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Schwangere Männer

Das Couvade-Syndrom leitet sich von einem alten Ritual ab. Heute bezeichnet es eine Häufung von Beschwerden, die normalerweise Schwangere plagen, in diesem Fall aber auch deren Partner heimsuchen.

 Schwangere Männer
Zu empathische Männer fühlen mit und leiden.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Männer, welche die Mühsalen einer Schwangerschaft hautnah erleben, schicken nicht selten ein Stoßgebet zum Himmel und danken, dass ihnen das zumindest nie passieren kann. Tatsächlich kann man es aber auch mit der Empathie übertreiben, erklärt Prof. DDr. Hans-Peter Kapfhammer von der Klinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Graz in dem Fachmagazin Info Neurologie & Psychiatrie (1, 2007, 32). Wenn werdende Väter plötzlich Übelkeit, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Gewichtszunahme, Entwicklung spezieller Nahrungsvorlieben und weitere Symptome ihrer schwangeren Frauen teilen, dann könnte ein Couvade-Syndrom vorliegen: als Zeichen einer konfliktreichen Anpassung an die Schwangerschaft und an die künftige Vaterrolle. Die Symptome konnten in zahlreichen empirischen Stu­dien nachgewiesen werden und treten vor allem im dritten Schwangerschaftsmonat auf. Im Normalfall verschwinden sie dann wieder, können aber in Extremfällen bis nach der Geburt andauern und bei späteren Schwangerschaften wieder auftreten.
Schuld daran könnten psychische und physische Prozesse sein, die im Laufe der Gravidität aktiviert werden. Aber auch soziale Umbrüche einer modernen Gesellschaft können sich auswirken, etwa wenn klare Rollendefinitionen und Aufgabenverteilungen zugunsten einer Selbstverwirklichung zunehmend weichen müssen.

Frühe Konflikte

Im psychologischen Kontext ist die Zeit der Schwangerschaft auch vom Übergang zur Elternschaft und von der Geburtsvorbereitung geprägt. Es können in dieser Phase modellhafte Kind-Eltern-Erfahrungen aus der eigenen frühen Entwicklung sowie alte biographische Konflikte revitalisiert werden. Bei vielen betroffenen Vätern konnte eine übermäßige Besorgtheit hinsichtlich der Verletzlichkeit des ungeborenen Lebens nachgewiesen werden. In jenen Fällen macht Kapfhammer insbesondere die fehlende Beziehung zum eigenen Vater in der Kindheit als Risikofaktor für die Entwicklung eines Couvade-Syndroms geltend: „Auf der anderen Seite findet sich bei den Patienten überrepräsentiert eine besonders enge Mutterbindung, was vor allem bei fehlenden oder unzuverlässigen Kontakten mit dem Vater während der frühen Entwicklungsjahre auf eine beeinträchtigte Trennung und Individuation von der Mutter hinweisen könnte.“ Manche Männer empfinden aber auch einen „Gebärneid“ und sind in ihrem Narzissmus gekränkt, da ihnen die Natur verbietet, ein Kind zu gebären.
Interessanterweise treten bei werdenden Vätern auch biologische Veränderungen ein, die freilich nicht so deutlich zutage treten wie bei der Mutter. Aber auch bei den zukünftigen Vätern konnten neuroendokrine Prozesse beobachtet werden, die auf die Vaterrolle und die Beziehung zum Baby vorbereiten könnten. Dabei werden, so Kapfhammer, die mobilisierten Affekte nicht selten vorrangig über körperliche Symptome ausgedrückt, während die zugrunde liegende Problematik weiterhin in der Tiefe des Unbewusstseins verborgen bleibt.
Ein psychosomatisches Geflecht, das wissenschaftlich ziemlich spät untersucht wurde, denn die komplexe Vater-Kind-Beziehung wurde bisher v.a. aus der Perspektive des Kindes beschrieben. Dadurch wurden die fördernden oder labilisierenden Einflüsse auf den Vater von den Forschern kaum wahrgenommen. Aufgesuchte Ärzte aber bagatellisieren diesen Prozess oder sie packen die Kanonen aus, um damit die Tauben zu beschießen. Die Folge sind falsche Diagnosen und aussichtslose – oft kostspielige – Maßnahmen. Den Bezug zur Schwangerschaft und somit die psychosomatische Natur der Beschwerden erkennen nur wenige.
Kapfhammer empfiehlt, die Patienten nicht ausschließlich unter psychopathologischen Gesichtspunkten zu beurteilen. So genüge es häufig schon, zur Beschwerdelinderung den „schwangeren Vätern“ ihre Symptome als Ausdruck ihrer emotionalen Beteiligung an der Geburt vor Augen zu führen und sie für das bevorstehende Ereignis vorzubereiten.
Das Couvade-Syndrom leitet sich ursprünglich von einem gleichlautenden alten präindustriellen Ritual ab. Dabei ahmte der zukünftige Vater die Geburtswehen nach, legte sich häufig mit Frauenkleidern ins Bett, wo er die verbleibenden Tage bis zur Geburt verbrachte.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 40/2007

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