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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Von 100 auf 0 Zigaretten

Nikotinabhängigkeit ist eine Suchterkrankung. Ob zur Entwöhnung auch Nikotinsubstitution und Medikamente notwendig sind, muss nach Meinung der Experten individuell beurteilt werden.

Hundert Zigaretten pro Tag. So groß war das Inhalationspensum des englischen Steuerberaters Allen Carr. Bis 1983. Dann, so der Brite in seinem Buch „Endlich Nichtraucher“, habe er erkannt, dass Rauchen vor allem ein „Kopfproblem“ sei. Der körperliche „Kick“ durch Nikotin und somit auch die physischen Entzugserscheinungen seien im Vergleich dazu vernachlässigbar.
Folgerichtig setzte sich Carr geistig mit jeder Lebenssituation auseinander, in der Raucher typischerweise zur Zigarette greifen. Mit wirklich jeder – von „Nach-dem-Essen“ und „Während-der-Arbeit“ bis zu „Nach-dem-Sex“ und „Um-Todesnachrichten-besser-zu-verkraften“. Er stellte sich nüchtern der Frage, welche Vorteile der Nikotinkonsum in der jeweiligen Situation haben könnte – fand keinen einzigen und gewöhnte sich nach eigenen Angaben mit dieser Methode das Rauchen rasch ab.
Carrs hier in Kürzestform beschriebene Technik für den Rauchentzug wurde rasch zum nachgefragten Seminarprodukt und sein Nichtraucher-Ratgeber zu einem Weltbestseller. Darin spricht sich der Brite auch dafür aus, keinerlei Versuche zu machen, einen Ersatz zur Hilfe zu nehmen, zum Beispiel Süßigkeiten, Kaugummi usw., vor allem, wenn dieser Notbehelf Nikotin enthält. Des Weiteren schreibt er: „Ich will nicht abstreiten, dass es viele Menschen gibt, die mit solchen Hilfsmitteln das Rauchen aufgaben, doch sie haben es trotz, nicht wegen dieser Mittel geschafft.“

Nikotinersatz notwendig?

DDr. Ada Bettina Bernhard hat andere Erfahrungen gemacht. „Es gibt immer wieder Patienten, die Nikotinersatz oder Medikamente unbedingt benötigen. In diesen Fällen können diese Maßnahmen aber nur eine Ergänzung zu anderen Methoden sein, wie etwa der Verhaltenstherapie“, sagt die ärztliche Leiterin der Rauchentwöhnungsprogramme an der Gesundheitseinrichtung Josefhof am Stadtrand von Graz. Rund zwei Drittel der Teilnehmer erklären allerdings zu Beginn der Kurse am Josefhof, dass sie es ohne Hilfsmittel schaffen wollen.

Nichtrauchen in sieben und in 20 Tagen

Je nach Schweregrad der Abhängigkeit wird am Josefhof „Nichtrauchen in sieben Tagen“ oder „Nichtrauchen in 20 Tagen“ angeboten. Das letztgenannte Angebot wendet sich an echte Kettenraucher. Eben solche, welche die nächste Zigarette am Stummel der aktuellen anzünden.
„In diesen Gruppen finden sich viele, die 60 Zigaretten und mehr pro Tag rauchen. Der Durchschnittskonsum beträgt rund 40 Zigaretten“, sagt Bernhard. Wer teilnehmen will, muss nach dem Fagerström-Test, dem gängigen und einfach zu nutzenden Diagnoseinstrument zur graduellen Einteilung der Nikotinabhängigkeit, als stark abhängig gelten. Weitere Kriterien sind wiederholt erfolglose Abstinenzversuche sowie tabakassoziierte Gesundheitsstörungen, insbesondere COPD oder kardiovaskuläre Erkrankungen.
Die Programme am Josefhof, die gemeinsam mit dem Institut für Sozialmedizin der Universität Wien ausgearbeitet wurden, sind umfassend. „In der ersten Woche darf noch geraucht werden, in der zweiten Woche werden alternative Verhaltensweisen erprobt und in der dritten Woche ist das Schwerpunktthema, wie zuhause Rückfälle vermieden werden können“, gibt Bernhard einen Überblick. Im Detail werden verhaltenstherapeutisches Training, Sport- und Bewegungstherapien, Mentales Entspannungstraining, Biofeedback und Diätetische Beratung angewendet.
Die Erfolgsquote nach einem Jahr liegt bei 48,9 Prozent Nichtrauchern. 32,6 Prozent rauchen signifikant weniger, bei 18,5 Prozent ist der Nikotinkonsum gleich hoch wie zuvor. „In dieser Statistik sind allerdings jene 27 Prozent unserer Teilnehmer nicht enthalten, die zu den Folgeuntersuchungen nicht mehr erscheinen“, schränkt Bernhard ein. Das Entwöhnungsangebot am Josefhof (www.josefhof.at) kann auch auf Kassenkosten in Anspruch genommen werden. Und zwar nach Bewilligung eines entsprechenden Kurantrags von Versicherten der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB), in deren Besitz der Josefhof steht, sowie über die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Bernhard: „In begründeten Einzelfällen können die Kosten unter Umständen aber auch von anderen Versicherungsträgern übernommen werden.“

