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Psychiatrie und Psychotherapie 5. September 2007

Lebenslust statt Depression

„Lebenslust statt Depression“ ist ein Projekt, das die Stadt Wien ins Leben gerufen hat, um zu verhindern, dass depressive Menschen sich das Leben nehmen. Die Betreiber wollen damit nicht nur die Betroffenen erreichen, sondern auch Stigmatisierung und Vorurteile in der Bevölkerung abbauen. Darüber hinaus soll auch der Informationsaustausch zwischen den Helfern forciert werden.

Neuere Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation unterstreichen die Bedeutung von Depressionen in den Industrieländern. Berücksichtigt man die Schwere der Beeinträchtigung und die Dauer der Erkrankung, liegt sie sogar vor allen anderen körperlichen und psychiatrischen Krankheiten an erster Stelle. Etwa jeder fünfte Mensch leidet einmal in seinem Leben an einer Depression. Dennoch wird die Depression in der Öffentlichkeit oft nicht als Krankheit verstanden und ist mit vielen Missverständnissen behaftet. Ein besonderes Problem der Erkrankung ist darüber hinaus, dass sie sich vielfach ganz anders äußert, als angenommen wird. Neben den seelischen Beschwerden treten oft auch vielfältige körperliche Symptome (etwa Rücken- und Gelenksschmerzen, Verdauungsstörungen) auf, welche die Depression gleichsam maskieren können.

Suizidgefahr erhöht

Im Gegensatz zum Phänomen der niedergedrückten Stimmung kommt es bei einer Depression im klinischen Sinne zu einem lang anhaltenden tiefen seelischen Schmerz, der die Teilnahme am Alltagsleben verhindert. Mit zunehmender Dauer der Erkrankung reagiert das soziale Umfeld häufig mit Hilflosigkeit und Ablehnung. Obwohl effiziente Behandlungsmöglichkeiten existieren, bleibt ein Großteil der Betroffenen ohne adäquate Therapie: Es wird geschätzt, dass nur etwa 50 Prozent der Depressionen diagnostiziert und nur etwa ein Viertel adäquat behandelt wird. Dies ist hauptsächlich auf fehlendes Wissen, eine ablehnende Haltung des sozialen Umfelds und stigmatisierende Einstellungen zurückzuführen. Menschen mit Depressionen schämen sich, trotz steigendem Leidensdruck, professionelle Hilfe aufzusuchen. Unzureichend behandelte Depressionen stellen aber den größten Risikofaktor für Suizid dar.
Die Aufklärung der Öffentlichkeit erscheint vor diesem Hintergrund wichtig, um das Wissen und die Einstellungen in der Bevölkerung als auch bei den Behandelnden zu modifizieren, da diese einen grundlegenden Einfluss darauf ausüben, wie mit der Erkrankung Depression umgegangen wird, und ob eine Behandlung aufgesucht wird.

Unterstützung namhafter Experten

Der Wiener Gemeinderat hat Ende 2006 die Umsetzung und Finanzierung des rot-grünen Wiener Projekts „Lebenslust statt Depression“ einstimmig beschlossen. Ein namhafter Expertenbeirat sorgt zusätzlich für inhaltliches Know-how. Das Projektmanagement wurde von der Medizinischen Universität Wien übernommen. Um Qualitätssicherung zu garantieren und international vergleichbar zu agieren, ist die Stadt Wien dem Österreichischen Bündnis gegen Depression und somit auch der European Alliance Against Depression beigetreten (www.eaad.net).
Sinn und Zweck des Projekts ist einerseits, die Entstigmatisierung psychiatrischer Patienten voranzutreiben, und andererseits, Professionellen, Betroffenen und Angehörigen eine Plattform für Informationsaustausch zu bieten. Die Kampagne soll Fortbildungen von Fachkräften und Multiplikatoren (Pädagogen, Seelsorger, Beamte der Wiener Polizei, Allgemeinmediziner etc.) sowie direkte Information der Bevölkerung und Vernetzung der Hilfe für Betroffene und ihre Angehörigen leisten.
Seit März 2007 ist die Wiener Homepage als regionale Homepage des Österreichischen Bündnisses gegen Depression online (www.buendnis-depression.at). Die Homepage informiert über die Krankheit sowie über Aktivitäten und Veranstaltungen, die im Rahmen der Kampagne durchgeführt werden.

Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin; Universitätsklinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Wien.

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