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Psychiatrie und Psychotherapie 11. September 2008

Von Angst und Schmerz nebenwirkungsarm befreit

Auch ohne ärztliche Verschreibung nehmen sehr viele Patienten Sedativa und Schmerzmittel ein. In den Beipackzetteln der Arzneimittel dieser Medikamentengruppen stehen die Warnungen vor Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und sogar Abhängigkeit an prominenter Stelle. Prof. Dr. Sieghart arbeitet zurzeit mit Unterstützung von Chemikern aus den Vereinigten Staaten an der Entwicklung von neuen Medikamenten gegen Angst und Schmerz, die diese unerwünschten Wirkungen nicht haben sollen.

Die Angst ist eine lebensnotwendige Emotion, die dem Menschen hilft, Gefahren zu erkennen und richtig zu reagieren – beispielsweise durch Flucht. Das Angstgefühl kann aber auch völlig grundlos sein und Ausmaße erreichen, die das Leben enorm beeinträchtigen. Es handelt sich in diesen Fällen um Angsterkrankungen, zu denen beispielsweise Zwangsstörungen wie etwa Waschzwang oder Phobien gehören, oder auch die Platzangst.
„Ein Glas Sekt beim Empfang einer Einladung kann dazu beitragen, soziale Ängste abzubauen. Man fühlt sich entspannt und bereit, neue Kontakte zu knüpfen“, schreibt Prof. Dr. Werner Sieghart vom Zentrum für Hirnforschung in Wien, dem Alkohol eine angstlösende Wirkung zu. Und fügt hinzu: „Allerdings sollten es nicht gleich mehrere Gläser Sekt oder Champagner werden, sonst kommt sehr bald die schädliche Wirkung des Alkohols zum Tragen.“

Psychische und medikamentöse Behandlung von Angststörungen

Bei starker Belastung durch Angststörungen oder wenn die Furcht besonders ausgeprägt ist, wie etwa bei Panikstörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder generalisierten Angststörungen, ist der Psychotherapeut oder Psychiater die richtige Anlaufstelle. Neben dem therapeutischen Gespräch und eventuell einer Verhaltenstherapie steht dabei auch die medikamentöse Behandlung im Vordergrund. Seit über vierzig Jahren sind beruhigende Mittel, das heißt Benzodiazepine wie Lexotanil, Valium oder Rohypnol, auf dem Markt. Sie wirken entspannend und reduzieren viele Formen der Angst, sie machen die Patienten allerdings auch müde.

Künstlich hergestellte Rezeptoren

Die Hirnregionen, in denen Angst ausgelöst wird, sind heute weitgehend bekannt. Bei der Entstehung und Verbreitung der Angstreaktion müssen Nervenzellen miteinander kommunizieren und verwenden dabei die Überträgersubstanz Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Es ist dies der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Mittlerweile konnten die GABA-Rezeptoren, welche die Angst beeinflussen, aber auch jene GABA-Rezeptoren, die Müdigkeit auslösen, identifiziert werden. „Nun ist es auch möglich, diese Rezeptoren durch die Einbringung ihrer genetischen Information in tierische und humane Zellen künstlich herzustellen. Wir können somit ihre Funktionen und Reaktionen gezielt untersuchen und besser verstehen lernen. Gegenwärtig geht es darum, Substanzen zu finden, die zwar jene Rezeptortypen ansprechen, die die Angst beeinflussen, jedoch die Müdigkeit auslösenden Rezeptoren inaktiv lassen“, erklärt Sieghart die Strategie. So könnten unangenehme Nebenwirkungen ausgeschaltet werden.

Einfluss auf GABA-Rezeptoren

Auch Schmerz kann über GABA-Rezeptoren beeinflusst werden.Die klassischen Benzodiazepine haben keine offensichtliche Wirkung auf den Schmerz, weil sie viele GABA-Rezeptor-Subtypen gleichzeitig modulieren. Dazu gehören solche, die den Schmerz reduzieren, aber auch andere, die einen gegenteiligen Effekt auslösen. „Gelingt es, mittels neuer Substanzen nur jene Rezeptoren anzusprechen, die den Schmerz reduzieren, dann findet man sehr wohl auch eine direkte analgetische Wirkung. Und das ist genau das, woran wir derzeit arbeiten. In letzter Zeit konnten wir GABA-Rezeptor-Subtypen identifizieren, die chronische Schmerzen lindern. Vermutlich sind es dieselben, die in anderen Hirnarealen die Angst beeinflussen. Es kommt dabei zu keinem Gewöhnungseffekt, wie das bei manchen anderen Medikamenten der Fall ist. Nun soll noch untersucht werden, ob die von uns entwickelten Substanzen, die die betreffenden GABA-Rezeptor-Subtypen noch selektiver ansprechen, tatsächlich auch die neuropathischen Schmerzen verringern können“, berichtet Sieghart.

Ersatz für Opiate

Die Entwicklung derartiger Substanzen könnte also eine komplett neue Basis für neue Analgetika darstellen. Allerdings sind dafür noch weitere Untersuchungen, vor allem direkt am Menschen, erforderlich. Vielleicht könnten diese Substanzen sogar den Einsatz von Opiaten als Schmerzmittel – zumindest teilweise – ersetzen. „Wir wissen jetzt, wie es gehen könnte und wie die derzeit verfügbaren Medikamente verändert werden müssten, um zur gewünschten Wirkung zu kommen. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns“, dämpft Sieghart eine verfrühte Euphorie.

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