Ambulante Raucherentwöhnung beim API

Kurse zur Raucherentwöhnung werden auch am Ambulatorium des Anton-Proksch-Institutes (API) in Wien angeboten. Die Patienten, die diese in Anspruch nehmen, sind häufig solche, die beim API auch von anderen Formen der Abhängigkeit, wie etwa Alkohol- oder Drogensucht, entwöhnt werden oder wurden. Nur in Einzelfällen handelt es sich um Patienten, die nur zur Nikotinentwöhnung kommen.
Dabei könne auch Nikotinersatz, speziell in der durch Inhalation verabreichten Form, eine Rolle spielen, sagt Prim. Dr. Brigitte Marx, die Leiterin des Rauchentwöhnungsprogramm: „In seltenen Fällen verschreiben wir ähnlich wie beim Alkoholentzug auch Tranquilizer, doch dies ist nur in sehr geringem Ausmaß notwendig.“ Nicht zuletzt werde auch das zur Rauchentwöhnung angebotene Medikament mit dem Wirkstoff Varenicline von den Patienten „gut angenommen“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. „Diese Arznei ist zwar relativ teuer, aber die Patienten berichten, dass sie insofern wirksam sei, als Zigaretten nach der Einnahme tatsächlich nicht mehr schmecken.“
Bei der Raucherentwöhnung des API stehen jedoch ebenso vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen im Mittelpunkt. So wird mit den Teilnehmern, die zweimal pro Woche in das Ambulatorium kommen, beispielsweise ein „Genusstraining“ durchgeführt. „Da soll herausgefunden werden, wie es ohne Rauchen möglich ist, alltägliche Dinge bewusster wahrzunehmen und zu genießen – von der Freude am Sonnenschein über Sport bis zu Bücher lesen und Musik hören“, erklärt Mag. Gabriele Renoldner, die die API-Raucherentwöhnungskurse als Soziologin und Psychotherapeutin betreut.

Nikotin- und Kompensationsraucher

Außerdem werden die angehenden Nichtraucher angeregt, in einem Raucherprotokoll zu dokumentieren, zu welchen Gelegenheiten und aus welchen Gründen sie dem Nikotin frönen. Natürlich spielt es eine Rolle, welchem Rauchertypus die Nikotinabhängigen angehören. So wird laut Renoldner zwischen den körperlich abhängigen Nikotinrauchern, den psychisch abhängigen Gewohnheitsrauchern und den Kompensationsrauchern unterschieden, die rauchen, um „Gefühle auszugleichen“ – Stress und Trauer ebenso wie Freude.

Gekämpft wird an allen Fronten – und mit allen Mitteln

Die meisten Raucher seien aber ohnehin Mischtypen, so die Expertin. Nikotinersatz und Medikamente sind vor allem dann von Bedeutung, wenn die Betroffenen nach dem Fagerström-Test als stark abhängig einzustufen sind. Renoldner: „Wichtig ist, dass diese Maßnahmen niemals allein ausreichen, um erfolgreich eine Nikotinentwöhnung durchzuführen.“
Allen Carr, der es nach eigenen Angaben auch ohne Nikotinersatz in Form von Kaugummi, Lutschtabletten, Pflastern, Sprays oder Inhalatoren von einem täglichen Konsum von bis zu 100 Zigaretten zu einem rauchfreien Leben geschafft hat, ist im November 2006 im Alter von 72 Jahren verstorben. An Lungenkrebs. Aber, so Carr nachdem die Diagnose gestellt worden war: „Ich bin sicher, dass ich schon vor 20 Jahren gestorben wäre, hätte ich nicht das Rauchen aufgegeben.“

 Fakten

 Fakten

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 9/2002

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