zur Navigation zum Inhalt
 

Disharmonie

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist charakterisiert durch Stimmungen und Affekte, die sowohl in ihrer Qualität als auch Quantität starken Schwankungen unterworfen sind. Zwischenmenschliche Beziehungen sind extrem problembehaftet, weshalb ein annähernd normales soziales Leben für die Betroffenen nicht wirklich stattfindet.

 Auge

Foto: Buenos Dias/photos.com

Nicht nur der Kranke selbst, sondern auch sein unmittelbares Umfeld steht unter einem starken Leidensdruck. Borderline-Patienten gelten als hochgradig schwierige Patienten. Sie zeichnen sich durch eine sehr niedrige Frustrationstoleranz aus und gelten als die häufigsten Therapieabbrecher im psychotherapeutischen Behandlungskontext.
Die Behandlungsmöglichkeiten für diese Problempatienten haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, und zwar sowohl was das Angebot an Therapieplätzen, als auch die Qualität der Behandlung betrifft. Diesem Thema widmete sich das Symposium „Borderline Psychoanalytic/Psychotherapeutic Essentials“ am 28. April 2007 in Wien.
Die geladenen Vortragenden, Repräsentanten der unterschiedlichen Strömungen in der Psychoanalyse, präsentierten ihre Beiträge zur Behandlung von Borderline-Patienten. Es referierten: André Green, Paris, „Borderline Persönlichkeitsstörungen: diagnostische Kategorie oder Inhalt der Psychopathologie“; Marilia Aisenstein, Paris, „Wenn Psychoanalyse auf somatische Patienten trifft“; Eve Caligor, New York, „Der interpretative Prozess in der Behandlung von Borderline-Patienten“; Mary Target, London, „Ein psychoanalytisches Arbeitsmodell mit gespaltener psychischer Realität bei narzisstischen und Borderline-Patienten“ und schließlich David Taylor, London, „Funktionieren von Borderline: Die Wichtigkeit des Bedürfnisses des Patienten, einen Ausweg zu finden“.

Zwischen Psychose und Neurose

„Der Begriff Borderline ist zum inflationären Begriff geworden, auch in der Psychoanalyse“, kritisiert Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser, Leiterin der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, AKH Wien.
Die Prävalenz der Borderline- Patienten in der Gesamtbevölkerung wird mit 1,6 Prozent relativ hoch angegeben (Zimmermann und Coryell, 1989). Sie wählen meist einen urbanen Lebensstil, besitzen genauso häufig einen Schulabschluss wie der Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung, weisen jedoch im Vergleich meist einen niedrigeren sozio­ökonomischen Status auf. Ehen werden vergleichsweise seltener eingegangen und Partnerschaften verlaufen oft so stürmisch, dass Trennungen überdurchschnittlich häufig vorkommen.
In der Fachliteratur wird bestätigt, dass das Erkrankungsrisiko für Frauen größer als für Männer ist. Begründet wird dies durch die Entstehungsursache: Borderline wird mit körperlichem und sexuellem Missbrauch in der frühen Kindheit in Zusammenhang gebracht. Da weibliche Personen häufiger Opfer von – vor allem sexuellem – Missbrauch werden, sind sie auch öfter von der Erkrankung betroffen.
„Erstmanifestation ist meist ein Alter Mitte 20 oder Mitte 40“, erklärt Springer-Kremser. Die Krankheit kann jedoch bereits bei Jugendlichen beginnen, wobei sie dann aber, aufgrund des noch relativ kurzen Verlaufs, wesentlich schwieriger zu diagnostizieren ist. Manche Psychiater wollen in diesem Zusammenhang bei Jugendlichen aber überhaupt noch nicht von Persönlichkeitsstörung sprechen. Eine hohe Suizidrate charakterisiert das Borderline Syndrom. In der Literatur wird sie zwischen 4 und 9,5 Prozent angegeben.

Deskriptiv und strukturell zur Diagnose

Gerne werden besonders schwierige psychisch kranke Patienten oder schwer zu therapierende Patienten als wahrscheinliche Borderliner eingestuft. Eine Diagnose lässt sich allerdings nicht im Ausschlussverfahren, sondern nur durch das Vorliegen typischer Symptome stellen. Außerdem sind bei Borderline-Patienten charakteristische Abwehrmechanismen vorhanden und eine Gegenübertragung, die meist bereits im Erstgespräch wahrgenommen wird. Das Borderline-Syndrom gehört zu den Persönlichkeitsstörungen. Der Affekt schwankt bei dieser Erkrankung stark und kann bereits bei kleinsten Ereignissen zu unkontrollierten Impulsdurchbrüchen führen, was sich zum Beispiel in Drogen- und Alkoholkonsum oder Spielsucht äußern kann. Borderliner behaupten, vor nichts und niemandem Angst zu empfinden. Jedoch bei intensiver Beschäftigung mit den Patienten im Rahmen der Therapie kann eine massive Angst wahrgenommen werden, die als frei flottierende generalisierte Angst und in Form von spezifischen Phobien vorhanden ist. Geradezu charakteristisch ist die Fähigkeit zur Dissoziation, die der Angstverminderung dient. So entwerten Borderliner zum Beispiel bereits bei kleinsten Enttäuschungen den Partner oder den Therapeuten, um die Angst vor einem erneuten Verlassenwerden zu vermindern.

