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Das psychische Immunsystem

Gefühle beeinflussen uns in jeder Sekunde, aber erst wenn wir uns für sie öffnen und ihre Botschaften verstehen, kann unser Leben wirklich gelingen. Deswegen ist es so wichtig, sich im täglichen Leben vor „Energiesaugern“ zu schützen, vor allem aber, sie zu erkennen.

Ähnlich wie wir unser Immunsystem mit Vitaminen stärken, gilt es, die Psyche durch gezieltes Mental- und Humortraining zu immunisieren. Ziel ist es, das Bewusstsein für die Komik im Alltag zu sensibilisieren und Humor zur Lebenserleichterung anzuwenden. Das wirkt bei Stress wahre Wunder, denn in Panik gelingt sowieso nichts.

Großer Druck im Berufsleben

Gerade Ärzte müssen heute einem enormen beruflichen Druck standhalten. In den Kliniken herrschen oft unzumutbare Arbeitsbedingungen. Ärzte fühlen sich ausgebeutet, überfordert und ausgebrannt. Darüber wird aber viel zu selten geredet. Und wenn, dann eher auf der Sachebene und nicht auf der persönlichen. Niedergelassene Ärzte müssen ihre Praxis zu einem leistungsorientierten medizinischen Betrieb machen, um wirtschaftlich überleben zu können und die Arbeitsplätze ihrer Angestellten zu sichern. Und dazu kommen dann noch persönliche Belastungen und Schwierigkeiten, mit denen sich der Arzt konfrontiert sieht, auf die er aber in seiner Ausbildung nicht vorbereitet wurde. Studenten werden an der medizinischen Fakultät einer Universität nicht dazu ausgebildet, Führungskraft zu sein oder gar mit emotionalen Belastungen und „Energiesaugern“ umzugehen.
Gestatten Sie mir eine Frage: Werden Sie oft enttäuscht? Wenn ja, dann überprüfen Sie doch einmal Ihre Lebenseinstellung, denn 99 Prozent unserer Erwartungen sind unrealistisch, ja wir merken nicht einmal, dass es sich um solche handelt. Wir gehen ganz einfach davon aus: Es wird das eintreffen, was wir uns erwartet haben, und wir verteidigen sogar noch diese Sichtweise – oft mit heftigen Emotionen und Gefühlen. Ohne falsche Erwartungen können wir uns auf Menschen viel besser einlassen. Wir werden von ihnen weniger verlangen, ohne dass sie uns dabei gleichgültig sind. Menschen können oder wollen nicht immer das tun, was wir von ihnen erwarten. Wir könnten uns dadurch viele Enttäuschungen ersparen, die die beste Garantie für ein unglückliches Leben sind.

Wenn Ärzte zu Patienten werden

Menschen in medizinischen Berufen unterliegen oft sehr extremen physischen, sozialen und emotionalen Belastungen. Und gerade Ärzte, die doch als starke Vorbilder in der Gesellschaft angesehen sind, werden oft plötzlich selbst krank und erleben dann genau das, was sie von ihren Patienten her kennen, nämlich Verzweiflung, Wut, Schmerz und vor allem das Gefühl der Ohnmacht. Der „kranke Arzt“ bräuchte dann dringend Hilfe beim Annehmen seiner Krankheit und muss schmerzlich erfahren, dass auch er, körperlich oder seelisch, krank sein kann. Denn ein Arzt ist kein „Übermensch“. Das Selbstbild des Arztes, aber auch wie er von der Gesellschaft wahrgenommen wird, verlangt nach dem „Übermenschen“. Daher sind Gedanken wie „Ich kann nicht mehr“ oder „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“ fast unmöglich. Und das würde auch dem, was Ärzte während des Studiums und in der Ausbildung gelernt haben, absolut widersprechen. Der stets Verantwortung übernehmende Arzt, der ein gesunder Mensch ist, der den Trost und Hilfe suchenden, schwachen Kranken hilft, ist tief in der Vorstellung der Gesellschaft verwurzelt. So geht es überhaupt Menschen in Führungspositionen, die täglich Entscheidungen fällen und permanent Stärke zeigen müssen. Und dann, wenn sie plötzlich erfahren, dass sie krank sind, bricht für sie ihr oft über lange Zeit aufrecht erhaltenes Selbstverständnis zusammen. Eng verbunden mit der Krankheit ist dann eine tiefe persönliche Krise.
Eine Erwartungen ist nur dann realistisch, wenn Ihnen klipp und klar ist, dass es eben eine Erwartung und noch keine Wirklichkeit ist. Wir verfallen aber immer wieder demselben Fehler, unsere Gedanken bereits als Wirklichkeit zu sehen. Und diese Diskrepanz bezahlen wir teuer: Selbstzweifel, Partner- und Familienkonflikte, Stress, Mobbing, Angst und Depressionen sind die Folge. Unrealistische Erwartungen ändern den „nervenden“ Arbeitskollegen, den „schwierigen“ Partner oder das „lieblose“ Kind auch nicht. Mit etwas Einfühlungsvermögen aber spüren Sie selber, wo etwas getan und verändert werden kann.
Versuchen Sie doch einmal, das Leben mit mehr Humor zu gestalten und nehmen Sie Ihre Mitmenschen öfter mit einem toleranten Augenzwinkern eben so, wie sie sind. Dadurch bauen Sie eine wunderbare Brücke zwischen Ihren Erwartungen und der Realität, ohne dabei als „Verlierer“ dazustehen, und Sie reduzieren vor allem auch Ihre Möglichkeiten, enttäuscht zu werden. Ich garantiere Ihnen, es lohnt sich.

Dr. Andreas Kienzl ist niedergelassener Humortherapeut, Coach und Dipl. Lebensberater in Baden.

Der Originalartikel erschien im Zahn-Arzt 01/08

Dr. Andreas Kienzl, Ärzte Woche 7/2008

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