zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 7. März 2008

Der gefährdete Kiffer

„Cannabis kann 20-mal so krebserregend sein wie Nikotin“; „Cannabis kann Krebs hemmen“ und „Cannabis kann Psychosen auslösen“. Das sind drei Meldungen zu der in vielen Industrieländern am weitesten verbreiteten illegalen Droge, die unter Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen in den vergangenen Wochen für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Grund genug, einen Überblick über aktuelle Studien und Expertenmeinungen zu geben.

Die Wirkungen von Cannabis haben allein schon deshalb Relevanz, weil es sich offenbar auch in Österreich um die mit Abstand am häufigsten genutzte illegale Droge handelt. Im Bericht zur Drogensituation 2007 des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen (ÖBIG) heißt es, dass unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren in Österreich 30 bis 40 Prozent Konsumerfahrungen mit Cannabis haben.
Für die Gesamtbevölkerung ab 15 Jahren liegen Daten aus Oberösterreich vor, wo im Jahre 2006 eine entsprechende Befragung bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde. Während 2000 noch 24 Prozent angaben, bereits einmal Cannabis konsumiert zu haben, waren dies in der aktuellen Erhebung bereits 28 Prozent. Was den aktuellen Konsum betrifft, so gaben rund zehn Prozent an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Cannabis konsumiert zu haben.
Jene Konsumenten, die während der vergangenen zwölf Monate nicht nur ein oder wenige Male Cannabis konsumiert haben, sondern täglich Joints inhalieren, müssen offenbar mit einem deutlich erhöhten Lungenkrebs-Risiko rechnen, auch wenn sie ansonsten Nichtraucher sind. Das ist einer neuseeländischen Studie unter Lungenkrebspatienten zu entnehmen, die in der aktuellen Ausgabe des European Respiratory Journal veröffentlicht und in den vergangenen Wochen häufig zitiert wurde (Aldington et al. Eur Respir J.2008; 31: 280-286). Laut der Arbeit geht der Konsum von einem Joint täglich über zehn Jahre oder von zwei Joints täglich über fünf Jahre mit einem etwas höheren Lungenkrebsrisiko einher als der Verbrauch von einer Packung mit 20 Zigaretten pro Tag. Der Einfluss von Kovariablen, die Zigarettenrauchen und vice versa Cannabis-Konsum inkludierten, wurde dabei jeweils statistisch ausgeschlossen. Dass dieser errechnete Zusammenhang nicht den einfachen Rückschluss zulässt, dass ein Joint in Bezug auf Lungenkrebs so gefährlich wäre wie 20 Zigaretten, muss an dieser Stelle nicht näher erörtert werden. Im Original lautet das vorsichtige Fazit der Autoren, dass ihre Studie nahe lege, dass „langjähriger Cannabiskonsum das Risiko von Lungenkrebs bei jungen Erwachsenen erhöht“.

Antikrebswirkung

Aktuellen Datums ist auch eine weitere, zuletzt häufig zitierte Arbeit, die im Journal of the National Cancer Institute veröffentlicht wurde [J Natl Cancer Inst. 2008 Jan 2;100(1):59-69]. Rostocker Forscher berichten dort über die Antikrebswirkung von Cannabinoiden. Der Nachweis, dass Cannabinoide die Invasion von Tumorzellen in das umliegende Gewebe blockieren können, ist freilich nur im Zellkulturmodell gelungen, weshalb die deutschen Wissenschaftler selbst betonen, dass „die Untersuchungen zur Antikrebswirkung von Cannabinoiden das Stadium der experimentellen Forschung noch nicht überschritten“ hätten.

Cannabis als Psychoseauslöser

Etwas älter ist eine Übersichtsarbeit von Dr. Theresa Moore von der University of Bristol und Dr. Stanley Zammit von der Cardiff University in Wales [(Lancet. 2007 Jul 28;370(9584):319-28]. Thema dieser ebenfalls häufig zitierten Metaanalyse von 35 bis zum Jahr 2006 datierten Studien ist der mögliche Zusammenhang zwischen Cannabis und nachfolgend auftretenden Psychosen oder Störungen der psychischen Verfassung. Im Original kommen die Forscher zum Schluss, dass ausreichende Evidenz vorhanden sei, um junge Menschen davor zu warnen, dass Cannabisgebrauch das Risiko einer psychotischen Erkrankung erhöhe. Weiters steige dieses Risiko relativ zur Dosis.
Wer sich zu diesem und anderen Themen rund um die Rauschdroge umfassender informieren will, dem sei das 2004 veröffentlichte Expertenpapier der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) zum Thema: Cannabis empfohlen. In diesem kommen Prim. Prof. Dr. Reinhard Haller und Kollegen zu dem Schluss: „Wissenschaftlich evidente Beweise, dass Cannabis auch eine chronische organische Psychose auslösen kann, liegen nicht vor.“ Allerdings herrsche im Allgemeinen darüber Übereinstimmung, „dass Cannabis kurze psychotische Episoden hervorrufen kann“.

Angst und Konzentrationsdefizit

Weiters heißt es in dem Dokument, das unter www.suchtforschung.at oder www.oegpp.at gratis bezogen werden kann:
„Wissenschaftlich belegt ist das erhöhte Risiko des Auftretens folgender negativer Auswirkungen:
• Ängstlichkeit und Panik, vor allem bei unerfahrenen Benützern.
• Verschlechterte Aufmerksamkeit, Erinnerungsvermögen und psychomotorische Leistungsfähigkeit während der Intoxikation.
• Möglicherweise ein erhöhtes Unfallrisiko, wenn eine Person ein Fahrzeug lenkt, während sie mit Cannabis berauscht ist, vor allem, wenn Cannabis gleichzeitig mit Alkohol konsumiert wird.
• Erhöhtes Risiko psychotischer Symptome bei jenen, die aufgrund ihrer persönlichen oder familiären Krankheitsgeschichte vulnerabel sind.

 Fakten

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 9/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben