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Erste Hilfe für die Seele

In einem Maßnahmenpaket fordern Experten die Umsetzung eines nationalen Aktionsplans, der eine umfassendere Ausbildung der Ärzte, Prävention, Entstigmatisierung und flexible Arbeits- und Grundsicherungsmodelle regelt.

„Jeder vierte Österreicher leidet mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung, und mittlerweile sterben in Österreich mehr Menschen durch Suizid als Folge psychischer Erkrankungen, als bei Verkehrsunfällen“, sagte Doz. Prim. Dr. Werner Schöny, ärztlicher Direktor der ober­österreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg und Obmann von pro mente Austria, anlässlich einer Pressekonferenz mit dem Motto: Keine körperliche Gesundheit ohne mentale Gesundheit.

Hohe Suizidalitätsrate

„Psychische Erkrankungen sind im Allgemeinen gut behandelbar, werden aber meist zu spät diagnostiziert und häufig nur medikamentös behandelt“, berichtete Schöny. „Erschreckend ist der dramatische Anstieg des Suizidverhaltens bei Jugendlichen. Von 1950 bis 1995 ist die Suizidrate um 60 Prozent gestiegen.“
„In Österreich sind jährlich rund 8.000 Menschen von psychischen Leiden betroffen, das Durchschnittsalter beträgt 40 Jahre“, informierte Prof. Dr. Karl Dantendorfer, Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien und Obmann von pro mente Wien. Der volkswirtschaftliche Schaden ist groß: Psychische Leiden verursachen jährlich Kosten von 7,16 Milliarden Euro. Der größte Anteil ist auf Arbeitsausfälle und Frühpensionen zurückzuführen. Frühpensionen als Folge psychischer Erkrankungen sind mittlerweile an die zweite Stelle nach den Erkrankungen des Bewegungsapparates gerückt.

Nur ein Bruchteil der Kosten

„Für die Prävention wird mit 5,8 Prozent des Gesundheitsetats nur ein Bruchteil dessen ausgegeben, was an Kosten anfällt“, kritisierte Dantendorfer und forderte die Umsetzung sozialer und medizinischer nationaler Aktionspläne. In den Aktionsplänen sollen eine umfassendere Ausbildung der Ärzte, Präventionsmaßnahmen und flexible Arbeits- und Grundsicherungsmodelle geregelt werden, sind sich alle Experten einig. „Von Seiten des Gesundheitsministeriums gibt es erste Ansätze, eine bundesweite Strategie fehlt aber noch. Denkbar sind Ausgleichszahlungen für Firmen im Rahmen der Behindertenregelung“, schlug Dan­tendorfer vor. Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Psychopharmaka von niedergelassenen Ärzten verschrieben werden, forderten sowohl Dantendorfer als auch Schöny Ausbildungsreformen: Sie kritisierten, dass Jungärzte derzeit nur zwei Monate psychiatrisch und neurologisch geschult werden, und fordern eine zumindest halbjährige Ausbildungsdauer. „Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Betreuungsqualität ist die Deinstitutionalisierung der psychiatrischen Versorgung. Ziel ist es, weg von der Betreuung in großen psy­chiatrischen Institutionen und geschützten Werkstätten hin zu kleineren lokalen Betreuungsangeboten zu kommen“, so Malgorzata Kmita, Präsidentin von Mental Health Europe.

Emanuel Munkhambwa, Ärzte Woche 28/2007

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