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Das Chronic Fatigue Syndrome – eine Modekrankheit?

Die Ursachen des Chronic Fa­tigue Syndromes (CFS) sind unbekannt. Es ist nur schwer von anderen Leiden abzugrenzen. Und es gibt auch keine spezifische Therapie. Das CFS deshalb als Befindlichkeitsstörung oder gar Modekrankheit zu klassifizieren, erscheint jedoch als zu kurz gegriffen.

Mehr als eine Million Menschen in den USA sind am chronischen Müdigkeitssyndrom erkrankt, heißt es aktuell auf der Website der Centers for Disease Control and Prevention, einer Abteilung des US-Gesundheitsministeriums (Quelle: www.cdc.gov/cfs, Abruf vom 18. Februar 2008).
In Deutschland leiden nach vorsichtigen Schätzungen 300.000 Menschen daran. „Manche Experten gehen allerdings von 1,5 Millionen Kranken aus und in Japan soll gar jeder Dritte im arbeitsfähigen Alter von dem Syndrom betroffen sein“, schrieb ein populäres österreichisches Gesundheitsmagazin vor fünf Jahren („Die große Müdigkeit“ in Gesundheit, Heft 02/2002).
1993 hat der amerikanische Ganzheitsmediziner Dr. William Collinge ein Buch veröffent­licht, das sich sogar ausschließlich mit dieser Erkrankung beschäftigt: Recovering from Chronic Fatigue Syndrome – A Guide to Self-Empowerment. Auf Deutsch ist das Werk zwei Jahre später beim Oesch Verlag, Zürich, erschienen, unter dem Titel: Das chronische Müdigkeitssyndrom – Erkennen – lindern – überwinden.
In jüngster Zeit haben das Chronic Fatigue Syndrome und die davon Betroffenen freilich nicht mehr jene mediale Aufmerksamkeit, die dem neuen Krankheitsbild noch vor einigen Jahren zukam. Heißt das, dass es sich beim CFS um eine „Modekrankheit“ handelt, wie es etwa der deutsche Mediziner und Gesundheitsjournalist Werner Bartens in seinem 2003 bei der Droemerschen Verlagsanstalt erschienenen Buch vermutet, unter dem Titel: Was hab ich bloß? – Die besten Krankheiten der Welt?

Keine erfundene Krankheit

Prof. Dr. Harald Aschauer von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH Wien beantwortet die Frage mit einem klaren „Nein“. Nach Beobachtung des Facharztes, der sich mit CFS aus psychiatrischer Sicht beschäftigt, hat die Häufigkeit von chronischer Erschöpfung in den vergangenen Jahren keineswegs abgenommen. „Das Beschwerdebild ist in den 90er Jahren zunehmend häufiger aufgetreten und in jüngerer Vergangenheit nicht seltener geworden“, meint Aschauer. Der Wiener Psychiater gibt allerdings gegenüber den eingangs zitierten wesentlich niedrigere Fallzahlen an. In wissenschaftlichen Untersuchungen sei je nach Quelle von drei bis 20 CFS-Fällen pro 100.000 Einwohner die Rede.

Selten erfüllte diagnostische Kategorie

Dabei ist die genaue Definition des Syndroms entscheidend. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) 2006 beschreibt es in der Kurzversion der Leitlinie Müdigkeit als „rein deskriptive und sehr selten erfüllte diagnostische Kategorie mit vermutlich heterogener Ätiologie“ und merkt zudem an, die Wirkung dieser Etikettierung auf den Patienten sei unklar.
Die diagnostischen Kriterien der DEGAM: Es muss mit zeitlich bestimmbarem Beginn während mehr als sechs aufeinander folgender Monate Müdigkeit ohne erkennbare Ursache bestanden haben, die sich durch Ruhe nicht bessert und Aktivitäten deutlich einschränkt. Außerdem müssen mindestens vier der folgenden Symptome vorliegen:
• gestörtes Kurzzeitgedächtnis/
gestörte Konzentration
• auf Druck schmerzhafte Hals- oder Achsellymphknoten
• Muskelschmerzen
• multiple Gelenkschmerzen
• Kopfschmerzen
• nicht erholsamer Schlaf
• mehr als 24-stündige Abgeschlagenheit nach Anstrengung.
Körperliche und seelische Erkrankungen sowie die Einnahme von Medikamenten, psychotropen Substanzen und Ähnlichem müssen ausgeschlossen sein.

Psychische Erkrankungen ausschließen

Ähnliche Symptome wie bei CFS können unter anderem bei bipolaren Störungen, Schizophrenie, Depressionen mit psychotischen Symptomen, melancholischen Depressionen, Narkolepsie, Essstörungen oder Alkoholsucht auftreten. Aschauer hat für rund hundert Patienten, bei denen ein Verdacht auf CFS bestand, eine psychiatrische Untersuchung durchgeführt. „In mehr als der Hälfte der CFS-Verdachtsfälle lag eine psychische Erkrankung vor, die eine Ausschlussdiagnose für das chronische Müdigkeitssyndrom darstellte“, erklärt Aschauer. Bei einem weiteren Viertel der Betroffenen gab es psychische Begleiterkrankungen zum CFS.

Organische Ursachen

Neben psychischen Erkrankungen sind bei CFS-Symptomen aber auch organische Leiden auszuschließen. In internationalen Studien werden verschiedenste organische Gründe für CFS diskutiert – neben Immun-Fehlfunktionen, Viren- und Pilzinfektionen gelten auch Umweltgifte als mögliche Auslöser. Ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang konnte jedoch bislang nicht nachgewiesen werden. Zudem gibt es keine spezifische Therapie.
„CFS ist auch keine rechtlich anerkannte Berufskrankheit, was etwa dann eine Rolle spielt, wenn Betroffene mit Symptomen eines Chronic Fatigue Syndromes vor Sozialgerichten ihre Berufsunfähigkeit nachweisen wollen“, erzählt Aschauer. Trotz aller Unwägbarkeiten, meint der Wiener Psychiater zusammenfassend, könne jedoch eines zweifelsfrei festgestellt werden: „Wer von CFS-Symptomen betroffen ist, leidet auf jeden Fall an einer gravierenden und qualvollen Störung.“

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 14/2008

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