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Psychiatrie und Religion: Der Teufel steckt im Detail

Erstmals im deutschen Sprachraum hat sich ein großer wissenschaftlicher Kongress dem Stellenwert der Religion in der Psychiatrie und Psychotherapie gewidmet. Veranstaltet von den beiden Grazer Universitätskliniken für Psychiatrie und Medizinische Psychologie der Karl Franzens Universität, bot der Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ im Oktober ein umfangreiches Programm mit zahlreichen Symposien, Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträgen. Die Anwesenheit von mehr als 1.200 Vertretern aus Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie, Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie zeugte von dem regen Interesse, das dem Thema Religion heute in interdisziplinären Debatten entgegengebracht wird.

Vor allem in den USA wird Religiosität seit längerem als gesundheitsförderndes Moment und Schutzfaktor im Hinblick auf eine Reihe chronischer Erkrankungen erforscht und dargestellt. Im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie erscheint das Thema besonders vielschichtig: Einerseits können psychische Erkrankungen wie Schizophrenie zu religiös geprägten Wahnideen führen, andererseits wurde der therapeutische Diskurs lange von einer Freudianischen Haltung geprägt, wonach religiöse Erfahrung als Folge einer regressiven, infantilen Neurose aufzufassen sei.
Auf dem Grazer Kongress wurde nun die These des protektiven Effekts von Religiosität auch in der Psychiatrie anhand von rezenten Studien erhärtet, die in den 20 höchstdotierten (nach Impact Faktor) medizinischen Journals publiziert wurden. Fast alle Studien weisen darauf hin, dass Spiritualität und Religiosität einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf von psychischen Krankheiten haben. Ganz besonders gilt dies für Angst-, Depressions- und Suchterkrankungen. Religion sei für viele Patienten zwar ein bedeutendes Thema, in der Psychiatrie werde dieses aber oft noch zu wenig beachtet, wie Prof. DDr. Hans Peter Kapfhammer, Klinikvorstand der Psychiatrie in Graz, kritisch bemerkte.

Unerwartete Debatten und ein „Wissenschaftsskandal“

Dass die Veranstalter bereits im Vorfeld des Kongresses so viel Resonanz provozierten, wurde allerdings nicht erwartet. Die Programmankündigung hatte dazu geführt, dass kritische Medien auf den Plan gerufen wurden und sich das öffentliche Interesse auf „hot topics“ konzentrierte, weshalb selbst das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel von einem „brodelnden Wissenschaftsskandal“ in Österreich berichtete.
Für Aufregung hatte zunächst ein geplanter Workshop zur „ichdystonen Sexualorientierung“ gesorgt, deren Leiter sich als Vorsitzender einer evangelikal geprägten deutschen Organisation entpuppte, die sich als Ableger der US-amerikanischen fundamentalistischen „Desert Stream Ministries“ unter anderem der „Heilung“ von Homosexualität verschreibt. Aufgrund der emotionalisierten Debatten wurde die Veranstaltung schließlich abgesagt. Aber auch die Auseinandersetzung mit „Besessenheit jenseits der Psychose“ sorgte für Befremden, denn in der Ankündigung eines Workshops war von einer „übernatürlichen Ursache“ psychischer Symptome die Rede, welche durch Therapieresistenz gekennzeichnet seien und gemäß den kirchlichen Evangelien „als dämonische Angriffe auf einzelne Menschen erkannt werden können“. Die Veranstaltung war ein Beitrag jener kirchlichen Kreise, die den Exorzismus nach wie vor praktizieren, einer der Workshopleiter war Larry Hogan, tituliert als „Exorzist der Erzdiözese Wien“.
Die programmatisch eingeplante Gegenthese seitens der Psychiatrie vertrat Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber, Universität Inns­bruck, der Besessenheitsphänomene aus naturwissenschaftlicher und kulturanthropologischer Sicht beleuchtete. „Die archaischen Lehren einer ausufernden Dämonologie können dem Kranken bei psychotisch bedingter Ich-Störung die subjektive Gewissheit der Besessenheit vermitteln“, so Hinterhuber. Dass bei diesem Workshop die Diskussionsleitung entglitt und sich eine kleine Minderheit der Teilnehmer ihn diktierte, ist zu beklagen. Zu der von den Veranstaltern angestrebten „offenen und kritischen Diskussion“ von Religion und Naturwissenschaft kam es jedenfalls nicht.

Themen leider überschattet

Dieser Dialog, der heute als überaus lohnendes Unterfangen gilt, wird sicherlich fortgeführt werden. Schade ist letztendlich, dass das große Anliegen und das durchaus vielseitige Themenspektrum des Grazer Kongresses von einer religiös-fundamentalistischen Tendenz teils überschattet wurden.

 

Meinung

Der zornige Wolf und das wehrhafte Schaf.

von Raoul Mazhar
Stv. Chefredakteur

Einst schrieb Arthur Schopenhauer: „Denn Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im selben Kopfe: Sie sind darin wie Wolf und Schaf in einem Käfig, und zwar ist das Wissen der Wolf, der den Nachbar aufzufressen droht.“
Gegenwärtig liefern sich Schaf- und Wolffraktion nach langem friedlichen Nebeneinander wieder einen Schlagabtausch. Die Kreationisten fordern vehementer denn je, ihre Auslegung von der Welterschaffung möge in Bildungseinrichtungen gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie gelehrt werden. Sie vertreten das Modell des Intelligent Designs, das mit pseudowissenschaftlichen Methoden eine schein-akademische Basis für die biblische Schöpfungsgeschichte errichten will.
Das ruft freilich streitbare Gelehrte auf den Plan – etwa Richard Dawkins von der Universität Oxford. Der heute bekannteste Evolutionsbiologe ist Leitfigur all jener, die das Attribut „gottlos“ keineswegs als Schande empfinden. In seinem Buch Der Gotteswahn treibt er seine Thesen auf die Spitze, irritiert aber auch seine Anhänger. Denn gerade einem (Vor)-Denker wie Dawkins nimmt man polemische Ausritte besonders krumm – etwa wenn er Religionserziehung mit Kindesmissbrauch vergleicht. Allerdings sollte sich der europäische Leser bewusst sein, dass er nicht zur unmittelbaren Zielgruppe zählt: Besonders hitzig wird die Debatte ja in den USA geführt und dort verteidigt der scharfzüngige Biologe humanistische Ideale besonders verbissen. Dawkins argumentiert vor allem überzeugend, wenn er den religiösen Monopolanspruch auf die Moral infrage stellt. Der Mensch brauche keinen Gottesglauben, um richtig oder falsch zu unterscheiden, betont er. Aber wie ist das mit der Spiritualität, brauchen wir die auch nicht? Um dies zu beantworten, lohnt ein Blick in die Heilkunde: Die Medizin des letzten Jahrhunderts wendet sich „Evidence based“ besonders den Organsystemen zu und vernachlässigt bisweilen die Seele ihrer Patienten. Das eröffnet eine Nische für Methoden, die wenig wissenschaftliche Tradition besitzen, dank des vermittelten Spiritualismus aber Selbstheilungskräfte freisetzen, wie es die rein medikamentengläubige Medizin kaum vermag. Blicken wir erneut auf Schopenhauers Metapher, so muss das Schaf wohl irgendeinen Überlebensvorteil haben, sonst wäre es längst ausgestorben. Damit wären wir aber wieder bei der Evolutionsforschung.

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