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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Sucht ist der Krebs der Seele

Als wir uns aufgrund der entmutigenden Drogenberichte überlegten, einen Schwerpunkt zum Thema Sucht zu gestalten, gab es auch warnende Stimmen zu diesem „ziemlich sperrigen Thema“.
So wurde schon zu Beginn dieses Fokus klar, welche Rolle unsere Gesellschaft den Abhängigkeitserkrankungen zuweist. Nur nicht anstreifen, und schon gar nicht zugeben, wenn es einen persönlich betrifft. Dabei ist das Problem ubiquitär anzutreffen: Mehr als eine Million Österreicher betreibt Alkoholmissbrauch oder ist sogar alkoholabhängig. Aber süchtige Menschen sind Meister der Verschleierung, und so versteckt sich die Sucht jahrelang in den Tiefen der Privatsphäre. Das erinnert an ein Krebsgeschwulst, dass lange verborgen wuchert, jedoch immer mehr Raum fordert und letztlich schmerzvoll zutage tritt. Suchterkrankungen agieren ähnlich, infiltrieren peu à peu die Psyche und halten schließlich die Seele fest im Griff. Selbst die Substanz-ungebundenen Abhängigkeiten, die den Körper nicht direkt schädigen, führen über Umwege zu physischen Symptomen. Soziale Isolation, Depressionen, Verwahrlosung und ein tiefer Selbsthass sind die Stationen auf diesem Weg.
Doch nun steht in der Behandlung von Abhängigkeiten ein Paradigmenwechsel bevor. Die Sucht wird nicht mehr als ein isoliertes Ereignis wahrgenommen, sondern im Kontext mit ihren Komorbiditäten therapiert. Aber selbst wenn die Suchtkrankheit besiegt werden konnte, bleibt – wie auch beim Krebs – die lebenslange Angst vor einem Rezidiv.
Um Abhängigkeiten medizinisch und gesellschaftlich effektiv zu begegnen, müssen sie zunächst aus dem Graubereich des Tabus geholt werden. Es ist dem Team der Ärzte Woche daher ein Bedürfnis gewesen, dieses unbequeme Thema aufzugreifen und hierfür auch die ausgetreten Hauptpfade der medizinischen Berichterstattung zu verlassen, um über einen Problemkreis zu berichten, der alle Ärztinnen und Ärzte angeht.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 9/2002

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