Gestörtes Ich

Patienten mit Borderline-Struktur zeigen eine völlig disharmonische Ich-Funktion, wie Andre Green in seinem Vortrag erläuterte. Für die Diagnostik ist das Instrument der differenzierten Einschätzung der Ich-Funktion von essentieller Bedeutung.
„Um die Kriterien für die Diagnose Borderline-Syndrom zu erfüllen, müssen sämtliche Ich-Funktionen gestört sein“, erklärt Springer-Kremser. Zusätzlich wäre für solche Patienten typisch, dass sie auf ganz alltägliche, minimale Traumatisierungen völlig chaotische Reaktionen zeigen. Diese würden ihrerseits ein sofortiges Agieren des Patienten nach sich ziehen. Dies äußere sich zum Beispiel in Aggressionsdurchbrüchen, kleptomanen Attacken oder sexuellen Triebdurchbrüchen. Diese teils massiv gestörten Menschen können jedoch interessanterweise in einem Berufs-Setting durchaus eine Zeitlang gut funktionieren, vor allem, wenn sie in Führungspositionen tätig sind. Jedoch limitiert meist ihr unangenehmes und sozial untragbares Verhalten den längerfristigen Erfolg. In untergeordneten Positionen werden sie noch früher auffällig.
Langzeitbeziehungen im Privatbereich funktionieren bei Borderline-Patienten grundsätzlich schlecht. „Punktuelle Beziehungen, wie zum Beispiel ,One-Night-Stands‘, sind besser möglich“, spricht die Expertin aus ihrer therapeutischen Erfahrung.

Frühkindliche Traumatisierung

Mary Target aus London sprach über die wichtige Funktion der „Mentalisierung“ für eine normale frühkindliche Entwicklung. Darunter versteht man die Fähigkeit, sich selbst und andere in ihrem seelischen Zustand zu verstehen. Zum Beispiel kann sich ein Kind nur dann seelisch gesund entwickeln, wenn die Mutter auf sein Weinen nicht mit einem fröhlichen Gesicht reagiert, sondern mit einem traurigen. Diese Interaktion wird in der Fachsprache als „Mentalisierung“ bezeichnet, eine Fähigkeit, die grundsätzlich bei jedem Menschen angelegt ist.
Durch gestörte Familienkonstellationen kann es nun im ersten und zweiten Lebensjahr des Kindes zu Entwicklungsstörungen kommen. Wenn dem Säugling die Mentalisierung fehlt, wird es ihm in der Folge unmöglich, die innere und äußere Welt richtig einzuordnen. So kann einerseits der Grundstein für ein Borderline-Syndrom gelegt werden, aber auch psychosomatische Erkrankungen können auf diese Weise entstehen (Marilia Aisenstein).

Von der Schwierigkeit, den Borderliner in Therapie zu halten

In der Therapie stellen die Patienten massive Anforderungen an den Therapeuten. Zu Beginn jeder Therapie muss daher ein Behandlungsvertrag (Dr. Eve Caligor) erstellt werden, der die Pflichten beider Parteien, nämlich des Therapeuten einerseits und des Patienten andererseits, festhält. Als Pflicht des Therapeuten gilt etwa, ein geeignetes, ruhiges Setting zu gewährleisten; der Patienten verpflichtet sich, pünktlich zu seinen Therapiezeiten zu erscheinen und nichts zu verschweigen, auch nichts scheinbar Unwichtiges, denn im Banalen liegt oft erst das ursächliche Problem.
„Das vorrangige Therapieziel ist es aber, den Patienten in Therapie zu halten“, urteilt Springer-Kremser. Der Borderline-Patient wird bereits beim geringsten Widerstand versuchen, die Therapie abzubrechen, „ich halte das nicht mehr aus“, ist sein häufigster Satz. Das Überidealisieren des Therapeuten führt in weiterer Folge zwangsweise zu seiner Entwertung, denn den Bedürfnissen des Borderliners kann niemand gerecht werden. Es bedarf also eines im Umgang mit Borderlinern erfahrenen und flexiblen Therapeuten. Springer-Kremser: „Zusammen mit dem Patienten sein Bild der Wirklichkeit zu korrigieren, ist das zweite Behandlungsziel bei der Behandlung von Borderline-Patienten“.
Mit interessanten Fallvorstellungen der Experten und einer anschließenden Podiumsdiskussion endete das Symposium.

Maierhofer, Ärzte Woche 27/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben