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Psychiatrie und Psychotherapie 1. September 2006

Kokainmissbrauch in Wien und in europäischen Metropolen – eine multizentrische Studie

EINLEITUNG: Da in Europa während der letzten Jahre ein stetiger Anstieg des Kokain und Crackkonsums beobachtet werden konnte, wurde im Rahmen einer multizentrischen Querschnittuntersuchung der Missbrauch dieser Substanzen in verschiedenen Zielgruppen erhoben. Die Studie wurde an der Universitätsklinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Wien und neun weiteren europäischen Städten durchgeführt.

METHODEN: Die Daten wurden mittels strukturierter Interviews erhoben. Insgesamt wurden 211 KokainkonsumentInnen befragt, wobei diese einer von drei Zielgruppen zugeteilt wurden: (1) der Behandlungsgruppe (BG), die sich zum Zeitpunkt der Befragung in Opioiderhaltungstherapie befand, (2) der marginalisierten Szenegruppe (SG) oder (3) der sozial integrierten Partygruppe (PG). Neben soziodemographischen Daten wurden monatliche Ausgaben für Kokain/Crack, das Konsummuster, wie auch körperliche und psychische Gesundheit erhoben als auch Fragen zur Selbsteinschätzung den eigenen Kokainkonsum betreffend. Zudem wurden toxikologische Analysen hinsichtlich der Veränderung des Kokainkonsums in der BG als Indikator herangezogen.

ERGEBNISSE: Von den drei Zielgruppen war die Szenegruppe mit durchschnittlich 29,35 Jahren die älteste und wies innerhalb des letzten Monats die höchste Arbeitslosigkeit (im Mittel 25,11 Tage) und die längste Dauer des Kokainkonsums (im Mittel 5,80 Jahre) auf. Im letzten Monat hatten sie den höchstfrequenten Kokainkonsum mit durchschnittlich 22,32 Tagen und verbrauchten durchschnittlich 1969 Euro/Monat für den Erwerb. Die Behandlungsgruppe hingegen hatte mit durchschnittlich 10,36 Jahren die geringste Schulbildung, wohingegen die Personen der Partygruppe am jüngsten waren (durchschnittliches Alter 25,64 Jahre), am wenigsten für die Beschaffung des Suchtgiftes ausgaben, immerhin aber durchschnittlich 588,99 Euro/Monat, und die schlechteste Selbsteinschätzung durch die Kokain- bzw. Crackproblematik abgaben. Über den Zeitraum von 1996–2002 findet man zudem in der Analyse kokain-positiver Harnanalysen bei PatientInnen in einer Opioiderhaltungstherapie (BG) einen signifikanten Anstieg (1996: 33,1%; 2002: 40,2%; p = 0,044).

DISKUSSION: Der europäische Trend des steigenden Kokainkonsums bestätigt sich auch in Wien. Eine der größten Schwierigkeiten in der Behandlung dieser Substanzabhängigengruppe besteht darin, die betroffene Population zu erreichen. Als Hauptcharakteristikum der KokainkonsumentInnen ist das häufige Auftreten eines polytoxikomanen Substanzmusters zu nennen, wobei diesem Aspekt in der Behandlung eine wesentliche Rolle zukommen sollte (SG u. BG – Zusatzkonsum von Heroin und Benzodiazepinen; PG – Zusatzkonsum von Alkohol). Die Wiener Ergebnisse spiegeln im Wesentlichen die europäische Situation wieder, jedoch stellen Crack-Konsum und Binge-Abusus, im Vergleich zu beispielsweise Hamburg oder London, in Wien derzeit kein vorrangiges Problem dar.

Andjela Bäwert, Nicole Primus, Reinhold Jagsch, Harald Eder, Margarete Zanki, Kenneth Thau, Gabriele Fischer, Wiener klinische Wochenschrift

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