trend, auch aufgrund der überfüllten Gefängnisse.

Das Interview erschien in voller Länge in psychopraxis 1/08
© 2008 Springer-Verlag/Wien.


Kommentar

Kinder und Jugendliche werden immer mehr frustriert, zu wenig gefördert und zu oft allein gelassen.

 Prof. Dr. Hans-Georg Zapotoczky

Wenn man die täglichen Meldungen in den Medien hört, sieht und liest, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass Aggressivität und Gewalt zunehmen. Ganz sicher ist, dass man Kinder und Jugendliche immer mehr frustriert. Diese ihre Frustration kommt daher, dass zu wenig auf sie eingegangen wird, dass sie nicht gefördert werden, dass man zu wenig mit ihnen spricht, dass sie zu oft allein gelassen werden und insgesamt zu wenig Zuwendung bekommen. Wer macht heute noch Späße mit Jugendlichen? Wer geht ein auf ihre Überlegungen und diskutiert sie mit ihnen?
Auf diese Frustration antworten die Kinder und Jugendlichen mit Aggression. So entsteht das, was wir „Drehscheibe der Gefühle“ nennen. Das bedeutet: Was ich erleide, gebe ich von mir. Das geht über den Weg Frustration und Angst in die Aggression. Diese Drehscheibe ist nur zu stoppen, indem man andere Gefühle hineinbringt. Notwendig wäre eine Kultivierung der Gefühle. Im Grunde sind wir alle Gauner, aber warum werden wir nicht kriminell? Wir haben Kompensationsmöglichkeiten, andere Dinge, die uns dann über vieles hinweghelfen. Glaube ist so ein Gefühl, Vertrauen, aber es mangelt uns an Vertrauen. Es ist so einfach zu sagen: Die Jugendlichen sind aggressiv. Aber was haben wir getan? Mit welchen Frustrationen haben wir die jungen Menschen bedacht?
Ein guter Allgemeinmediziner, der in Kontakt mit den Menschen ist, könnte mit solchen Problemen umgehen. Aber ich fürchte, dass Hausärzte damit gar nicht konfrontiert werden, man geht mit psychischen Problemen nicht zum Hausarzt, und diese sind auch nicht im Psychohygienischen geschult. Das ist ganz schlecht. Der Hausarzt, der ganze Familien kennt, den gibt es leider heute immer weniger. Die momentane medizinische Orientierung ist zu sehr auf State of the Art getrimmt und geht nicht ein auf die Seele der Patienten. Ich hoffe, dass es da eine Kehrtwende gibt.

Mag. Ingo Schlager, Ärzte Woche 19/2008

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